Herzlich willkommen zu Radio Banana!

Sein neues Album ist ein Blick auf Beats und die Geschichte der Clubmusik aus der Panoramaperspektive. War er bislang im Schnittmengenland von House und Disco unterwegs, zieht er jetzt erstmals sein gesamtes Musikspektrum aufs Tapet. Mit Sängern wie Romanthony und Tyree Cooper geht es auch um die Aufarbeitung der musikalischen Wurzeln des Niederländers. Großes Groove-Tennis.

Piratenradio im Kinderzimmer

Hallo und herzlich willkommen zu Radio Banana …” So oder ähnlich dürfte er im Alter von sieben Jahren seine private Kinderzimmershow angesagt haben, die alleine auf einem Kassettenrecorder aufgenommen wurde. Verlassen haben diese “Funkwellen” die vier Wände des elterlichen Hauses zwar nie, Radio Banana war dennoch streng genommen das erste Musikprojekt des Niederländers Tom Trago, der nun gute zwanzig Jahre später so etwas wie die Produzentenhoffnung aus dem Amsterdamer Rush-Hour-Umfeld darstellt. Der gefeierte erste Longplayer “Voyage Direct” war eine Ode an die wirklich wichtigen Schnittstellen zwischen Disco und House und wurde 2009 ein Wegbereiter zum Zugeständnis der Weite auf dem Floor. Musik kann Eskapismus sein, stellares Fernweh und keine innert verloopte Selbstreflektion mit tickendem Metronom hinter der Schädeldecke.

Von einzelnen Teilen zu ihrer Summe

Während das mittlerweile ein großer Teil der zeitgenössischen Dancefloorproduzenten auch verstanden hat, ist das nun erscheinende Trago-Album “Iris” wieder einen Schritt weiter: “Voyage Direct war für mich kein richtiges Album, sondern eher eine Zusammenstellung von Tracks. Auf der einen Seite ist es ein Album, weil es stilistisch konsistent ist und auch konzeptuell wirkt, aber auf der anderen Seite soll ein Album auch das volle Spektrum eines Künstlers wiedergeben können. Für mich fühlt sich Iris daher eher wie das erste richtige Album an, auch weil es mehr von mir abbildet”, erklärt Tom, der auf Iris vor allem auch mit Gesangs-Features arbeitete: Romanthony, Tyree Cooper, Om‘Mas Keith, der Amsterdamer Freund und Kollege San Proper zum Beispiel nehmen der Platte die gänzliche Clubverschreibung. “Die größte Herausforderung war, dass ich mich mit Song-Formaten auseinandersetzen musste, um einem Sänger musikalischen Raum geben zu können. Romanthony und Tyree Cooper sind zwei Helden meiner Jugend. Romanthony hat mich damals erst zur souligen House-Musik gebracht. Es ist noch immer unfassbar für mich, dass das mit den beiden geklappt hat. Ich verehre sie sehr. Als ich die Anfragen rausschickte und beide meinten, dass es eine Freude wäre Vocals beizusteuern, auch weil sie bereits Platten von mir kannten und scheinbar mochten … irgendwie unglaublich”, staunt er noch immer als hätte Luke Skywalker ihm gerade sein Lichtschwert vermacht.

Wurzelbehandlung

Alles begann für Tom in den 90ern mit HipHop. Der musikalische Emanzipationsschritt nach Radio Banana quasi. Turntables mit dem Austragen von Zeitung verdienen, Scratchen, Jugglen, die ganze Leier. Wenn man Trago auflegen sieht, dann sind seine DJ-Wurzeln noch immer dort zu erkennen. Er ist schnell, rastlos, lässt eine Transition nicht einfach Transition sein, virtuos und dennoch tight. “HipHop ist erstmal noch immer gute Musik. Ich bin damit aufgewachsen. Auf dem neuen Album hört man das auch mehr heraus als zuvor. Voyage Direct spiegelte meine Auseinandersetzung mit Disco und House wider, Iris klingt da rootiger. Aber auch noch heute kann ich einigen Lil-Wayne-Tracks etwas Spannendes abgewinnen.”

Tom Trago – Iris by rushhourrecords

Diktate aushebeln

Aber eigentlich ging es bei HipHop, so Tom, schon immer darum, aus den wenigsten Mitteln etwas Kreatives zu schaffen. Und noch immer würden auf der Welt Szenen gebildet. Das Machen ist dabei zunächst viel wichtiger als die Qualität. Und solange das so bestehen bleibt, sei doch alles alright im Staate HipHop. Keine Krise des Rap? Nicken wir so ab. Der Amsterdamer führte seine Interpretation von Beats in den letzten zehn Jahren als Musiker (“Ein Grund eine Party zu feiern.”) jedoch immer weiter von klassischen Rap-Beats fort. Seine Sounds haben trotz der eklektisch erscheinenden Stilwiese auf Iris einen hohen Erkennungswert mit einer persönlichen Handschrift, das Ganze wirkt auch eher plakativ und zugleich diffizil mit einem 8000er Edding platziert als mit der digitalen Lupe chirurgisch genau feinjustiert. Style eben. “Ein bisschen wollte ich schon das Bassdrum-Diktat umgehen. Das ist aber auch der Einfluss der Amsterdamer Musikszene. Hier ist der Maßstab schon immer nur gute Musik gewesen. Es ging nie darum, ob innerhalb einer bestimmten Szene diese eine Platte jetzt eine Referenz zum Sublabel von AB gezogen hat und eigentlich ein Alias-Projekt von DJ XY ist. Ehrlich gesagt, berührt mich dieser Zugang zu Musik nicht. Ich kann dabei nichts empfinden. Meine Musik ist vielleicht auch ein Statement gegen diese Form von subkultureller Isolation. Uns geht es bei Rush Hour und Co. aber allen so. Das ist unser Common Sense gewissermaßen.”

Staubige Speerspitze

Wichtig für Tragos Sozialisation im Amsterdamer Produzentennetzwerk waren aber auch Steven De Peven und Kid Sublime von Rednose Distrikt, die im letzten Jahrzehnt für eine große Welle in der niederländischen Szene mitverantwortlich waren “Damals sprach man vom Rednose Movement. Das war ziemlich groß. Leute wie Aardvarck waren damals auch mit im Boot. Von Kid Sublime habe ich zum Beispiel gelernt, wie man mit einer MPC umgeht und die Jungs waren es auch, die mich 2006 dazu gebracht haben, Tracks im Rush Hour Shop vorbeizubringen.” Seitdem ist Tom Trago ein fester Bestandteil der Dancenerd-Familie von der Spuistraat und mit einem guten Dutzend Releases auch eines der konstantesten Eigengewächse geworden. Auch der internationale Aufmerksamkeitstusch um die Amsterdamer Clique macht Tom für viele zum Aushängeschild einer neuen Produzentengeneration.

“Ich kriege schon mit, dass die Sache mit RH international immer größer wird und es freut mich, dass das Interesse für deepe Dance-Musik wieder wächst. Bis vor kurzem hatten wir diese Fronten zwischen trockenem Minimal und aufgeblasenem Electrohouse und anscheinend pegelt sich Rush Hour in der gesunden Mitte ganz gut ein im Moment, was die Aufmerksamkeit anbetrifft. Für mich fühlt sich der Boom aber sehr verspätet an, weil Christiaan und Co. die Sache schon seit 20 Jahren machen und eigentlich ihrer Linie immer treu geblieben sind. Ich kann auch nicht wirklich beurteilen, ob ich nun das Aushängeschild eines neuen holländischen Sounds bin, das bestimmen ja andere. Aber ich merke, dass viele gute, junge Produzenten in unserem Umfeld entstehen. Gerade niederländische Routiniers wie Legowelt, Dexter und Newworldaquarium haben einen großen Einfluss auf die junge Szene. Es entwickelt sich schon eine Art eigener Amsterdam-Sound. Meine Sachen, die ich als Alfabet mache, gemeinsam mit Awanto 3, würde ich diesem Sound zuordnen. Ein bisschen mehr Downtempo, mehr Space, mit diesem Bezug zum Rednose-Distrikt-Sound. Das Staubige und Raue dazwischen sozusagen. So ein Selbstverständnis darf aber natürlich nicht zum stilistischen Käfig werden. Es muss sich weiter entwickeln können. Ich glaube, das wird noch groß, ohne dass wirklich klar ist, welche Rolle ich oder Rush Hour dabei spielen werden. Das ist gerade erst die Spitze des Eisbergs und ich bin selber überrascht, wie sich alles auffrischt. Das Clubleben ist genauso spannend gerade: Es gibt viele junge Leute, die was auf die Beine stellen und frische Produktionen herausbringen. Was die Zukunft von Amsterdam anbetrifft, bin ich also Optimist. Die Sonne geht gerade erst auf.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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