In seinem neuen 3 Stunden-Film "Traffic" leiht sich Steven Soderbergh die Schauspielercrew von Robert Altman und verwebt 3 Drogenplots zu einem gesamtamerikanischen Panorama, dass so formal prägnant wie moralisch unentschieden bleibt.

Steven Soderberghs Drogenoper TRAFFIC weiß:
“Keiner kommt hier sauber raus”

French Connection in Mexiko

Hollywood hat schon länger ein Drogenproblem, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich der Erzählstrukturzerhackstückler Steven Soderbergh dem opernhaften (Fast-)Drei-Stunden-Format nähern würde. Schon THE LIMEY (1999) mit Terence Stamp war trotz oder gerade wegen der einfach klingenden Handlung – ein Ex-Knacki, der die Wahrheit über den Tod seiner Tochter herausbekommen will – ein Meisterwerk fragmentierter Erzählweise auf mehreren Zeitebenen. Der mainstreamigere OUT OF SIGHT (1998) und vor allem das Julia-Roberts-Vehikel ERIN BROCKOVICH (2000) schienen da in ihrer Einfachheit ein formaler Rückschritt, waren aber auch Beispiele, wie man auf hohem Niveau die Balance zwischen guter Unterhaltung, innovativer Form und ernster Thematik finden kann.
Tatsächlich passt Soderbergh, der sich mit SEX, LIES AND VIDEOTAPES (1989) als erfolgreicher Independent einführte, bis heute genausowenig nach Hollywood, und dieses Dazwischen ermöglicht ihm eine Vielfalt bei den verschiedenen Projekten. Mit TRAFFIC zeigt der ehemalige Cutter nun seine Souveränität im Komponieren episodischer Erzählstränge – und im Einsatz von Hollywood-Schauspielern in uneitlen Nebenrollen.

Manchmal vermutet man sich kurz in einem Altman-Film, weil ständig bekannte Gesichter wie Salma Hayek, Amy Irving, Albert Finney oder Benjamin Bratt für einen Kurzauftritt durch die Szene laufen. Dafür kommen notorische Nebendarsteller wie Don Cheadle oder Luiz Guzman endlich mal groß mit aufs Plakat. Das Casting für TRAFFIC war bei über 100 Sprechrollen ohnehin ein anspruchsvoller Job. Als großer Film über ein “schwieriges Thema” angelegt, wurde TRAFFIC dennoch überaus ökonomisch hergestellt: In nur 54 Tagen in neun Städten und 110 Drehorten gedreht, und das für unter 50 Millionen Dollar.

Hervorgegangen ist TRAFFIC tatsächlich aus zwei Projekten: den Remake-Rechten an der britischen Mini-Serie “Traffik” von 1989, die die Drogen-Route von Pakistan durch Europa auf die Insel beschrieb, und einem Skript, das Autor Steve Gaghan ursprünglich für Edward Zwick als Regisseur geschrieben hat. Soderberghs Produktionsfirma brachte dann beide Projekte zusammen und verlegte die Handlung nach Nordamerika.

“Ich heiße Caroline und ich habe ein Drogenproblem.”

Tijuana: Der mexikanische Polizist Javier Rodriguez Rodriguez (Benicio del Toro), ein Aufrechter im Korruptionssumpf, will General Salazar, Chef der Anti-Drogeneinheit, helfen, dem Obergon-Kartell das Handwerk zu legen. Zu spät erkennt Rodriguez, dass Salazar seine Geschäfte mit der gegnerischen “Familie” macht und er nun zwischen den Fronten steckt.

Ohio: Der designierte Drogenbeauftragte der US-Regierung, Richter Robert Wakefield (Michael Douglas), ist ein Hardliner, überzeugt, im Kampf gegen Drogenhändler wie -konsumenten das Richtige zu tun. Komplex wird das Thema für ihn erst, als er herausfindet, dass seine Tochter cracksüchtig ist. Aber freilich siegt seine Moral über den teenagermäßig-verständlichen Ausbruchsversuch aus seinem Einflussbereich; geläutert begibt sich Caroline in Therapie.

San Diego: Erst bei der Verhaftung ihres Mannes durch die DEA erfährt Helena Ayala (Catherine Zeta-Jones), dass sich ihr Wohlstand seinen Drogengeschäften verdankt. Da Ayala der amerikanische Hauptabnehmer von Drogen des Obergon-Kartells in Tijuana war, steigt sie notgedrungen ins Geschäft ein, um die Schulden ihres Mannes begleichen zu können.

TRAFFIC montiert diese drei Erzählstränge auf sehr komplexe Weise. An einigen Punkten laufen die Stories kurz zusammen, so beauftragt Ayala, um einen für ihren Mann belastenden Zeugen auszuschalten, denselben Killer, der dann von Salazar gefoltert wird. In formaler Hinsicht unterscheiden sich die drei Plots hingegen überdeutlich.

Ohio ist blau-grau und sehr kalt

Die mexikanischen Sequenzen, die gut ein Drittel des Films ausmachen, werden spanisch gesprochen und untertitelt gezeigt – für das amerikanische Publikum geradezu unerhört. Der fast dokumentarische Eindruck verstärkt sich durch die insertierten Schauplätze; eine große Hilfe beim Einordnen der parallel montierten, schnellen Ortswechsel und neu eingeführten Personen. Eine eigene Farbästhetik unterstützt die Trennung der Episoden: Mexiko ist gelblich, grobkörnig und gleichzeitig überscharf und oft strobo-artig verwackelt fotografiert. Ohio ist vor allem blau-grau und sehr kalt. San Diego wirkt als einziger Ort “naturalistisch” und warm.

Trotz der Farbeffekte wurde TRAFFIC überwiegend mit vorhandenem Licht gedreht. Soderbergh war unter Pseudonym auch der Kameramann des Films, er verdankt also sich selbst die genaue Umsetzung seiner ästhetischen Ideen. So “zufällig” die Bilder wirken, so sorgfältig hat Soderbergh daran gearbeitet, gängige Bildkompositionen zu zerstören. Die Charaktere sprechen häufig aus dem Off, sind manchmal nicht im Licht und nicht im Fokus. Ein solcher Doku-Stil als Resultat eines technisch-formalen Perfektionismus sucht im Hollywood-Kino wohl seinesgleichen.

Auch die Distanz zu den Schauspielern ist genau bemessen. Soderbergh benutzt einerseits keinen mittlerweile üblichen Videomonitor, um unnötige Distanz zwischen Regie und Darstellern zu vermeiden (um die er sich allerdings als Kameramann ohnehin nicht sorgen muss). Andererseits schafft Soderbergh, und das ist das Spannende, extrem distanzierte Bilder. Er hält eine bestimmte Entfernung ein, um jede “theatralische Ästhetik” zu umgehen. Die Wahl der Einstellungen, die Kamerahöhe und der Abstand zur Person, nichts ist hier Zufall – trotz des dokumentarischen Eindrucks. Bei aller formalen Meisterschaft wirken die Charakterisierungen aber manchmal klischeehaft. Durch den Abstand funktioniert die gewohnte Identifikation durch gängige Inszenierungen eben nicht. Einige Personen agieren deshalb scheinbar unecht und einen Tick zu cool; Verzweiflung kann, auch wenn sie angebracht wäre, über diese Distanz nicht wirken.

Es ist einer dieser Filme, bei denen man sich sicher ist, formal “state of the art” bedient worden zu sein, der einem aber eigentlich zu lang vorkommt und inhaltlich irgendwie zu aufgeblasen. Soderbergh drückt sich vor lauter Distanz und dokumentarischer “Objektivität” auch geschickt um eine Position. Was beim Thema Drogen ganz angenehm ist. Bloß warum ist der Film dann so lang? Um sich nochmal die Komplexität vor Augen führen zu lassen, dass keiner gut ist und keiner böse? Die Tagline “Keiner kommt hier sauber raus” ist dann wohl tatsächlich die Essenz.

Dass man trotz aller dokumentarischen Körnigkeit über die Situation der Mexikaner und deren Kriminalisierung so gar nichts erfährt, ist auch schade. Angesichts der bekannten Bilder langer Autoschlangen an der Grenze hat PERDITA DURANGO scheinbar schon allen sozialen Realismus geboten. Aber TRAFFIC zeigt immerhin, dass der “Drogenkrieg” nicht zu gewinnen ist. Mit vielen Grüßen an die DEA.

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Elektronische Lebensaspekte.

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