Gegen den Rest der Welt

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Text: Sebastian Weiß

Adrian Thaws alias Tricky ist zurück. Bristol, TripHop, Martina Topley-Bird – die Geschichten sind bereits erzählt, was aber nicht heißt, dass der Mann aus Knowle West nichts mehr zu erzählen hat. Im Gespräch anlässlich seines neuen Albums “False Idols” teilt der 45-Jährige mächtig aus – gegen sein altes Label, die Queen und Barack Obama.

Bei deinem letzten Auftritt hier in Berlin hast du dermaßen viel gekifft, dass ich mir nicht sicher war, ob du den Gig überstehen würdest. Was verbrauchst du aktuell so?

Auf der Bühne zu kiffen, ist kein Problem – langjähriges Training, verstehst du? (lacht). Ich bin mit Weed aufgewachsen, selbst mein Vater kifft. Für mich ist es keine Droge, eher Meditation und Teil meiner Kultur. Aber wenn meine Sängerin einen Spliff vor der Show raucht, dann liegt sie nur noch am Boden, muss ständig lachen oder will einfach nur schlafen.

Was sagst du deiner 17-jährigen Tochter, wenn sie anfangen möchte zu kiffen?

Ich rauche einfach mit (lacht). Aber ich erkläre ihr auch, wovon sie lieber die Finger lassen sollte und achte darauf, dass das alles nicht ihr Leben bestimmt. Sie ist ohnehin eher die Gelegenheitskifferin. Verbote hätten sowieso keinen Sinn, Kinder halten sich nicht an solche Ansagen.

Hättest du überhaupt die Autorität, ihr etwas zu verbieten?

Ich möchte ihr gar nichts verbieten, das ist der entscheidende Punkt. Unsere Beziehung basiert auf Freiheit. Als sie ein Kind war, konnte sie zum Beispiel die Wände unseres Hauses bemalen. Ich habe ihr gesagt, es interessiert mich nicht, tob dich aus! Es ist unser Haus, also darf sie sich hier ruhig vollkommen frei fühlen.

Ein Hauch von Hundertwasser.

Genau. Wir reden einfach offen über alles. Sie hat auch schon mal Ecstasy und Acid genommen, dagegen kannst du als Vater nichts machen, außer ihr von bösen Trips zu erzählen, sodass sie mehr Respekt oder gar Angst vor den Drogen bekommt.

Klingt nach einem halbwegs vernünftigen Dad. Man könnte auch sagen: Da spricht das jamaikanische Blut in deinen Adern?

Vielleicht hast du Recht. Die Jamaikaner sind einfach relaxter, das habe ich auch immer wieder bei den zahlreichen Kollaborationen gemerkt. Ich will auch immer noch irgendwann ein Reggae-Album aufnehmen. Ich setz mich aber nicht unter Druck, es kommt wie es kommt. Ich weiß aber, ich muss das machen, es ist ein großer Teil meiner Geschichte.

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Lass uns über die Vergangenheit sprechen, denn der Titel deines neuen Albums “False Idols” schaut eher zurück als nach vorne. Was waren deine falschen Idole?

Aktuell ist Barack Obama eines der größten falschen Idole unserer Zeit. Es kommen so viele Lügen aus seinem Mund. Die englische Monarchie, die Queen, die katholische Kirche – das sind alles major False Idols. Genau wie mindestens 90% aller Popstars. Wenn Menschen in einer Machtposition oder berühmt sind, ohne anderen zu helfen, sind das für mich falsche Idole.

Wie haben dich diese oder andere Idole beeinflusst?

Obama, Bush, Cameron oder die Queen sind düstere Gestalten für mich, die machen mich krank und wütend, weil sie ihren Status nicht dafür verwenden, Sinnvolles zu schaffen. Manchmal kann ich einen Kriminellen mehr verstehen als einen Politiker. Ein Krimineller macht gewisse Dinge für Geld, um seine Kinder und Familie zu ernähren. Ich kenne wirklich schlimme Gangster, aber die haben das Herz am richtigen Fleck. Aber an Obama ist nichts Gutes.

Hat Obama den Menschen nicht wenigstens Hoffnung gegeben, zählt das nicht?

Wenn du dir die Hintermänner anguckst, sind es dieselben Nasen, die auch unter Bush schon Macht ausübten – kein Unterschied. Sicherlich ist er ein guter Redner, aber das macht ihn noch lange nicht zu einem altruistischen Menschen. Es geht einzig und allein um die Bilder, die die PR-Kampagne in unsere Köpfen pflanzt. Werbung funktioniert, das ist wissenschaftlich erwiesen. Wenn die PR-Maschine stark genug ist, kann jeder zu einem Idol gemacht werden.

Willst du ein Idol für irgendjemanden sein?

Nein (überlegt). Wenn du jemanden liebst, aber keine Liebe für dich übrig hast, dann musst du zunächst lernen, dich selbst zu lieben. Du kannst niemanden mehr lieben als dich selbst. Es ist gut, jemanden zu mögen und wunderbar, von jemandem inspiriert zu werden, aber respektiere die Person niemals mehr als du dich selbst respektierst!

Seh’ ich anders: Ich glaube nicht daran, dass man sich selbst lieben muss, um jemand anderen zu lieben.

Musst du auch nicht, aber ich sage: Jemanden zu lieben, der in erster Linie nur eine Projektion ist, ist lächerlich. Du kennst die Person nicht, sie kennt dich nicht. Sie weiß noch nicht mal, dass du existierst. Ich kann einen Musiker verehren, aber er weiß nichts über mein Leben. Wie kann ich ihn mehr lieben, als mich selbst?

Das ist doch das Problem mit der Idolisierung: Man vergisst sich selbst und missachtet seine eigenen Fähigkeiten. Hast du eigentlich noch Idole?

Bobby Kennedy, Martin Luther King oder Malcolm X sind wahrhaftige Idole für mich. Das sind Menschen, die nicht nur eine Botschaft hatten, sondern Menschen konkret geholfen haben. Daran will ich mich orientieren.

Auch wenn ich dich nicht als religiös einschätzen würde, aber was ist mit Gott?

Ich glaube nicht an Gott, eher an die Natur. Ich kann nachvollziehen und beobachten, was sie bewirkt. Gott kam noch nie nach unten und hat mit mir einen Kaffee getrunken.

Du sagst selbst, dass du falschen Idolen hinterher gehechelt bist. Du musstest erst wieder lernen, deine eigene Stimme zu hören – ein Kampf, den irgendwie ja jeder kennt.

Weißt du, Teile der Musikindustrie ziehen dich einfach runter. Während der Zeit bei Domino war ich ein Business-Mann und kein Musiker. Ich habe Analysen anstellen müssen, Logik war die Grundlage für meine Musik, da verlierst du dich. Ich habe lediglich Musik gemacht, um meine Rechnungen zu bezahlen. Ich war mit dem ersten Album bei ihnen schon nicht zufrieden und habe dann trotzdem noch ein zweites gemacht.

Klarer Fall von contract fulfillment!

Leider, ja. Ich lerne langsam, das war schon immer mein Problem. Ich checke einfach gewisse Dinge nicht schnell genug, es ist lächerlich (lacht). Unglaublich wie unglücklich ich damals war. Und ich Idiot habe trotzdem noch ein zweites Album für die aufgenommen. Bescheuert.

Und mit deinem neuen Label wird jetzt alles anders? Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, würde ich sagen: einerseits eine Plattform für befreundete Musiker ge- schaffen, andererseits der kaputten Musikindustrie den Mittelfinger gezeigt, oder?

Das gefällt mir (lacht). Das Label False Idols ist kein Supermarkt. Es soll ein Vehikel sein für gute Musik und tatsächlich eine Art Flucht aus der großen Industrie. Wenn A&R-Guys keinen Hit haben, werden sie traurig. Oder die neue Band: wenn sie keinen Hit unter ihren ersten Singles hat, wird sie fallengelassen. Ich werde meine Künstler nie fallenlassen, sie können sich auf mich verlassen. Wie heißt nochmal die Sängerin, die 2011 in London starb?

Meinst du Amy Winehouse?
Warum haben sie nicht besser auf sie aufgepasst? Wäre Amy auf meinem Label gewesen, hätten wir keine weiteren Platten veröffentlicht oder große Touren geplant.

Sie ist in gewisser Weise das Exempel dafür, dass es leider immer ums Geschäft geht. Da ist eine Frau, die of- fensichtlich nicht klarkommt …

… und die Plattenfirma interessiert sich einen Scheiß dafür.

Oh doch, they care. Aber vom Untergang eines Idols kann eine Menge Profit geschlagen werden.

Das ist so erbärmlich, sie hätten ihr auf jeden Fall helfen müssen, die war doch nie im Stande über ihr Leben allein zu entscheiden. Keine Releases herauszubringen, um sie nicht gleich wieder auf Tour zu schicken, wäre sicherlich eine Hilfe gewesen. Eine beschissene Tragödie.

Tricky, False Idols, ist auf False Idols/Alive erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Lesenswerte Interviews

    […] szene aus bristol, aus der auch gruppen wie massive attack oder portishead entstanden sind. De:Bug Magazin » Tricky Adrian Thaws alias Tricky ist zurück. Bristol, TripHop, Martina Topley-Bird – die […]

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