Eskapaden mit Andrew Weatherall und Keith Tenniswood


Andrew Weatherall und Keith Tenniswood lieben Eskapaden. Und es ist ihnen ziemlich egal, dass niemand sie versteht. Auch das achte Album ist wie nichts zuvor. Überraschung: Two Lone Swordsmen sind jetzt eine Rockabilly-Band.

Andrew Weatherall hatte kurzfristig auch mal andere Pläne. Um 1997 rum kam ihm die Idee, der Tom Waits der elektronischen Musik zu werden. Weatherall übernahm eine Rolle in einem mäßig erfolgreichen Gangster-Film namens “Hard Men“. Und dann wartete er neben dem Telefon. Er wartete, aber es rief niemand an. Schon gar niemand, der weitere Filme mit ihm drehen wollte. Darüber war er nicht sonderlich traurig. Weatherall lacht über alles und jeden, auch sich selbst, und überhaupt hatte er in den letzten zwanzig Jahren schon viele Ideen. Bescheuerte und gute, erfolgreiche und tendenziell eher tödliche.

Er schrieb in den achtziger Jahren unter einem Frauennamen für das Musikmagazin “New Musical Express“, gab sein eigenes Fanzine heraus, managte zwei Clubs in London, kokste sich sein Gehirn auf Erbsengröße und produzierte Anfang der neunziger Jahre das bahnbrechende Album “Screamadelica“ von Primal Scream. So war das. Und auch wenn er sagt, er habe weder viel Geld in der Tasche noch großartige Ambitionen in seinem Leben, ist Weatherall, das muss er selber zugeben, auf seine Art und Weise ein ziemlich erfolgreicher Typ. Einer, der viel auf die Beine gestellt hat und es trotzdem liebt, im Abseits zu stehen. Lange Zeit gab er überhaupt keine Interviews, weil er meinte, alle seine coolen Helden von früher hätten das ja schließlich auch so gemacht. “Ich war zwei Mal auf Magazincovern, aber an sich versuche ich so was zu vermeiden. Das sollen jüngere und schönere Menschen machen“, sagt er.

Seit mehr als zehn Jahren, also ungefähr seit der Geschichte mit dem Gangster-Film, sind Andrew Weatherall und sein Studiopartner Keith Tenniswood “Two Lone Swordsmen”: eine obskure Band, die von allen gelobt und von niemandem verstanden wird. Das mag daran liegen, dass sie vielleicht auch gar nicht so richtig verstanden werden kann. Mit ihrer Musik ist es ein bisschen wie mit Irrlichtern. Man sieht sie, geht ihnen nach, greift ins Leere. Und ein paar Minuten später tauchen sie wieder ganz woanders auf. Die musikalische Geschichte der Two Lone Swordsmen durchquert Genres und Subgenres, deren Existenz mit Recht bezweifelt werden darf. Blubber-Hop, Grottenolm-Disco, Booty-Noise, Heroin-Blues, und seit neuestem: Zombie-Rockabilly.
Dass sie keiner so richtig versteht, macht den beiden nicht besonders viel aus.

In einem früheren Interview mit Debug sagte Andrew Weatherall, er empfände auf eine perverse Art und Weise Spaß dabei, dass die Leute ein falsches Bild von ihm hätten. In seiner eigenen Wahrnehmung fahren Two Lone Swordsmen natürlich ein glasklares ästhetisches-Programm. Doch das muss man laut Weatherall eben jenseits der musikalischen Struktur suchen gehen, weil es tief in den klanglichen Partikeln der Musik steckt. Bei den frühen Produktionen genau wie bei der neuen Rockabilly-Platte “Wrong Meeting 2“. “Wir verändern uns gar nicht so oft, wie die Leute immer sagen. Eigentlich bleibt die Musik immer gleich. Es geht um diese dunkle Stimmung und eine gewisse Form von Humor. Nur Dunkelheit, das funktioniert nicht. Du musst immer wieder ein bisschen Licht reinscheinen lassen, dann hat das Dunkel einen guten Effekt“, sagt er.

Der Humor von Two Lone Swordsmen ist berüchtigt. Die Deutschen wissen das spätestens seit dem Album “Tiny Reminders“ aus dem Jahr 2000. Da gab es zwischen all dem Rauschen und Blubbern einen schnellen Elektro-Track, aus dem plötzlich eine Stimme auftauchte, die auf Deutsch von der Großartigkeit der Algebra berichtete.
Auch “Wrong Meeting 2“ kommt ohne diesen Hauch von Irrwitz nicht aus. Doch diesmal liegt er eher im Gestus als in kleinen Scherzen. Andrew Weatherall singt. Und zwar in schönstem Pomaden-Pathos. Er und Keith Tenniswood haben Rock’n’Roll-Songs geschrieben, die die Ära der musikalischen Bad Boys der 50er und 60er Jahre mit Nirvana-Rotz und Drum-Machines vermischen. Weatherall sagt, alte Rock’n’Roll- und Rockabilly-Platten seien die erste Musik gewesen, die ihn in “seltsame Zustände” versetzt habe. “Meine Lieder erzählen Geschichten von Liebe, Verzweiflung, Sucht, Freundschaft, Spaß. Ganz besonders von Verzweiflung.“

Eine rein elektronische Platte wäre den Two Lone Swordsmen heute zu langweilig. Da ist die Luft für die beiden zur Zeit raus. “Auf alten Rockabilly-Platten mussten die Musiker so richtig an den Instrumenten rumbasteln, um diesen abgefuckten Sound zu kriegen. Gitarren sind für mich gerade mehr Techno als Techno. Manchmal klingen sie wie von einem anderen Stern“, sagt Weatherall.

Seit “Wrong Meeting 2“ fertig ist, hat Andrew Weatherall schon wieder neue Ideen entwickelt. Nach seinem Soloalbum will er mit einer Punk-Band arbeiten. Warum er nicht einmal ein bisschen länger bei der Sache bleibt? “Ich will vermeiden, so ein Mode-Ding für den Mülleimer zu werden“, sagt er. Und das klingt ausnahmsweise ziemlich ernst.
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Elektronische Lebensaspekte.

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