Tyler, the Creator hat entweder komplett einen an der Waffel oder aber alles verstanden.

„I’m awesome and I fuck dolphins!” Wer solche Ansagen macht, hat entweder komplett einen an der Waffel oder aber alles verstanden. Auf Tyler, The Creator trifft letztlich beides zu. Der 19-jährige ist der Rudelsführer der Odd Future-Wolfsbande aus L.A., ein durchgeknalltes Kollektiv an Rap-Riots, die mit ihren Hipster-Horrorcore-Hybriden das HipHop-Genre auf den Kopf stellen.

Snoop Dogg hat keine Lust auf den internationalen Promotag in Amsterdam. Als er in einem schwarzen Van mit verdunkelten Scheiben vor dem Hotel am Hauptbahnhof hält, geht es schnurstracks in die für ihn und seine Entourage reservierte 6. Etage. Die Playstation wird an den HD-Fernseher angeschlossen, die Bodyguards schleppen Tütchen mit Gras und Tüten mit KFC-Fastfood rein. Draußen warten die Journalisten. Aber Snoop will nicht reden. Und nach elf Alben und über 14 Millionen verkauften Platten muss er das auch nicht mehr. Tyler, The Creator hat zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Platte verkauft, sondern nur ein paar Tracks und Mixtapes über das Netz veröffentlicht. Sein erstes ”richtiges“, also gepresstes Album mit Plattenfirma im Rücken erscheint gerade erst. “Goblin“ ist der zweite Teil in Tyler‘s Albentrilogie. Der Jungspung hat also, so möchte man meinen, definitiv etwas zu sagen – doch ähnlich wie der berechtigte Gernegroß Snoop Dogg verweigert er sich einem Gros der Journalisten gekonnt. Fast alle Interviewslots vor dem Berlin-Konzert wurden kurzerhand abgesagt. Aber überhaupt ist Tyler, The Creator für ein Gemisch aus absurden Gegenfragen und kompletter Gesprächsverweigerung bekannt. Wenn er etwas zu sagen hat, macht er das entweder auf Beats – oder aber er haut via Twitter Denunzierungenkaskaden noch und nöcher in die Timeline.
      
Inkonsequente Antihaltung       
Tyler, The Creator ist ein hagerer Schlaks mit Frechdachsgrinsen und einem Humor, schwärzer als das Griptape auf seinem Skateboard. Er steckt in einem Zitate-Dresscode aus Supreme-Snapback, kurzärmeligen Vintage-Button-Ups, Dickies-Shorts, Throwback-Tubesocks und abgeranzten Vans-Sneakern. Er ist der Anführer von einem Haufen Jugendlicher, die vorgeblich nichts außer Flausen, dreckiger Rap-Musik und den heißesten Skatespots der Stadt im Kopf haben. Das Kollektiv hört auf den Namen ”Odd Future Wolf Gang Kill Them All“, kurz OFWGKTA, noch kürzer: Odd Future oder Wolf Gang – und gerne auch in der kryptisch-abgeänderten Variante Golf Wang. Tyler ist das Oberhaupt. Ein gerade mal 19-jähriger, der davon rappt, eine Schwangere zu vergewaltigen, um vor seinen Freunden damit zu prahlen, dass er gerade einen Dreier hatte. Einer, der darüber nachdenkt, die Asche von Hitler zu schnupfen, um kurz danach den Geschlechtsakt mit einem Dinosaurier zu vollziehen. Er ist der Teufel im White-T. In Interviews wirkt der 19-jährige dagegen so albern wie ein Kind mit ADHS. Er erzählt gerne vom Ritalinkonsum, und warum er es wegen einer Wechselwirkung mit seinem Asthmaspray absetzen musste. Für den kleinen Creator ist dann alles ein riesengroßer Witz und das Bild, das er von sich zeichnet, es passt eigentlich in keinem Moment zu dem bösen Junge mit der Stimme eines Serienkillers, der seine Geisteskrankheiten über den Takt flucht. Tyler, The Creator ist inkonsequente Antihaltung durch und durch. Ein Rebell voller Widersprüche. Und schlussendlich ein relativ normaler Teenager, dem die ganze Welt beim Erwachsenwerden zusieht. Statt eines geschönten Teeniestar-Images kehrt der Authentizitätsgedanke des HipHop diese stetig fortschreitende Werdung allerdings ins genaue Gegenteil – mit all seinen Irrungen und Wirrungen.

OFWGKTA
Das gerade erschienene Album “Goblin“, ist der Nachfolger des 2009er-Debüts “Bastard“ und der zweite Teil des Triptychons, welches im nächsten Jahr mit “Wolf“ komplettiert werden soll, und es zeugt ganz anschaulich davon. Tyler kotzt auf dem Album so richtig ab: aus Spaß ist plötzlich Arbeit, aus Gerede Attitüde und aus Tyler, The Creator ist ein Star geworden. Es ist kaum verwunderlich, dass “Goblin“ als eine einzige große Therapiestunde daherkommt. In Interludes vor und nach den Songs hört man Tyler im Zwiegespräch mit seiner verzerrten Stimme, einem fiktiven Therapeuten. “Goblin“ ist ein popkulturelles Psychogramm erster Güte. Die Beats tönen dabei entgegen der textlichen Roughness recht mellow und weich – sie erinnern nicht selten an die Produktionen der Neptunes. In Zeiten, in denen HipHop vor sich hinsiecht, wird jeder gegen den Strom schwimmende und halbwegs innovative Rapper gerne mal zum Retter des Genres auserkoren. So auch Tyler, The Creator und seine Jungs, die da wären: Hodgy Beats, Earl Sweatshirt, Domo Genesis, Mike G, Frank Ocean, Left Brain, Syd tha Kyd, Jasper Dolphin, Matt Martians und Taco. Während zu dem losen Verbund von Odd Future grob geschätzt 50 Teenager gehören, liegt der Fokus dieser Tage auf dem erwähnten guten Dutzend an Burschen, die über ihren Tumblr-Blog in den letzten zwei Jahren eine Handvoll Alben und Mixtapes auf das Internet losgelassen und es mit radikalem Riot-Rap in fast alle Blogs und Magazine geschafft haben. Dabei ziehen sich Themen wie Vergewaltigung, Vandalismus und Vaterlosigkeit wie ein roter Faden durch das Œuvre der Jungs, die natürlich ganz bewusst mit der Angst vor dem schwarzen Mann kokettieren und dennoch weit mehr als die nächsten Kanoniere des Gangster Rap sind.

Samstagabendunterhaltung mit Sturmmaske
Tylers’ Song “Yonkers“ war es, der den Rap-Rugrats den Weg ebnete: ein Stück Musik, das grob mit dem Kratzen auf einer Schiefertafel umschrieben werden könnte, gepaart mit atonalem Bass und hier und da wahllos eingestreutem Klaviergeklimper. Dazu starrt Tyler im schwarz-weiß gehaltenen Video mit vermeintlich Ecstacy-induzierten Tellerpupillen in die Kamera, verspeist eine Kakerlake, übergibt sich kurz darauf und erhängt sich, sodass seine leblosen Beine im Scherenschnitt hin- und herbaumeln. Prompt folgte die Einladung von Jimmy Fallon, einem der Late-Night-Show-Moderatoren des amerikanischen Fernsehens. Dort versteckte Tyler sein Gesicht wie ein Bankräuber unter einer grünen Sturmmaske, auf die er mit Filzstift ein umgedrehtes Kreuz gemalt hatte. Die Musik quietschte in den Ohren, Deko-Gartenzwerge wurden von Kleinwüchsigen zertreten, ein besessenes Dämonenmädchen wankte apathisch über die Bühne und hielt sich die Ohren zu. Außerdem ritt Mos Def auf dem Rücken von Tyler euphorisch durchs Studio und tat seine Begeisterung kund. Alles schien jetzt möglich. 

Noch bevor Pitchfork & Co. die Wolf Gang auf dem Schirm hatten, ebnete sich das Kollektiv seinen Weg zudem in beispielloser DIY-Manier mit kostenlosen Alben und Mixtapes selbst. Nun ist das Mixtape-Format im HipHop nichts Ungewöhnliches: wahllos ein paar halbfertige Songskizzen zusammengeschmissen, ins rar-Archiv gepackt und über die einschlägigen Blogs feilgeboten, fungieren sie als Appetithäppchen oder Retter über Durststrecken bei Release-Müdigkeit. Bis hier hin ist die bisher elf kostenlose Alben und Sampler umfassende Digital-Discografie der Wolf Gang also keine Besonderheit. Interessant ist jedoch die Professionalität und Akribie, mit der die Alben aus L.A ins Netz gespeist wurden.

Do or die und DIY
Man kann Tyler und das gesamte Œuvre der Crew nicht verstehen, ohne das aktuelle genreübergreifende Selbermach-Ethos im Popinternet zu verstehen: den ganzen Tag skaten und abends an der Bong zu ziehen, schließt für OFWGKTA nicht aus, dass man nebenbei klassisch kreativ ist. Odd Future heißt do or die und DIY gleichermaßen. Tyler, The Creator trägt seinen Namen nicht umsonst – er ist für die Regie fast aller Odd-Future-Videos selbst verantwortlich. Ein angestrebtes Filmstudium ließ er zwar sausen, mit HD-Cam und Final Cut zaubert er trotzdem schöne Avantgardeclips zusammen. Ständig saugt er sich neue Skizzen, Ideen für Logos oder Modelinien aus den filzstiftbeschmierten Fingern. Was das Artwork angeht, orientiert das Odd-Future-Kollektiv sich dabei gekonnt an der derzeit omnipräsenten Tumblr-Vintage-Ästhetik: per Photoshop verfremdete Yearbook-Aufnahmen, trashige Farben und grobkörnige Schriftzüge. Zusammen mit dem Spiel mit Zeichen wie Dreiecken und Kreuzen in Band- und Songnamen wird hier eine Ästhetik für den HipHop virulent gemacht, die zuvor noch für Witch House galt oder auch von den anderen aktuellen Hypemonstern Hype Wiliams von England aus durchgespielt wird. Doch statt Code-evozierten Entzug der Suchmaschinen-Mechanismen zeugen sie im Falle von Odd Future von simpler Provokation mit dem Jenseits und nicht ganz ernst gemeinten Ritual-Wort- und Buchstabenhülsen: kill people, burn shit, fuck school.
Noch dazu werden auf beinahe jedwedem Release Hasstiraden gegen die einschlägigen HipHop-Blog-Institutionen mit Hang zum Hype – 2dopeboyz, Nahright, Hypebeast etc. – geschwungen. Außerdem haben die Jungs mit Kid Cudi und B.o.B. jene MC’s auf dem Kieker, die in den letzten beiden Jahren als Vorreiter des Hipster Rap galten. Vordergründig wettern Tyler und seine Jungs auf Teufel komm raus zwar gegen den Hype. Das ändert aber nichts daran, dass die Anti-Hipster-Haltung das genaue Gegenteil zur Folge hat. Die Verweigerung der üblichen Mechanismen als Buzzbeschleuniger.

Hate- und Hipsterrap
Odd Future Wolf Gang Kill Them All ist ein Gesamtpaket, dass so herrlich unstimmig anmutet, dass letzten Endes doch alles stimmt. Der Kult des Wu-Tang Clan, die Aufgekratztheit der Beastie Boys, der Schockmoment von N.W.A und Soundreferenz zum Horrorcore aus Memphis – mit so einer schafft man es in die iPod-Playlist von sturen Realkeepern, die großen Samstagabendshows und das hochtrabende Feuilleton gleichermaßen. Es folgen Tyler-Retweets in der Timeline von Größen wie Kanye West und Bilder mit Teeniewiener Justin Bieber. Odd Futures Vorzeigecrooner (Tyler: “Wolves can sing, too!“) mietete sich gerade erst mit Beyonce Knowles im Studio ein – die Ereignisse überschlugen sich. Als Tyler schließlich mit seinem großen Idol Pharrell Williams vom Produzentenduo The Neptunes anbandelte, war eh alles vorbei. Doch nicht nur in Major-Kreisen, sondern auch in der Independent-Szene ist der Rückhalt groß: Schwedenchansonette Lykke Li beauftragte Tyler jüngst für einen Remix ihrer Single “I Follow Rivers“ und Bedroom-Produzent Toro Y Moi verhalf den ruppigen Beatstrukturen der Jungs mit seinem organischen Sound zu Anerkennung in Hipster-Runoff-Kreisen. Sogar die Dubstepfraktion – James Blake und Falty DL – zeigten sich zuletzt angetan.

Bei dieser widersprüchlichen Entwicklung passt es gut ins Bild, dass Tyler für sein zweites Album “Goblin“ bei einer Institution wie XL Recordings unterschrieb. Das in London ansässige Label stand bis dato für den Preppy Pop einer Band wie Vampire Weekend, Stadion-Indie von Radiohead und die radiotauglich-radikalen Alben der tamilischen Hipsterbraut M.I.A. – ein vermeintlich avantgardistisch-anarchistischer Antiheld wie Tyler, The Creator macht sich da ganz gut im Roster. Für die Zukunft hat sich die Wolfsbande mit Sony/RED zusammengeschlossen. Der unabhängige Status soll dabei gewahrt werden und zieht sogar die Gründung des eigenen Labels nach sich. Ständig wird behände betont, dass es die Plattenindustrie bei der OFWGKTA-Bande bitteschön mit einem selbstorganisierten Phänomen zu tun hat, das sich auch nicht von der Plattenindustrie reinreden lassen wird. Tyler als wohlhabender Musikmillionär mit Golf als liebstem Hobby? Dieser Fan-Angst entgegnet er schon jetzt auf ironische Art mit der Erfindung seines eben jenem Klischee entsprechenden Alter Ego Thurnis Haley – so suggeriert man eine vermeintliche Kontrolle des Hypes.

Die Earl’sche Entzauberung
Und doch ließ ein Vorkommnis im Frühjahr den mitunter recht mystischen Status der Wolf Gang kurz bröckeln. Der zweite Frontmann Earl Sweatshirt war schon seit Monaten von der Bildfläche verschwunden – er sei von seiner Mutter ins Bootcamp geschickt worden, vielleicht auch in den Knast – man munkelt mehr, als das man etwas wusste. Die “Free Earl“-Parolen auf Songs und T-Shirts der Bande feuerten die Spekulationen um Earl, welcher mit seinem Release “EARL“ kurz vor dem Verschwinden noch einmal seinen Status als Ausnahme-Rapper klarmachte, weiter an. Das Complex Magazine durchforstete in bester Recherchemanier das Netz, wühlte dabei in den Fan- und Freundeslisten der Gang auf Facebook und fand tatsächlich einen Jungen, der in seiner Timeline das “Earl“-Video mit dem Verweis auf den Fakt, dass dieser kranke Rapper ja mit ihm gemeinsam in einem Bootcamp auf Samoa untergebracht war, postete. Tylers’ Dementi brachten herzlich wenig. Die Earl’sche Entzauberung war plötzlich in vollem Gange. Die “Free Earl“-Kampagne geriet zunehmend außer Kontrolle. Man schlug die Wolf Gang ein Stück weit mit ihren eigenen Waffen. Ein Fakt, der auch Tyler missmutig stimmt. Auf “Golden“, dem letzten Song von “Goblin“, rappt Tyler: “(People) say ’Free Earl’ without even knowing him. See, they’re missing the new album, I’m missing my only friend.“

Man merkt schon: So ganz unbeschadet geht das alles nicht an ihm vorbei. Es besteht ein gewisser Redebedarf und die Eigentherapie auf dem Album wird mit einem schwer kalkuliertem Mitteilungsbedürfnis auf allen Ebenen verquickt. Während Tyler via Twitter in bester Dadaisten-Manier Diffamierungen und Sinnentleertes in den Livestream ballert, nähert er sich den Fan-Fragen auf der Formspring.me-Seite auf Augenhöhe und antwortet erstaunlich einfühlsam und überlegt auf die Fragen der Odd Future-Fans. Liest man sich durch den digitalen Dialog erweckt es fast den Eindruck, als wolle man dort ganz unter sich sein. Auf die Frage, ob Tyler irgendwann an der ganzen Odd-Future-Sache gezweifelt hat, antwortet er mit einem Monolog, welcher die komplette Geschichte der letzten zwei Jahre reflektiert. Die Kritiker, die Suche nach Earl, der Hype um ihn und seine Freunde – ihm geht das alles zu schnell. Tylers Reflektion endet mit den Worten: “(…) What the fuck. Shit is weird now. Every show we have had has sold out. Like, wtf, this shit is still crazy to me. Fuck. I don’t know what im talking about. I have no one to talk to, I’m typing this to let this shit out. Sorry, if I didn’t answer your question.“

Tyler, The Creator, Goblin, ist auf XL/Indigo erschienen.

http://www.oddfuture.com

6 Responses

  1. supreme snapback?

    cooler typ, aber total nerviger text. beispiel: “Er steckt in einem Zitate-Dresscode aus Supreme-Snapback, kurzärmeligen Vintage-Button-Ups, Dickies-Shorts, Throwback-Tubesocks und abgeranzten Vans-Sneakern.” WTF?

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  2. Phill

    Joah Supreme ist halt ein Klamotten Label … und seine Mutze ist von Supreme und zwar eine Snapback Mütze (Mit verschluß hinten).

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