Nicht nur die Chemiesuppe der BASF brodelt in Mannheim und Umgebung, auch die Labels Cécille, 8bit und Oslo machen Dampf. Eike Kühl war für De:Bug vor Ort.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 123


Vera

Nicht nur die Chemiesuppe der BASF brodelt in Mannheim und Umgebung. Im letzten Jahr haben mit 8Bit, Cécille und Oslo gleich drei Label ein neues Lebenszeichen auf der Achse zwischen Mannheim und Frankfurt gesetzt. Wir waren gemeinsam mit den Machern und Produzenten vor Ort, um diese nur scheinbar neue Entwicklung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein bis dato schöner Frühlingstag scheint sich just in dem Moment ins Gegenteil zu drehen, als ich von der Autobahn in Richtung Mannheim abfahre. Schwere Regenwolken verdunkeln den eben noch sonnigen Himmel. Vorbei an den Wahrzeichen der Stadt, dem pittoresken Wasserturm und den umstrittenen, wenn auch nicht minder ikonographischen Neckarhochhäusern. Mein Ziel ist das leicht futuristisch anmutende Gebäude der Musikakademie, das etwas außerhalb der Innenstadt am Neckarufer zwischen Industrieruinen, Containerhafen und Popakademie gelegen ist.

Aus den großen Fenstern der Bar im fünften Stock lässt sich ein Teil der Stadt überblicken, die sich in diesem Moment kaum vom diesigen Grau des Himmels abgrenzt. Kurz darauf treffen meine Gesprächspartner ein: Marc Scholl und Nick Curly von Cécille/8Bit Records, Johnny D und Nekes von Oslo Records sowie der aus Frankfurt angereiste Markus Fix. Zusammen mit Federico Molinari, den ich am nächsten Tag gemeinsam mit Vera in einer beschaulichen Wohnung im Frankfurter Nordend treffe, bildet dieses Kollektiv aus Freunden und Bekannten die neue Front der Mannheimer Technoszene:

Replatzierung
“Klar sind wir die neue Generation, warum nicht?“, antwortet Nekes selbstbewusst auf die Territorialfrage. “Wir halten seit Jahren wieder die Mannheimer Fahne hoch, und das obwohl wir zu Beginn eigentlich ja keine Plattform hatten. Wir waren eine Gruppe von Freunden, die Spaß an der Sache hatten, also haben wir angefangen unser eigenes Ding zu machen, und das ist jetzt dabei herausgekommen.“

Was genau dabei herausgekommen ist, ist nicht nur eine Clique von befreundeten Produzenten und DJs, sondern mit Cécille, Oslo und 8Bit auch drei Labels, die im Verlauf des letzten Jahres die eine oder andere Tanzfläche mit ihren Tracks verzauberten und die binnen kürzester Zeit Mannheim nach Jahren scheinbarer Stagnation, in denen der Megarave Timewarp die einzige Brücke zwischen der Stadt und Techno war, wieder auf der Landkarte platziert haben.

Es brodelt also wieder zwischen Rhein und Neckar. Dabei geht die gemeinsame Zeit der heutigen Protagonisten schon bis in die 90er Jahre zurück. Auch wenn einige der damals auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Clubs wie das Milk! oder das HD800 inzwischen geschlossen haben, so hat man sich an diesen Orten und einschlägigen Partys, wo Breakbeats, House und Techno nebeneinander keine Seltenheit waren, zusammengefunden und schätzen gelernt. Dementsprechend nostalgisch blickt Johnny D auf die bewegte Geschichte zurück: “Es war also schon immer etwas los. Gerade im Breakbeats- und Jungle-Bereich ging hier früher einiges, da kamen jedes Wochenende auch richtige Größen der Szene.

Inzwischen ist das auch deutlich weniger geworden, was natürlich auch am Publikum liegt.“ Nick ergänzt: “Johnny, ich und Ray Okpara haben damals, und auch heute noch, die RAJO-Partys veranstaltet, Federico und Nekes hatten mit Bushroots und später dem Zoo Club ebenfalls eine regelmäßige Veranstaltung am laufen, dann waren die Leute aus Heidelberg mit Move D vertreten, die Frankfurter Szene um Playhouse und Perlon, und natürlich hatten wir schon immer untereinander Projekte, aus denen jetzt die Labels entstanden sind.“


Marc Scholl & Markus Fix

Familienbande
Es ist diese Geschlossenheit, der familiäre Zusammenhalt, der die neue Mannheimer Szene maßgeblich geprägt hat, und der auch während des Gesprächs immer wieder hervorgehoben wird. Schnell bekommt man den Eindruck, dass sich hier nicht nur eine Gruppe talentierter Producer zusammengefunden hat, sondern eine Gruppe von Freunden, die nach Jahren des gemeinsamen Auflegens, Feierns und Produzierens mit ihren Labels und Platten endlich auch außerhalb von Mannheim Beachtung finden.

Ohne diesen Zusammenhalt wäre der aktuelle Erfolg auch nicht möglich gewesen, wie Federico anklingen lässt: “Es wäre nicht möglich gewesen, das Label zu starten ohne dass wir uns vorher kennen. Das wäre auch ein ganz anderes Konzept. Oslo war und ist geplant für Leute, die wir kennen, zumindest am Anfang.“
Auch bei Cécille verfolgt man eine ähnliche Philosophie, wie Marc hinzufügt: “Die Idee war schon, das Label auch als Plattform für uns und Bekannte von uns zu etablieren, keine Frage. Es ist auch schon gut, wenn man das Ganze persönlich halten kann, so dass man sich auch mal treffen und unterhalten kann.“

Aus Sicht der Künstler, wie Markus Fix, Johnny D und auch Vera, die alle ihre ersten Platten auf Cécille bzw. Oslo veröffentlicht haben, war der familiäre Charakter ein wichtiger Schritt hin vom DJ zum Produzenten, wie Vera bestätigt: “Der Künstler wächst gemeinsam mit dem Label. Der Austausch untereinander ist sehr wichtig für uns. Einer kennt sich besser mit der Produktion aus, der andere vielleicht mehr als DJ, und so entwickelt man sich als Kollektiv weiter. Das hat mir ungemein geholfen.“

Auch für Markus Fix ist diese persönliche Betreuung, die gerade auch aus dem Umfeld des Frankfurter Plattenladens Freebase hervorgeht, einer der zentralen Aspekte der Entwicklung in den letzten Jahren: “Das Freebase war schon immer Treffpunkt für Leute aus Frankfurt und Mannheim. Ich habe dort als Künstler Feedback von Leuten mit einem Riesenbackground bekommen, und es hat als Anlaufstelle sicherlich auch unsere Gruppe zusammengeschweißt. Da ist ein richtiges Netzwerk dahinter, da hat sich ein Getriebe in Gang gesetzt, das niemals möglich wäre, wenn man gleich von Anfang an mit Leuten arbeitet, zu denen man keine persönliche Verbindung hat.“


Nick Curly, Nekes, Johnny D

Städte-Partnerschaften
Überhaupt pflegt man in Mannheim seit jeher eine sehr enge Verbindung mit dem knapp 90 Kilometer entfernten Frankfurt. Nicht nur aufgrund des Freebase, das Markus als “Nabel der Welt“ bezeichnet, oder der regen Frankfurter Partyszene, die in den 90ern mit legendären Clubs wie dem Omen oder dem Dorian Gray den Ruf einer bundesweiten Pilgerstätte für Fans elektronischer Musik erlangte.

Schon immer gab es einen ergänzenden und inspirierenden Austausch zwischen der schillernden Mainmetropole und der geerdeten Industriestadt Mannheim. “Ich komme ursprünglich aus Heidelberg, war früher auch öfters in Mannheim unterwegs, aber wir sind schon immer zusammen nach Frankfurt zum Feiern oder Plattenkaufen gefahren. Die Leute, die Anfang der 90er Jahre den Milk! Club in Mannheim hatten, haben einige Veranstaltungen in Frankfurt gemacht, ebenso wie es Perlon-Nächte im HD800 in Mannheim gab.

Da war schon immer ein kreativer Austausch vorhanden“, erinnert sich Vera, die ebenso wie Federico Molinari seit einigen Jahren in Frankfurt lebt, aber nicht nur als DJ einen regelmäßigen Kontakt zu Mannheim bewahrt hat. “Labels wie Playhouse, Perlon oder Klang haben uns schon sehr beeinflusst. Nicht nur die Clubs, sondern auch die Musik aus Frankfurt war immer schon eine unserer Inspirationsquellen. Mehr als Berlin oder andere Städte vermutlich“, fügt Nekes nachdenklich hinzu.

Chemieschwaden
Ein Argument, das man an dieser Stelle in Frankfurt häufig zu hören bekommt und das sich ähnlich hartnäckig über Mannheim hält wie die Rauchschwaden der BASF aus dem benachbarten Ludwigshafen, ist, dass die Technoszene gerade in den letzten Jahren stagniert, auch wenn die ansässigen Technolabel in Mannheim von Natur aus schon immer etwas rar gesät waren.

Von dieser Veränderung zum Negativen will man jedoch weder in Frankfurt noch in Mannheim etwas hören, wie Markus energisch entgegensetzt: “Das wird immer falsch wiedergegeben. Früher gab es in Frankfurt das Omen und das Dorian Gray, heute eben das Robert Johnson und Cocoon. Dazu gibt es mit Raum…Musik, Connaisseur, Deepvibes und auch Oslo viele neue Labels und Producer und ich denke nicht, dass man heute an Frankfurt vorbei kommt, wenn man von Techno spricht. Die Szene hat sich verändert, aber sicherlich nicht zum Schlechten.“

In beiden Städten erlebt die Szene vielmehr einen Umbruch, einen Generationswechsel, bei den DJs, den Veranstaltern und auch dem Publikum. Alteingesessene Macher haben der Szene und auch Mannheim den Rücken zugewandt, viele der selbst ernannten Nachfolger konnten sich nicht durchsetzen. Was blieb war die Bereitschaft der anwesenden Personen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Diese Do-it-yourself-Attitude – das hat man auch schon damals in Detroit durchgesetzt. Mit Erfolg.


Federico Molinari

Zwischen Residenz- und Techno(logie)stadt
Raucherpause. Während die Herrschaften auf die Dachterrasse verschwinden, lasse ich meinen Blick erneut über die Stadt gleiten, die inzwischen in der abendlichen Dämmerung versinkt, auch wenn man die untergehende Sonne weiterhin bloß vermuten kann. Nicht von ungefähr kommen Vergleiche mit Detroit, die Parallelen beider Städte sind, zumindest oberflächlich, leicht auszumachen.

Das Stadtbild von Mannheim ist geprägt durch die Industrie und den Binnenhafen, hier fuhr das erste Automobil von Carl Benz, Arbeitslosen- und Ausländerquote liegen über dem bundesweiten Durchschnitt, die daraus resultierenden Probleme sind allgegenwärtig. Schon ein kurzer Spaziergang durch die kleinen Gassen der historischen Mannheimer Innenstadt zeigt zwischen geschichtsträchtigen Gebäuden immer wieder blasse Reihenhäuser aus der Nachkriegszeit, deren Erdgeschosse nicht selten osteuropäische und orientalische Läden beheimaten.

Diese Diskrepanz zwischen industrieller Fassaden-Tristesse und historisch-multikulturellen Einflüssen mit Hinterhof-Charakter dominiert nicht nur das Stadtbild, sondern auch die Musikszene, wie Marc findet: “Mannheim hat auf jeden Fall einen eigenen Vibe, was auch mit den vielen Kulturen zu tun hat, die hier aufeinander treffen. Bei uns sieht man das ja schon: Johnny stammt aus Eritrea, Nekes aus Griechenland, Federico aus Argentinien, Ray aus Nigeria und wir anderen eben aus Deutschland. Da kommt natürlich schon einiges zusammen an Einflüssen.“

Es muss grooven
Trotz nahe liegender Vergleiche zu der großen Geburtstätte des Techno hält man sich in Mannheim dezent zurück, wenn es darum geht, der Stadt einen gewissen Trademark-Sound abzugewinnen. Denn eine Stadt klingt immer nur wie ihre Einwohner, wie Federico sagt:

“Inzwischen ist es ja egal, ob du ein Label in Mannheim oder im Kongo aufmachst, solange du einen Vertrieb hier in Deutschland hast. Daher glaube ich nicht, dass es so wichtig ist, wo du dein Label gründest. Man verbindet zwar immer einen gewissen Sound mit einem Label und dessen Standort, wie Kompakt mit Köln oder Bpitch mit Berlin, aber ich glaube nicht, dass wir einen speziellen Mannheim-Sound haben. Letztendlich liegt es ja nicht an der Stadt, sondern den Leuten, wie es klingt.“

Trotzdem verfolgt man natürlich auch bei Cécille und Oslo eine gewisse Soundidee, die zwischen pulsierenden Technoproduktionen und deepen Housetracks auch eine neue, abwechslungsreiche Phase der Mannheimer Technoevolution einzuläuten scheint. “Wir haben unseren eigenen Sound inzwischen gefunden, denke ich, den wir auch versuchen zu verbreiten. Ob das jetzt typisch für Mannheim ist, sei mal dahingestellt …“, versucht Johnny einen Kompromiss zu finden.

Nick Curly, der schon seit einiger Zeit mit 8Bit/Amused seine ersten Erfahrungen im Labelgeschäft sammeln konnte, bevor er mit Marc Scholl Cécille ins Leben gerufen hat, teilt dabei die gleiche Philosophie wie Nekes und Federico Molinari, die gemeinsam mit Oslo zwischen Frankfurt und Mannheim die Fäden spinnen. “Es muss grooven“, fassen beide die simple, aber doch durchschlagende Philosophie zusammen. Dabei ruht man sich nicht auf kurzweiligem Erfolg aus; dafür hat man viel zu viele Ideen. Mit “Cécille Numbers“ bzw. “Love Letters for Oslo“ haben beide Label trotz des noch jungen Alters gerade ihre Sublabel gestartet. “Falls es mal etwas aussschweifender werden sollte …“, erklärt Marc mit einem Grinsen.

Das Zimmer und das Loft
Ideenreichtum und positive Resonanz hin oder her, man ist bescheiden geblieben. Mannheim als neue Technometropole? So weit möchte heute noch keiner gehen. Denn auch wenn die elektronische Musikszene schon immer da war, stets durch facettenreiche Einflüsse und unterschiedliche Stilrichtungen geprägt, so hat Techno als Nische, von der Timewarp einmal abgesehen, noch immer einen schweren Stand in Mannheim, einer Stadt, die sich gerne als Musikstadt nach außen präsentiert.

Der bereits erwähnte Generationswechsel ist hier ebenso als Grund zu nennen wie die Engstirnigkeit der Behörden, die nicht selten aufkeimende Subkulturen im Keim zu ersticken wissen. “Was momentan auffällt, ist wie durch den Erfolg der Labels die ganze Sache nach außen getragen wird. Die Leute meinen, dass es in Mannheim eine riesige Szene geben muss. Was eigentlich gar nicht mal der Fall ist, denn eigentlich gibt es nur zwei Läden, die sich auf elektronische Musik spezialisieren: das Zimmer und das Loft.

Daher ist das vielleicht auch ein bisschen irreführend, dieser Hype um die Timewarp und die Labels. Auch in Sachen Sperrstunde ist es hier in Mannheim schon sehr schwierig für Technopartys. Da gibt es auf jeden Fall einen Nachteil zu Frankfurt oder anderen deutschen Städten, von Berlin gar nicht erst zu reden“, sagt Nick nicht ohne eine gewisse Skepsis. Trotzdem sieht die Zukunft nicht schlecht aus für die neue Generation, die sich mit gemeinsamer Kraft etwas aufgebaut hat in den letzten Jahren, das nicht nur Mannheim gut tut, sondern auch frischen Wind in die deutsche Technolandschaft bringt und inzwischen auch jenseits der Landesgrenzen vernommen wird.

Sowohl auf Platte als auch in Person, wie die Schedules der Protagonisten vermuten lassen. “Wir können uns ja eigentlich nicht beklagen. Techno ist eben eine Nische, aber wir haben mit der Timewarp zumindest einmal im Jahr ein Großevent, wo die Leute auf Mannheim schauen. Und vielleicht bald auch auf uns“, meint Nekes zum Schluss nicht ohne Stolz. Als ich auf dem Rückweg durch das nächtliche Mannheim fahre, das nach überstandenem Regenschauer geradezu friedlich wie die bekannte Ruhe vor dem Sturm vor mir liegt, bin ich davon nur überzeugt.

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. Feature: Best of 2008 | # thelastbeat.com

    […] und Cécille, der Mannheim-Frankfurt-Connection, hat sich die vielleicht am meisten diskutierte Label-Achse des Jahres zu einer festen Größe der nationalen und internationalen Szene etabliert, so dass man […]