Nach einer Zeit, in der es etwas stiller um Underground Resistance war, geht das Label jetzt mit der zweiten "Interstellar Fugitives"-Compilation - acht Jahre nach der ersten - wieder in die Offensive.


High-Tech-Dreams
Underground Resistance

“Just point yourself in the direction of your dreams. Find your strenght in the sound and make your transition.” (aus “Transition” von Underground Resistance)

Underground Resistance ist mehr als ein Techno-Label. Für viele verkörpert das Logo mit den zwei weißen Blockbuchstaben auf schwarzem Grund die Quintessenz von sozialer und politischer Integrität, unbeugsamer Absicht zur Veränderung und Kompromisslosigkeit. Das hat sich in den knapp zwanzig Jahren, seitdem Mad Mike Banks und Jeff Mills das Label gegründet haben, genauso wenig verändert wie die mittlerweile berühmt berüchtigten Bedingungen, die man in Detroit vorfindet.

Debug: Bitte stellt euch vor. Wie seid ihr zu Underground Resistance gekommen, was ist eure Aufgabe dort?

Cornelius Harris: Ich bin schon eine ganze Weile Teil des Labels. Angefangen habe ich als Texter. Unter dem Pseudonym The Unknown Writer habe ich einige Texte für Underground Resistance geschrieben. Irgendwann fragte mich Mike Banks, ob ich nicht noch mehr machen könnte, und unsere Zusammenarbeit wurde immer enger. Jetzt bin ich Label-Manager von UR.

Frankie Fultz: Ich bin seit den Anfangstagen dabei. Seit 1988, glaube ich. Stimmt das … (überlegt)? Ja, das müsste hinhauen. Ich traf Mike damals im Studio meines Bruders, der einen Track für ihn produziert hatte. Mike brauchte Artwork für die Platte und fragte mich, ob ich nicht etwas zeichnen könnte. Mit dem Ergebnis war er dann so zufrieden, dass wir von da an immer weiter zusammengearbeitet haben.

DJ Skurge: Ich wurde Mike vor knapp zehn Jahren vorgestellt. Damals habe ich viel mit ein paar anderen Jungs in Ann Arbor aufgelegt. Einer von ihnen kannte Mike und dachte sich, dass es gut wäre, uns mal zusammenzubringen. Ich war Fan des Labels. Als mit Programmen wie Reason erschwingliche Musiksoftware auf den Markt kam und man auch ohne teures Studioequipment auskommen konnte, habe ich begonnen zu produzieren. Irgendwann habe ich angefangen, Mike immer mal wieder Demos zuzustecken. Bis ihm ein paar Tracks gefielen. Zusammen mit zwei Freunden mache ich auch noch das Elektro-Projekt Aquanauts.

Debug: Befindet sich Underground Resistance zurzeit in einer Übergangsphase?

Cornelius Harris: Ja, auf jeden Fall. Das ist schon seit den Anfangstagen des Labels ein grundlegendes Motiv von Underground Resistance. Der Track ”Transition“, der vor ein paar Jahren auf UR herauskam, spricht ja nicht nur den Hörer auf einer persönlichen Ebene direkt an, sondern spricht natürlich auch von unseren Entwicklungen und den Veränderungen beim Label. Manchmal wird vergessen, dass auf der ersten Platte von Underground Resistance Yolanda sang. Eine Garage-House-Nummer. Danach entwickelte sich ein anderer, härterer Sound, der sich dann wieder veränderte. Das Label befindet sich im ständigen Entwicklungsprozess und unsere Herangehensweise an Musik entwickelt sich mit. Gleichzeitig treten jetzt nach und nach einzelne Akteure in den Vordergrund, die schon seit vielen Jahren Teil von Underground Resistance sind, von denen viele aber nichts wussten.

Debug: Auf UR ist mit ”Interstellar Fugitives 2 – The Destruction Of Order“ gerade die zweite große Compilation veröffentlicht worden. Wieder mit ausführlichen Linernotes. Warum diese thematische Konzentration auf Ordnung und Chaos, die von euch als ”primal opposites from the beginning of time“ beschrieben werden?

Cornelius Harris: Das Thema der neuen Compilation, Chaos und Ordnung, haben wir gewählt, weil es zwei Kräfte sind, die in unserem Leben wirken. Und das gilt natürlich auch für das Label. Underground Resistance hatte Zeiten, in denen viel Chaos herrschte. Es gab auch feste Ordnungen, manche gut, manche nicht so gut. Und es gibt sie. Das wollten wir nicht verheimlichen. Viele Leute denken, dass UR eine mysteriöse Gruppe von Leuten ist, aber wir wollten mit der Compilation auch unser eigenes Ringen mit Ordnung und Chaos thematisieren. Die Linernotes haben zwar wieder diesen Science-Fiction-Aspekt, aber das Ganze ist sehr, sehr stark mit unserer Realität verbunden.

Debug. Das ist ein wenig vage. Was heißt das genau?

Frankie Fultz: Das wir uns immer wieder neu ausrichten müssen. Und das jeder von uns seine Erfahrungen mit Chaos und Ordnung gemacht hat. Sei es auf privater Ebene, auf künstlerischer oder auf kollektiver, was das Label betrifft. Es gab in der letzten Zeit auch einige personelle Veränderungen.

Debug: Ihr sprecht auch von den Programmierern, gegen die vorgegangen werden muss.

Cornelius Harris: Es ist der alte Kampf zwischen Konzern-Interessen und Privat-Interessen, beziehungsweise den Interessen der Community. Der geht unvermindert weiter. Da gibt es hier in Detroit viele Probleme, die das Leben stark beeinflussen. In Detroit und auch in vielen anderen Städten in den Vereinigten Staaten gibt es das Problem, dass große Konzerne wie Clear Channel versuchen, das Radio zu kontrollieren. Diese Konzerne stehen für Format-Radio, für die gleichen Inhalte, die auf die gleiche Art und Weise überall präsentiert werden. Aber nicht nur das, sie kontrollieren mittlerweile auch diverse Clubs und Konzertorte und haben so einen massiven Einfluss auch jenseits des Radios. So werden lokale Szenen zerstört und klein gehalten und das Radio gleichgeschaltet. Das ist ein großes Problem für uns. Wir haben nicht die Unterstützung von MTV wie HipHop. Es ist schwierig, unserer Musik Gehör zu verschaffen. Aber letztendlich ist es ein Problem, mit dem jedes unabhängige Label, egal, aus welchem Bereich es kommt, konfrontiert ist.

Debug: Vor anderthalb Jahren hat Juan Atkins in einem Interview in der Debug gesagt, dass es das Wichtigste für Detroit wäre, eine unabhängige Radiostation zu schaffen, auf der von Funk bis Techno alles läuft. Wie früher in den Sendungen von Jeff Mills oder Electrifying Mojo. Wie ist die Situation zurzeit?

DJ Skurge: Es gibt noch eine Radiostation, auf der du einen Mix aus allen verschiedenen Stilen bekommst. Sei es Jazz, Bluegrass oder Techno. Der Sender heißt WDET und vor allem in der Sendung von Liz Copeland kann man viel unterschiedliche elektronische Musik hören. Auf allen anderen Sendern laufen die Top 40 hoch und runter. Mit Ausnahme einiger College-Radios.

Cornelius Harris: Leute wie Electrifying Mojo oder die Hot Mix Five in Chicago haben schon lange keine Sendung mehr. Ich habe mal von einem Freund, der beim Radio arbeitet, gehört, dass sich bei den Chefs der Radiosender irgendwann die Überzeugung durchgesetzt hat, dass sie keine DJs wollen, die bekannter sind als der Sender selbst. Denn es bestand die Angst, dass die Hörer nicht mehr einschalten würden, wenn der DJ irgendwann den Sender verlassen sollte. So wurden nach und nach alle bekannten DJ-Persönlichkeiten abgesetzt. Jetzt gibt es fast nur noch Format-Radio und kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Sendern. Konzerne wie Clear Channel zerstören jede Individualität. Wenn wir in unseren Linernotes von Widerstand und von Programmierern reden, dann meinen wir genau diesen eben beschriebenen Prozess damit.

DJ Skurge: Satelliten-Radio könnte die Lösung sein. Aber da müssen wir erst mal abwarten, wie sich das entwickelt.

Cornelius Harris: Das ist ein Thema, das hier schon eine ganze Weile herumschwirrt. Wir machen uns gerade schlau, was die Voraussetzungen sind, einen eigenen Satelliten-Sender zu starten. Lustigerweise wurde ich erst letzte Woche von der Agentin von A Guy Called Gerald gefragt, ob wir etwas in die Richtung machen wollen. Genauso wie wir im Musikalischen immer weiterforschen, erforschen wir auch neue Technologien.

Techno als Band
Debug: Die Interstellar Fugitives gibt es mittlerweile auch als Live-Projekt, als Band. Wie kam es dazu?

DJ Skurge: Die Idee, die Interstellar Fugitives als Band auf die Bühne zu bringen, gab es schon, bevor die neue Compilation fertig war. Irgendwann hat das Ganze dann eine konkrete Form angenommen. Aber bis jetzt war jede Show komplett unterschiedlich. Sowohl von der Anzahl der Fugitives, die auf der Bühne waren, als auch vom Programm her. Es kommt immer darauf an, wer verfügbar ist. Wir hatten Live-Shows, wo wir zu acht auf der Bühne standen. Das Minimum bis jetzt war zu fünft.

Cornelius Harris: Es ist auch nicht einfach eine traditionelle Band, sondern eher eine experimentelle Anordnung. Es werden sehr unterschiedliche Herangehensweisen an Musik und verschiedene musikalische Stile durchgespielt. Die Live-Show ist eine Reflektion der Compilation, die stilistisch ja auch sehr heterogen ist. Die Visuals von Frankie sind auch ein elementarer Teil der Show. Es fügt sich auf der Bühne alles zusammen. Und dadurch dass wir in unterschiedlichen Besetzungen spielen, ist es auch schwer vorherzusehen, was genau live passieren wird. Als wir mit der Planung der Compilation und der Live-Show anfingen, wussten wir nicht, wo uns diese Planungen hinführen würden. Aber das war das Schöne daran. Wir sprechen in den Linernotes zur Compilation von Ordnung und Chaos, es gibt eine ganze Menge schöne Dinge, die aus Chaos heraus geboren werden können.

Debug: Frankie, du hast das Artwork, das mich sehr an Frank Millers Comics erinnert, gestaltet. Hattest du vom Label Vorgaben, in welche Richtung du gehen solltest?

Frankie Fultz. Normalerweise weiß Mike, was er will. Er kommt mit einer Idee, die ich dann versuche grafisch umzusetzen. Manchmal höre ich mir aber auch die Tracks an und entwickle dann selber etwas. Die Idee für das Interstellar-Fugitive-Artwork ist zum Beispiel komplett auf meinem Mist gewachsen. Ich habe mir die Musik angehört und dann all die Charaktere entwickelt. Davon gibt es noch mehr als die, die auf der Compilation vertreten sind. Ich arbeite gerade an meiner Webseite, auf der man dann auch all die nicht verwendeten Charaktere finden kann.

Debug: Entsprechen die Charaktere den realen Charakteren der Produzenten?

Frankie Fultz: Auf der neuen Compilation habe ich die Charaktere aus der Stimmung der Tracks heraus entwickelt. Bei der ersten Interstellar-Fugitives-Compilation waren sie aus der Persönlichkeit der einzelnen Produzenten abgeleitet. Jeder Charakter stand sozusagen für einen Produzenten. Das wollte ich dieses Mal aber nicht. Es sollte weniger konkret sein.

Debug: Man hört immer mal wieder, dass Underground Resistance und auch der Laden und Vertrieb eine ganze Menge Leute unterstützt. Wie arbeitet ihr?

Cornelius Harris: Underground Resistance sind ein Kollektiv, in dem wir uns gegenseitig unterstützen und jeder seinen Teil beiträgt. Das gibt uns auch die Möglichkeit, nicht notwendigerweise vierundzwanzig Stunden am Tag für das Label arbeiten zu müssen, sondern auch andere Aufgaben in unserer Community zu übernehmen. Damit meine ich vor allem Mike Banks, der mit einem Baseball-Team für Jugendliche arbeitet, aber auch andere von uns. Ich habe eine Weile als Lehrer gearbeitet und Jugendlichen Spanisch oder Webdesign-Grundlagen beigebracht. Viele von uns sind in ihrem Alltag in ihrer Community eingebunden und nehmen diese Verpflichtungen neben der Musik wahr. Ich weiß nicht, ob das etwas Besonderes ist. Ich sehe es als etwas, einen Beitrag, den man hier leistet. Allerdings könnten sich eine ganze Menge mehr Leute engagieren, die sich aber aus irgendwelchen Gründen entschieden haben, es nicht zu tun.

Debug: Es gibt hier auch den Mythos, dass Mike Banks den Underground-Resistance-Nachwuchs sozusagen direkt von der Straße wegrekrutiert, damit sie nicht in den Kreislauf aus Drogen und Kriminalität kommen. Was hat es damit auf sich?

Cornelius Harris: Das ist ein wunderschöner Mythos. Den mag ich. Ich werde jetzt keinen Kommentar abgeben, der ihn zerstören könnte. (lacht) Nur so viel: Es gibt eine ganze Menge talentierte Kids in Detroit. Nach wie vor. Wir haben DJs hier, die auf irgendwelchen Keller-Partys auflegen und jeden Club der Welt in Schutt und Asche legen könnten. There is so much talent in Detroit that we get spoiled sometimes. Alles andere entwickelt sich organisch. Man wird Teil von Underground Resistance, wenn es Sinn macht. Die Leute da draußen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen, was Underground Resistance ist, was das Label verkörpert. Und aus diesen Vorstellungen werden eben auch Mythen geboren. Und wenn dein Bild von Underground Resistance ist, dass sie ein mysteriöses Einsatz-Kommando sind, von dem man nur nach einer langen, schmerzhaften Initiationszeit Teil werden kann, dann ist das der Filter, durch den du alle Informationen, die an dich herangetragen werden, erst mal aufnimmst. Und es gibt eine ganze Menge Leute, die dieses Bild verbissen verteidigen. Daran kann ich nichts ändern. Wir akzeptieren das als Teil des Chaos. (lacht)

Definition eines Kollektivs
Debug: Wie siehst du denn Underground Resistance? Was macht für euch Underground Resistance aus?

Cornelius Harris: Ich weiß nicht, ob Frankie, Skurge und ich da zwangsläufig übereinstimmen, denn ich denke, für jeden von uns sind unterschiedliche Aspekte wichtig. Jeder bringt seinen Teil, seine Vorlieben mit ein. Manche Label wollen, dass alle dasselbe denken, dass jeder Teil des gleichen Label-Images sein muss. Das gibt es bei Underground Resistance nicht. Wir glauben an das kreative Potential von Chaos, an Veränderung. Wenn du so willst, ist das mein Bild von Underground Resistance: Jeder kann machen und erforschen, was er will. Wir sind nicht alle gleich. Aber hey, es kann gut sein, dass du auch welche von uns triffst, die sagen, sie schätzen an Underground Resistance, dass wir alle gleich sind. Weil wir alle unabhängig arbeiten, unsere Probleme mit dem Mainstream-Radio haben, dagegen kämpfen und so weiter. Es ist alles Frage der Perspektive. Keine Meinung ist besser und mehr wert als die andere.

Frankie Fultz: Für mich repräsentiert Underground Resistance etwas Abstraktes. Es ist ein eklektischer, immer wieder neu mit Leben zu füllender, undefinierter Rahmen.

Debug: Wurde in Detroit der Fehler gemacht, den eigenen Mythos nur noch zu verwalten, während im Rest der Welt am Detroit-Sound weitergefeilt wurde?

Cornelius Harris: Nein, das sehe ich nicht so. Manche Dinge haben sich in Europa und Detroit unterschiedlich entwickelt. Die ganze Detroiter Ghetto-Tech-Szene zum Beispiel ist eher eine lokale Szene geblieben, mit der in Europa kaum jemand etwas anfangen konnte. Von daher lag vielleicht bei vielen Detroiter Produzenten auch der Fokus eher auf ihrer Heimatstadt. Wir waren immer aktiv. Manche Leute erwarten vielleicht, dass es jede Wochen einen Track wie ”Jaguar“ geben muss, aber so läuft das nicht. Vielleicht hatte manches, was in den letzten Jahren aus Detroit kam, nicht ganz so viel Profil, war nicht ganz so Besonders, aber zurzeit passiert hier so viel, dass ich keine Angst um die Zukunft habe.

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Elektronische Lebensaspekte.

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