Unterwegs zur Musik

Vectorlovers_berlin2007-03(photo by David Gordon Smith)

Mit iPhonica hat Martin Wheeler das vielleicht letzte Album als Vector Lovers aufgenommen. Und weist mit dem reduzierten Equipment in die Zukunft der Musikproduktion. Ein iPhone, eine App, fertig.

Text: Felix Knoke

Wenn alles in Bewegung ist, gibt die Musik, die ewig bewegte, Halt. Sie sublimiert die Leere der Trauer und Melancholie und setzt dem Nicht-sein einen Kontrapunkt: Schönheit. Die Musik von Vector Lovers hatte schon immer solche melancholischen Zwischentöne. Doch so deutlich wie auf iPhonica war Martin Wheelers Schmerzbewältigung noch nie zu hören. Mit iPhonica bewegt sich der Elektronika-Musiker zurück zu seinen Anfängen und nimmt die Veränderung gleich doppelt auf: als Ideengeber und Schaffensprinzip. iPhonica ist unterwegs entstanden, als technisch-minimalistisches Projekt allein mit der iOS-App NanoStudio. Die Tracks zeichnen die Reise zu sich selbst nach: vom Opener über die von Fukushima verstrahlte Nakadori-Region über Berlins Kastanienallee, den Streifzügen als Big City Loner bis hin zum Closer Let’s Go Home. Die Melancholie des Reisenden statt bunter Dancefloor-Extasen, was ist bloß mit Vector Lovers passiert?

Wie eine Heimreise

“Die letzten Jahren waren eine ganz schön verwirrende Zeit für mich. 2010 starb mein Vater und ich wollte wieder bei meiner Familie sein,” erklärt Martin Wheeler. “Nachdem ich fünf Jahre in Berlin gelebt habe, zog ich 2010 zurück nach England. Ich vermisse meinen Vater und ich vermisse Berlin. Ich habe in Kreuzberg gelebt und erinnere mich an die Sommerabende, an denen ich mit einem Bier am Ufer saß und den vorbeiwehenden Geräuschen der Stadt zuhörte. Berlin wird immer ein besonderer Ort für mich sein – und ich habe hier auch ein paar iPhonica-Tracks aufgenommen, als ich 2011 kurz zu Besuch war.” Die Idee, iPhonica nur per iPhone-App einzuspielen, entstand fast zwangsläufig, erzählt Martin: “Mein ganzes Equipment verstaubte in Flightcases – ich hab letztlich fast alles davon verkauft, um meine Rechnungen bezahlen zu können. Vielleicht gerade durch diesen Verlust hab ich nach neuen Möglichkeiten gesucht.” Stilistisch orientiert sich iPhonica am ersten Vector-Lovers-Album von 2003. Minimale Arrangements, ein paar Retro-Synthsounds, Melodien und Ambiences. “Das Album fühlt sich wie eine Heimreise an. Ich hätte es genau so gut vor zehn Jahren aufnehmen können.”

Zurück zu den Basics

Die Reise als Produktionsmodus für Musiker ist ein Klischee. Aber dank Apps kann sie endlich auch über elektronische Musik erschlossen werden: kein Equipment-Schleppen, keine Boot-Zeiten, die länger als eine U-Bahnfahrt dauern: “Ich konnte jede freie Minute zum Musikmachen ausnutzen, solange ich Kopfhörer dabei hatte und in der richtigen Stimmung war.” Und so sind die iPhonica-Tracks vor allem unterwegs entstanden, in Zügen, Bussen, im Wartezimmer, in Pubs, Gärten, im Yorkshire Moor. Der Gefahr, Reisekitsch zu fabrizieren, scheint sich Martin bewusst zu sein: “Ich wollte kein Travelogue-Album machen und meine Umgebungsgeräusche samplen – ich wollte zurück zu den Basics. Die Beschränkung half meiner Kreativität. Ich konnte mich einfach viel besser auf die Komposition konzentrieren, auf die Essenz.” Ob auch andere Musiker auf Apps und die mobile Produktion umschwenken sollten? “Ich weiß nicht, wie die Zukunft von Sounds und Apps aussehen wird. Einerseits könnte es Instrumente ohne Interface geben, Programme, die unsere Gedanken lesen und so das Träumen von Musik ermöglichen könnten. Auf der anderen Seite könnte sich die Menschheit selbst ausgelöscht haben – und die Überlebenden spielen auf leeren Ölfässern mit menschlichen Knochen.” Er selbst werde sich jedenfalls in nächster Zukunft mit seinem Job als App-Entwickler befassen: “Ich hab seit 2011 ein paar iOS-Spiele unter dem Namen Recluse Industries veröffentlicht und arbeite gerade an einem Spiel mit generativer Musik, eine Ambient-Version des Arcade-Klassikers Asteroids.” Recluse Industries – schon wieder so ein Aussteiger- Hinweis! Vielleicht ist es ja so: Wer reist, ist auf der Suche nach einen Ausweg aus dem Nichts. Aber gerade die Suche nach dem Ich führt in genau dieses Nichts, unsere Essenz. Mit iPhonica denkt Martin Wheeler jedenfalls längst über einen Rückzug nach: “Dieses Jahr ist das zehnte Jubiläum von Vector Lovers. Für mich fühlt es sich an, als ob das der beste Zeitpunkt wäre, der Geschichte ein Ende zu machen. Die Zeit wird es zeigen.”

Vector Lovers, iPhonica, ist auf Soma Quality Recordings erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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