Kann ein Gesamt-Konzept für das Netz eine Wirkung auf die Ästhetik haben? Irgendwie schon. Wie, erklärt uns Johannes Schardt in einer Annäherung an Design 2.0.

Übergroße Schriften und Pastellfarben

Ich glaube, es war in einer Diskussion im “Signal vs. Noise”-Weblog, dass ein Leser auf die Frage, was denn nun Web 2.0 sei, scharfzüngig antwortete: Übergroße Schriften und Pastellfarben. Damit spielte er natürlich in erster Linie auf die Websites und Applikationen der Blogautoren 37Signals (Basecamp, Backpack) an, allerdings steht die Firma aus Chicago mit ihrem Designansatz keineswegs alleine da: Viele Seiten, die mit dem Buzzword Web 2.0 gebrandmarkt werden, weisen ähnliche Gestaltungsmerkmale auf: Die “neue Generation” präsentiert sich in hellen, freundlichen Farben, der Fokus liegt auf den Texten bzw. Funktionen, Bilder und Graphiken als reine Schmuckelemente treten in den Hintergrund oder fehlen gänzlich. Alles wirkt leicht und luftig, klar und konzentriert. Wo man vor wenigen Jahren (oder gar Monaten) noch geklotzt hätte, wird jetzt wohl dosiert und platziert gekleckert.
Was auch immer “Web 2.0” genau ist, es ist nicht zu übersehen, dass sich dieser umfassende, konzeptionelle Ansatz auch in der Gestaltung widerspiegelt. Man kann wohl ohne Übertreibung von einem Trend sprechen, vielleicht sogar schon vorsichtig das Wort “Paradigmenwechsel” in den Mund nehmen.
Woher aber kommt diese neue Herangehensweise an das Design von Websites? Warum große Schrifttype und Pastelltöne? Nun, ich weiß es nicht genau, aber ich habe den ein oder anderen Verdacht.

Mein Design-Stil erfuhr im April 2001 – gleichzeitig mit meinem Rechner – ein Update. Zunächst schleichend und unbemerkt, hat eine neue Umgebung von 19 Zoll Größe meine Art, für den Bildschirm zu gestalten, bis heute nachhaltig beeinflusst. Im April 2001 installierte ich nämlich wie unzählige andere Webdesigner auch das neue Macintosh Betriebssystem mit dem Buchstaben X. Und wie viele Kollegen auch fand ich das, was mir von nun an entgegenstrahlte, zunächst furchtbar. Apples neues OS kam mit großen, bunten Icons daher, die Fenster waren von ausladenden Schatten gerahmt und die Schrift – früher scharf gepixelt – war nun geglättet.
Aber der Mensch ist bekanntermaßen ein Gewohnheitstier und wenn man acht und mehr Stunden am Tag auf etwas schaut, dann freundet man sich irgendwie damit an. Schlimmer noch: Es beeinflusst einen, ohne dass man es merkt. Eines Tages arbeitete ich an einem Website-Layout und fügte einem Photo – eher als Scherz – einen Schlagschatten hinzu. Schlagschatten mit weichen Kanten, das muss ich dazusagen, waren zu diesem Zeitpunkt für mich ein absolutes No-No. Etwas, das Leute benutzen, die mit Corel Draw einen Prospekt für den örtlichen Baumarkt zusammenschustern, nicht aber doch junge, hippe Webdesigner, die für internationale Marken arbeiten. Nun saß aber dieser Schatten unter dem Bild und ich musste mir eingestehen, dass das gar nicht so übel aussah. Nach hunderten von Stunden im Angesicht mit den OS-X-Fenster-Schatten hatte ich mich mit diesem Gestaltungselement angefreundet. Außerdem: Wenn Apple Schatten verwendet, dann kann das gar nicht uncool sein. Zumindest nicht mehr. Das Gleiche galt für ein weiteres Unding: Farbverläufe.
Ähnliche Erfahrungen müssen zu dieser Zeit auch andere Designer gemacht haben, denn wo früher harte Kanten und winzige Pixelmuster zu sehen waren, tauchten plötzlich immer öfter subtile Schatten und sanfte Verläufe auf.
Die Schriftglättung unter OS X blieb auch nicht ohne Auswirkungen. Bis dato war der Webdesigner typographisch äußerst begrenzt. Was die Schriftgröße anbetraf, lag der Spielraum zwischen neun und elf Pixeln. Drunter konnte man nichts mehr lesen, jenseits von elf Pixeln sah es räudig aus. Nun aber wurden auch größere Texte ordentlich angezeigt und damit wurde es auch möglich, Layouts zu gestalten, die eher typographisch getrieben waren. (Nun mag einer erbost einwerfen: “Was ist mit all den Windows-Usern, die keine Schriftglättung benutzen? Dort sehen große Schriften doch nach wie vor nicht gut aus!” Darauf der arrogante Designer, ein Mac-User natürlich: “Egal, von denen haben die meisten ja eh keinen Sinn für Ästhetik.”)

Groß im Gebrauch

Größere Schriften und Schlagschatten sind aber nicht nur eine Frage des Stils, sondern Gestaltungselemente, die, richtig eingesetzt, die Bedienbarkeit einer Seite enorm steigern können. Stichwort Usability, eine Disziplin, die jahrelang von den meisten nur stiefmütterlich behandelt wurde. Viele Designer versuchten den User lieber mit einem “State of the Art”-Flashgimmick zu beeindrucken, als ihn schnell und unkompliziert zu seinem gewünschten Ziel zu führen. Diese Selbstverliebtheit scheint sich langsam zu verflüchtigen und Usability wird mehr und mehr als Tugend anerkannt (die Ursachen hierfür zu erörtern, würde weitere Seiten füllen).

Webdesign war aber auch immer schon begrenzt, begünstigt und beeinflusst von den technischen Rahmenbedingungen. Eine wichtige Neuerung, deren Auswirkung derzeit immer stärker sichtbar wird, war die Einführung von XHTML. Am 26. Januar 2000 verabschiedete das W3-Konsortium eine Empfehlung, HTML in XML “nachzubauen”. Ein paar Jährchen gingen ins Land, bis alle Browser mit der neuen Technologie ordentlich umgehen konnten, seit einer Weile ist es aber möglich, die Vorteile, die XHTML mit sich bringt, zu nutzen. Musste man früher noch durch kreativen Missbrauch der Auszeichnungssprache HTML seine Seiten in die gewünschte Form bringen, gibt es in XHTML eine strikte und saubere Trennung von Inhalt, Struktur und Präsentation. Was das im Einzelnen bedeutet, soll hier nicht Thema sein. Wichtig ist allerdings, dass diese Trennung (von Form und Inhalt) Auswirkungen auf die Gestaltung hat. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Seitdem ich Seiten in XHTML code, schaue ich mit anderen Augen auf meine Layouts. Denn wenn man in XHTML-Code denkt, lernt man zwischen Bildern zu unterscheiden, die reine Ornamente oder tatsächlich Teil des Inhalts sind. Man ordnet den Texten nicht einfach nur verschiedene Schriftgrößen, -schnitte und -farben zu, sondern klassifiziert sie als Headlines, Paragraphen, Zitate etc. Ein strukturierteres Gestalten ist oft die Konsequenz.
XHTML beeinflusst aber auch den praktischen Gestaltungsprozess. Da es nun leichter und vor allem flexibler ist, komplexe Layouts zu coden, fällt Gestaltung und Programmierung immer mehr zusammen. Musste man früher im schlimmsten Fall ganze Tabellenkonstrukte – und damit oft die komplette HTML-Seite – über den Haufen werfen, um ein Element ein paar Pixel zu verschieben, genügen heute oft wenige Handgriffe. Viele Änderungen können durch das Umschreiben weniger Zeilen im Stylesheet schneller durchgeführt werden, als man dies in Photoshop oder Fireworks bewerkstelligen kann. Warum also soll ich mich noch lange in Graphik-Programmen aufhalten?
Verbringt man allerdings weniger Zeit in Photoshop und mehr im HTML-Editor, hat dies Auswirkungen auf den Output. Man kann mit wenigen Zeilen Code Flächen und Linien erzeugen, Listen gestalten, Schriften formatieren, Farben ändern usw., ist aber zugleich natürlich meilenweit von den Möglichkeiten (und Versuchungen) entfernt, die Photoshop bietet. Das Ergebnis: eine schlanke, auf die Inhalte und Funktionen fokussierte Gestaltung.

Design, das darf man bei all den technologischen Einflüssen nicht vergessen, hat aber auch immer etwas mit Kultur zu tun. Und die hat sich in den letzten Jahren der kurzen Geschichte des kommerziellen Internets merklich verändert. 2001 platzten plötzlich euphorische Tagträume, dichter Dunst aus nebulösen Visionen wurde weggepustet und gab die Sicht auf die Realität frei (ein Anblick, den einige schon fast vergessen hatten). Schaut man heute auf die Jubeljahre der Dotcom-Ära zurück, schüttelt man den Kopf, lässt ihn aber nicht hängen. Web 2.0, so wollen es die Urheber dieses Begriffs verstanden wissen, markiert ein neues Selbstbewusstsein, das sich über die Katerstimmung erhebt. Denn so viel ist klar: Das Internet war nie so wichtig wie heute, egal was die NASDAQ sagt. Viele der neuen Start-Ups wissen um dieses Potential, hüten sich jedoch davor, die Fehler der vergangenen Jahre zu wiederholen. Wo früher noch Schaumschlägerei und Hochmut vorherrschte, macht sich jetzt eine erfrischende Bescheidenheit und Ehrlichkeit breit. Das zeigt sich u.a. auch darin, dass Firmen mittels Blogs in direkten Kontakt mit ihren Kunden treten und sich offen der Kritik stellen. Etwas, das man nur machen kann, wenn man von sich und seinem Produkt überzeugt ist. Und so spiegelt dieser reduzierte und klare Designansatz nicht nur gepflegtes Understatement wider, sondern eben auch ein neues, reflektiertes Selbstbewusstsein.

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Elektronische Lebensaspekte.

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