Tai tai@suture.com Interview mit Satoru Tanno (Shift Online) und Saori C. Suzuki (Hotwired Japan) über neue Technologien und Japan Man sagt: “Im Netz kann man einen Hund nicht von einer Person unterscheiden.” Das ist wahr. Aber man kann mit Sicherheit sagen, aus welchem Land so eine Hunde-Site kommt. Nicht nur, daß der Ländercode in der URL angegeben wird, der Monitor füllt sich im japanischen Net-Space mit unleserlichem ASCII-Text. Das liegt daran, daß der Browser – und viel wichtiger – das Betriebssystem kein Kanji, die Basis-Buchstaben des japanischen Alphabets, darstellen kann. Obwohl Japan eine der höchsten Bevölkerungsdichten der Welt hat, ist die Netznutzung proportional viel niedriger als in anderen technisch hochentwickelten westlichen Staaten. Satoru Tanno von Paradise Graphics, einer der verantwortlichen Initiatoren des japanischen Online-Magazins Shift, erzählt im Gespräch mit De:Bug von der Akzeptanz gegenüber neuen Technologien und Saori C. Suzuki, von Hotwired Japan, über den Status quo des Internets. Neue Technologien : Interview mit Satoru Tanno De:Bug: Was halten die Japaner von neuen Technologien? In den Staaten stürzt sich jeder sofort auf Neues, während man in Deutschland erstmal abwartet, was sich durchsetzt und dann damit arbeitet. Man kann sagen, Deutschland ist kein Land, das führend in Innovationen ist – außer vielleicht einige weniger kleiner Firmen. Es fehlen kleine Agenturen, die eigene Sachen machen. Satoru Tanno: Generell kann man sagen, daß die Akzeptanz gegenüber dem Internet in Japan wächst. Nachdem die auf Luftblasen gebaute Wirtschaft vor einigen Jahren kollabierte, ist man sich darüber klar geworden, daß Sparsamkeit und der Gebrauch kosteneffektiver Dinge wegen der andauernden ökonomischen Depression notwendig ist. Mobile Telefone sind beispielsweise in den letzten Jahren so populär geworden, daß schon fast jeder Schüler eines besitzt. Dagegen sind die Benutzerzahlen der Internet-User nur unwesentlich gestiegen. Außer von ein paar Geschäftsleuten wird das Netz nicht aktiv genutzt und diese Leute sind viel eher daran interessiert, Intra- und Extranetze aufzubauen, als eigene Websites zu starten. Es gibt natürlich einige Ausnahmen: Firmen mit Visionen und innovativen Ideen. Andererseits wächst auch die Zahl privater Sites im Netz. Da sieht man dann schon einige gute Arbeiten talentierter Leute aus Webdesign und Kultur. De:Bug: Glaubst du, daß das japanische Telefon Monopol eine Rolle dabei spielt, daß nur Wenige ins Netz gehen? In Deutschland ist die Telekom nicht schnell genug, neue Technologien zu integrieren und ziemlich unfreundlich zu ihren Kunden. Ich habe vier Monate auf einen ISDN Anschluß für meine Wohnung gewartet… ST: In Japan dauert das etwa einen Monat. Aber es gibt nur Wenige, die überhaupt wissen, was ISDN ist. Obwohl NTT (Nippon Telegraph and Telephone) den preiswerten und exklusiven Netzzugang OCN anbietet, warten die Leute erst mal ab, wie es sich bewährt. Außerdem gibt es den speziellen Telefonservice Tele-Hodai (telefonieren solange man will) zwischen 11:00 Uhr abends und 8:00 Uhr morgens. Dann gibt es einen festgesetzten, niedrigen Tarif – solange man die für diese neun Stunden registrierte Telefonnummer wählt. Viele Teenager und Leute, die viel im Netz sind, nutzen diesen Tarif. Die Leitungen sind während dieser Zeit immer ganz schön überlastet. Viele Internet-Nutzer hoffen, daß sich dieser Service auf 24 Stunden ausdehnt. De:Bug: Welche Rolle wird die Zentralisierung der technologischen Infrastruktur spielen? Die USA z.B. haben eine eher zentrale Telekommunikation, während Europa, mit all den verschiedenen Ländern, dezentral organisiert ist. ST: Japan ist überzentralisiert – genau wie die Politik des Landes. Es gibt seit kurzer Zeit den Trend, daß ein paar Firmen das Monopol von NTT zu brechen versuchen, indem sie billigere Telefontarife anbieten. Die Zentralisierung könnte zwei Effekte haben: Erstens, daß das gesamte System und der Standard der Telekommunikation integriert werden kann, was gut und nützlich ist. Aber der zweite Effekt kann auch sein, daß die Zentralisierung zu einer Diktatur führt, die ein Monopol im ökonomischen Sinne sein kann. Es wäre am besten, wenn die Telefongesellschaften weltweit versuchen würden, einen internationalen Standard zu schaffen, damit so viele Menschen wie möglich den gleichen Service bekommen, egal wo sie sind. De:Bug: Gibt es kulturelle Probleme das Medium anzunehmen? ST: Kosteneinsparung, niedrige, laufende Kosten, Marketing und Lösungen plus einer gut funktionierenden Infrastruktur sind überzeugende Gründe, die zur Akzeptanz des Mediums führen. Kulturelle Akzeptanz spielt dabei in Japan keine Rolle. Betrachtet man die japanische Geschichte, machen sich die Menschen erst Gedanken darüber, wenn sie das Medium angenommen haben. Sie akzeptieren, was sie akzeptieren wollen. De:Bug: Haben die Kinder in der Schule Zugang zum Netz? ST: Schulen mit Computer sind in den letzten Jahren immer mehr geworden. Aber die Schüler sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gut ausgebildet. De:Bug: Wie wird sich das Netz in den nächsten sechs Monaten entwickeln? Und in einem Jahr? ST: Online-Finanzierung wird offiziell starten. Web-Inhalte werden sich verändern, da das Web Informationen via Satellit und Web-TV verbreiten wird. Außer E-Mail-Order-Angebote, wird das E-Business im Web scheitern. Heutige Distributionssysteme werden sich grundlegend ändern. Das wird dem System helfen zu kollabieren. PCs, die TV-Tuner installieren, werden sich auf der Welt durchsetzen. Eine neue Ära des Internets wird mit DVD-ROM-Playern und Giga-Byte Web-Inhalten starten. Das Internet wird der Platz sein, menschliche und keine Business Communities zu beherbergen. Der Stand des Netzes : Interview mit Saori C. Suzuki De:Bug: Wie viele von deinen Freunden haben Netzzugang? Saori C. Suzuki: Ich sage mal die meisten. Allerdings lerne ich meine Freunde lieber im Netz kennen, weil ich so ungern telefoniere. Na ja, wenn ich E-Mail benutze, bin ich unabhängig von Zeit und Ort. De:Bug: Gehen deine Freunde von Zuhause oder von der Arbeit aus ins Netz? Ist es mehr zum Spaß, oder weil sie schnell Information suchen? SS: Die meisten benutzen das Netz von ihrem Arbeitsplatz aus. Das Verhältnis Entertainment – Information liegt bei 50/50. De:Bug: Der Netzhype ist in Deutschland in vollem Gange. Ich glaube immer noch, daß die Deutschen, im Vergleich mit den Amerikanern, drei Jahre hinterher hinken, was den alltäglichen Gebrauch und die Akzeptanz angeht. In den amerikanischen Gelben Seiten steht neben Telefon- und Faxnummer fast immer auch eine URL. Wie ist das in Japan? SS: Ich glaube, Japan ist da eher 10 Jahre hinterher. Es benutzen nur wenige das Internet. In Statistiken heißt es, gerade mal 6 % der Bevölkerung. Das größte Problem ist, daß die meisten kein Englisch sprechen und lesen können. Bevor Japaner also mit neuen Medien kämpfen, müssen sie erst mal ihren Computer verstehen lernen. Natürlich weiß die Mehrheit um die Vorteile: die ganze Informationsflut und daß es in gewisser Weise die Welt verändert. Viele Firmen suchen nach Formen, das Internet zu nutzen. Fernsehen spielt für das Internet eine große Rolle. Einige Firmen haben eine Art Internet-TV entwickelt, bislang aber nur Prototypen. Viele der Kabel-, Satelliten und öffentlichen TV-Stationen versuchen, ein ideales Internetsystem für die japanischen Zuschauer zu entwickeln. Ich hoffe, daß das Fernsehen als ein Auslöser fungiert, Internetkultur zu verbreiten. De:Bug: Viele deiner Freunde haben Netzzugang. Wie sieht es mit deinen Verwandten aus? SS: Mein Vater, ja. Er arbeitet im Computer-Business. Meine Mutter nicht. Nur eine meiner acht Kusinen ist im Netz. Und von der restlichen Familie auch leider keiner. Ich denke, daß mein Fall typisch für Japan ist. Die meisten Netz-User nutzen E-Mail, aber es gibt wenige, die Spaß am Web haben. Viele wissen gar nicht, was so toll an einem Browser ist. Ich fände es prima, wenn meine ganze Familie vernetzt wäre! Und wie ich schon sagte, da ist das Problem mit Englisch und Computern im allgemeinen. Oh, und natürlich das Tippen! Das kann hier kaum einer richtig gut! Gee, ich kann mir meine Mutter nicht tippend vorstellen! Als ich an der High School in Amerika war, mußten wir langweilige Computerkurse wählen. Alle Arbeiten mußten getippt abgegeben werden. Ich schätze, du wirst in den Staaten kaum jemanden finden, der das nicht kann. Hier gibt es so etwas nicht. Und obwohl der Internetboom auch nach Japan geschwappt ist, und die Leute sich Computer gekauft haben, sitzen sie davor, starren auf die Tastatur und tippen mit dem Zeigefinger Taste für Taste. De:Bug: Sowohl in den Staaten, als auch in Deutschland scheinen mehr Männer im Netz zu sein. Es ändert sich gerade ein wenig. Es gibt eine Menge guter Sites, die von Frauen gemacht werden. Wie ist das bei euch? SS: Hier ist das genauso. Ein Grund ist sicher, daß mehr Männer als Frauen arbeiten gehen. Und das Männer sich meist mehr für die Technik interessieren. Ich würde sagen, daß die guten Sites hier von Männern gemacht werden. Und deswegen (ich mag diese Idee überhaupt nicht, da ich eine Frau bin) werden sie so gebaut, daß sie für Männer interessant sind. Hotwired Japan wendet sich allerdings an Männer und Frauen und das durch alle Generationen. Wir haben trotzdem mehr männliche User. Wir haben Artikel über Technologie, Multikulturen, Musik, alternative Ideen bezüglich des 21. Jahrhunderts und so weiter. Welche Mädchen würden sich dafür interessieren? Ich denke, die meisten japanischen Mädchen interessieren sich gemäß ihrer Rolle eher für Diäten, Hautpflege, Mode, Kochen und Jungs. Es wird schwer, die Frauen ins Netz zu kriegen. De:Bug: Kannst du Unterschiede feststellen (in Design, Geschichten, Messages, etc…) von Sites, die von Frauen gemacht werden? SS: Ich seh’ da keine Unterschiede. Du? De:Bug: Nicht ob eine Site von einem Mann oder einer Frau designet wurde. Aber bei der Konzeption eines Websites sehe ich schon Unterschiede. Männer packen alles voll mit Grafiken, Frauen interessieren sich mehr für die Geschichten und dafür eine Stimme im Netz zu haben, eine Meinung. Wie wird die Entwicklung des Netzes in den nächsten sechs Monaten oder in einem Jahr sein? SS: Das ist eine schwere Frage! Bisher hat in Japan im Netz niemand etwas wirklich Tolles gemacht. Jeder imitiert und lernt noch. Vielleicht werden wir die führende Site hier in Japan. Beim “3rd Association of Multimedia Developers Award”, der berühmteste japanische Multimedia-Preis, wurden in der Netz-Sektion Preise an folgende Sites vergeben: Ultima Online, Post pet, Diablo, Hotwired Japan, and Music.co.jp. übersetzt von Vicky Tiegelkamp ————————————————————— Satoru Tanno (and Paradise Graphic’s) favorite web-sites: http://www.entropy8.com http://www.volumeone.com http://home.dti.net/futura/ http://www.dextro.org/turux/ http://www.e13.com http://day-dream.com http://www.antirom.com Saori C. Suzuki favorite web-sites: http://www.52mm.com http://www.smallprint.net http://slugfest.kaizen.net http://www.hightfive.com http://www.e13.com.

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Elektronische Lebensaspekte.

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