10 Jahre De:Bug: Rave Around Tickerlady

Auf der Suche nach dem Wort “Rave-Literatur” trifft der überraschte Googler auf Irvine Welsh, den die Zeitschrift Cinema aus nicht nachvollziehbaren Gründen zum “König der Rave-Literatur” ernannt hat, auf das unvermeidliche Germanistikseminar und auf die De:Bug selbst (um genau zu sein, dem mittlerweile offline gestellten De:Bug-Wiki), in der zu lesen stand: “Raver vollziehen Rave in der Praxis und sind somit nicht zu verwechseln mit den Lesern von Rave-Literatur. Raver stehen zudem in einer Traditionslinie mit den Mods.” Aha. Weiter hilft das nicht.

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Die Literatur zum Rave war zunächst eine Nichtbelletristische. Als 1995 das von Anz/Walder herausgegebene Kompendium “Techno” herauskam, nach unzähligen, größtenteils von Irritation, Unverständnis oder Ablehnung geprägten Artikeln, ein Buch, das aus der Mitte der “Bewegung” zu kommen schien, da begann bei den akademisch geprägten Ravern bereits das Geklage, es hieß, dass das, dessen Geschichte geschrieben werden könne, bereits im Absterben liege, denn die Eule der Minerva, weiß der Hegelianer, beginnt ihren Flug erst bei der Dämmerung.

Zugleich tauchten in den Jahren 1994 bis 1997 einige Texte von Rainald Goetz auf, der für seine Erlebnisse mit Westbam oder Sven Väth allerdings zunächst keine andere Sprache gefunden hatte als jene, die er schon zum Beschreiben seines anderen vitalen Erlebnisses, dem Punk-Hören, benutzt hatte. Erst allmählich schälte sich eine neue, sehr weiche Sprache bei ihm heraus, eine Hippiekunstsprache des Rave, sehr romantisch, sehr effektgeladen, sie erwies sich oft, wenn man ernsthaft versuchte, den Worten (nicht ihrem Sound) zu folgen, als absolut sinnfrei. Was egal war, denn es klang gut.

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Und auch heute noch lässt sich diese Wirkung erahnen:

Und wie nun also Woody da so saß und rauchte, und weder Katze noch der momentane Spirit, weder die laufende Musik noch die durchgeschauten Platten, weder die Schlafenden, die da auf und um das Bodenbett herum gelagert waren, noch er selber wirklich Gegenstand und Zentrum seiner augenblicklichen Aufmerksamkeit waren, sondern irgendwie eben alles das zusammen auf irgendeine Art, –

Da war es wieder einmal der Moment, in dem dieses spezielle Extrem kurz die Wahrheit war:

dass in jedem alles da ist,

dass jeder alles weiß,

und dass man es manchmal auch spürt und äußerst selten merkt, wie es sich auch noch nach außen äußert, auf eine immer wieder unerwartete Art. Dass Streit allein auch deshalb falsch ist, weil er das vergisst, und dass das Leben der Zerstörung, das wir führen, ein Geschenk und richtig ist, trotz alledem.

Ich konnte nicht sehen, welche Platte Woody jetzt in diesem Moment auswählte und auflegte.

Ich lag da und schlief und hatte das Gefühl, als würde Basic Channels Neunte in mir laufen.

Dies ist ein Auszug aus Goetz’ Roman “Rave” von 1998, der wie sein im nämlichen Jahr im Internet erschienenes Tagebuch “Abfall für alle” sofort zu einem Hauptwerk der Raveliteratur verklärt wurde.

Doch bei allem Bemühen von Goetz, dem in Gemeinschaft erlebten Rausch eine adäquate Sprache zu geben, bleibt “Rave” letztendlich stecken in dem, was Goetz selbst anderen vorwirft. Einerseits nämlich betreibt er – wenn auch nur via Häme – Medienkritik, obschon Goetz selbst allen anderen vorschreibt, dass sie nicht theoretisieren und auch nicht kritisieren sollen. Andererseits bewegt er sich in den Stereotypen eines Klatschromans, was die mitgeteilten (ob nun wahren oder unwahren) Erlebnisse von Prominenten angeht – und der Roman verliert auf nicht unbeträchtliche Weise an Lustigkeit, wenn man nicht weiß, wer oder was Jürgen Laarmann, Stöpsel Schmidt oder Tim Renner einmal waren.

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Zudem muss der Roman, damit er als Klatschroman funktionieren kann, die bestehenden Verhältnisse manifestieren, also sind DJs Götter, sind Tracks allgemein vorauszusetzende Werke der Klassik (“Basic Channels Neunte”) und sind Frauen “Mäuse” oder “schokobraune Mädchen”. So ist Goetzens Großwerk “Heute morgen um 4 Uhr 11, als ich von den Wiesen zurückkam, wo ich den Tau aufgelesen habe”, zu dem all seine hier erwähnten Werke gehören und dessen Titel an ein Zitat von Harald Schmidt angelegt ist, vielleicht eine “Chronik der Gegenwart” gewesen, doch der Erkenntniswert ist: nicht bleibend.

Rave nämlich hat keine Klassiker hervorbringen können, das Glück der Körper ist schwer zu literarisieren, Fallhöhe für Helden gibt es ebenso wenig wie komödiantischen Stoff. Man kann nicht das, was zwingend plan ist, unkritisch zu etwas Hochkomplexem erklären. Und für eine weit reichende Kritik ist – siehe: Eule der Minerva – die Zeit offensichtlich noch nicht reif. Goetz allerdings hat den ehrenwertesten Versuch unternommen, den Rave zu hochliterarisieren.

Technodeppen

Lediglich zwei literarische Werke in deutscher Sprache können für sich in Anspruch nehmen, originäre Raveliteratur zu sein, die weder Neunacherzählung Celine’scher Nachtreisen ist noch Rockerzählung, in der sich des Technoclubs lediglich als Spielort bedient wird (siehe: Welsh).

Da ist zum einen die 1998/99 im Partysan Berlin unter dem Titel “Strictly Rhythm” begonnene und seit einigen Jahren unter dem Titel “Auf die Zwölf” auf dem monatlichen Berghain-Flyer fortgesetzte Drogenkarrierengeschichte des “Technodeppen” Tom, der in immerneuen Variationen das Immergleiche tut: Draufkommen und Ficken, Kotzen inklusive. Die kurzen Glossen funktionieren, weil Tom ein Depp ist, der allerdings genau den dumpfen Dauerrausch erlebt, den sich die Leser wünschen. Durch die satirische Anlage gelingt es dem Autoren Anton Waldt (siehe De:Bug-Impressum) von Sex&Drugs&Bass zu erzählen, ohne obszön oder langweilig zu werden – die Übertreibung rettet den Text.

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Anders ist es beim wohl durchgeknalltesten Text der Raveliteratur, Nancy von Bunkers autobiographischer Erzählung “Die Tickerlady” (1998), in der sie ihre Erfahrung als Pillenverkäuferin im weltwichtigsten Gabbatempel schildert (und deren Veröffentlichung der Autorin eine Bewährungsstrafe einbrachte). Der Text ist konventionell und naiv geschrieben und vermutlich eher unfreiwillig komisch. Das Buch erzählt Rave vom Ende her, vom Tod des Bunkers, mit dem auch die multitoxische, zuletzt nicht nur verpeilte, sondern schwer paranoide Kleinunternehmerin, die erst 1994 aus Erlangen nach Berlin gezogen war, zu einem neuen Dasein fand (“Partydrogen machen im Alltagsleben keinen Sinn.”).

Nur im Bunker

Die Erlebnisse der Autorin sind ohne Bunker nicht denkbar: “Dass es mir tatsächlich gelungen war, noch einmal den berüchtigten Bunker betreten zu dürfen! Ein Glücksgefühl überkam mich, wie bei der Rückkehr in eine lange vermisste Heimat. Mir war klar, dass ich hier und nirgends sonst hingehörte. Der Bunker war der einzige Ort, an dem ich sein wollte. Der Traum vom Glück der Freiheit war gefangen in diesen Mauern. Der Traum entfaltete seine zarte Blüte im Schutze der meterdicken Betonhaut, spendete Trost und Geborgenheit.” Als identitätsstiftender, weil blöder Gegen-Club gilt in dem Buch das E-Werk.

Dieses Buch ist, obschon verlogen und zusammengestümpert, schlecht geschrieben und auf einen Markt hin konzipiert, wahrer als Goetz’ romantische Überschreibung des Familien- und Körpergefühls. Denn wo Goetz (und all seine Nachfolger in der intellektuellen Rave-Aufarbeitung) diskret ist, ist diese Nancy “von Bunker”, die sogar ihre Identität mit dem Club verknüpft, schamlos, wenn auch nicht ihrer Freiheit, sondern ihrer Naivität wegen. Bei ihr sind Pillen Pillen, ist Rausch Rausch, ist der Bass Bass. Keine große Verklärung. Keine Romantik. Keine vertrackten Anspielungen. Höchstens schlechte Bilder (“Der Traum vom Glück der Freiheit”). Nichtsdestotrotz: Das ist Realismus. Hochkultur und Rave geht nicht zusammen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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