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Text: Julian Jochmaring

Neben seinem Status als eskapistisches Auswanderungsparadies für esoterische Einsamkeitsfanatiker entwickelt sich Kanada in den letzten Jahren immer mehr zur Indierock-Hochburg. Mit Bands wie Arcade Fire, Broken Social Scene oder den Stars gedeihen einige der erfrischendsten Alternativen zum oft bornierten und ideenlosen Geschrammel vieler US-amerikanischer und britischer Gitarrenbands im Schatten des Ahornblattes. Das noch recht junge Musikjahr 2009 beschert uns mit ”Welcome To The Night Sky“ von Wintersleep erneut ein Album einer kanadischen Band, das mit großer Wahrscheinlichkeit auch am Ende des Jahres nicht zur Fußnote verkommen sein wird.

Wintersleep vollführen dort ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Hörer, jagen ihm treibende Bassläufe und zackige Wave-Rhythmen direkt ins Tanzbein, wiegen ihn mit folkiger Catchiness in Sicherheit und knallen ihm einen Moment später brachiale Gitarrenwände vor die Stirn. Referenzen wie Band Of Horses, The Weakerthans oder gar die frühen R.E.M. scheinen auf und verpuffen ebenso schnell wieder in noisigen Klangwolken und mäandernden Postrock-Eskapaden. ”Wir mögen alle sehr verschiedene Musikstile. Jeder bringt seinen eigenen Geschmack ein. Diese Elemente versuchen wir dann ständig neu anzuordnen. Das Endergebnis sollte dabei immer mehr sein als die Summe der einzelnen Teile“, verrät Sänger Paul Murphy über den dekonstruktivistischen Produktionsstil des Quintetts aus Halifax. Wir erreichen Murphy am Telefon in Bremen, wo er einige Tage bei seiner deutschen Freundin verbringt und sich von der ersten absolvierten Europa-Tour erholt. Die intimen Shows in kleinen Clubs waren eine willkommende Abwechslung für eine Band, die in ihrer Heimat regelmäßig vor 1000 Zuschauern auftritt.

”Welcome To The Night Sky“ ist schon ihr drittes Album und erschien in Kanada bereits im Oktober 2007. Dank des kleinen britischen Labels One Four Seven Records ist es nun auch diesseits des Atlantiks verfügbar. Vielleicht liegt es an ihrer Herkunft, dass hierzulande niemand früher auf Wintersleep aufmerksam geworden ist. Denn die Küstenstadt Halifax im rauen Neuschottland ist ein weißer Fleck auf der Indie-Landkarte im Vergleich zu den Hipster-Metropolen Montreal und Toronto. Doch aus diesem Diaspora-Dasein ziehen Wintersleep erst ihre kreative Energie: ”Halifax war perfekt, um unseren eigenen Stil zu entwickeln, ohne zu sehr gefangen zu sein in einer Szene. In Montreal oder Toronto hätten wir viel schneller untergehen können.“ Alle Wintersleep-Mitglieder außer Murphy spielen zudem noch bei der Band Contrived, mit Brian Borcherdt, Kopf der mittlerweile in Toronto beheimateten Holy Fuck, besteht eine langjährige Freundschaft. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, Halifax sei eine Art kanadisches Weilheim, so familiär und vernetzt präsentiert sich die lokale Szene.

Die bösen Geister der Provinz lauern dort aber auch, zumindest wenn man dem Video zu ”Weighty Ghosts“ Glauben schenkt. Wie die personifizerte Kehrseite des American Dream mischen sich hier maskentragende Geister unter eine sorglos spielende Kindermenge. ”Für das Video hatten wir genau diese Atmosphere wie bei Gregory Crewdson oder David Lynch vor Augen.“ Noch in diesem Frühjahr werden Wintersleep mit den Arbeiten an ihrem neuen Album beginnen. Ganz bestimmt werden wir nicht wieder fast eineinhalb Jahre warten müssen, um zu erfahren, wohin die inneren Geister Paul Murphy & Co. diesmal treiben.

Wintersleep, Welcome To The Night Sky, ist auf One Four Seven/Soulfood erschienen.

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