Psychedelischer Dub & zerhackter HipHop aus den Tiefen des Internets.

Ein Gespenst geht um in den Blogs: Witch House ist die Verquickung von clippenden Synthesizern, runtergepitchtem Südstaaten-Rap, okkulter Symbolik und psychedelischer Videokunst. Weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit entsteht online ein vielförmiges Gesamtkunstwerk, dessen global verstreute Urheberschaft sich in medialer Skepsis und Zurückhaltung übt. Mit House hat das übrigens nichts zu tun.

Witch House begann irgendwann Ende letzten Jahres. Frühe Tracks von Salem geisterten durch das Netz, das in Berlin lebende Künstlerduo AIDS-3D pitchte Eurodance-Klassiker auf Chopped&Screwed-Geschwindigkeit, und Bedroom-Producer weltweit entdeckten die ASCII-Palette neu. Innerhalb weniger Monate schossen die MySpaces wie magische Pilze aus dem Boden, die Blogger reagierten aufgeschlossen bis verwirrt und die ersten Labels signten Künstler wie White Ring, Balam Acab und oOoOO (sprich: “Oh”).

Der Sound war kratzig und düster, über böse Midtempo-Stampfer und Dubs mit Handclaps rollten Planierraupen aus Synthesizern und Drones, über allem schwebten laszive Sängerinnen mit Hall en masse. Früh am Start waren Disaro Records aus Houston und Tri Angle aus Brooklyn, letztere haben mit Kompakt seit August dieses Jahres sogar einen deutschen Vertrieb. Mit Clan Destine zeigt das nächste Label Interesse an Witch House, unlängst bekannten sich auch HEALTH als Fans und nahmen einen Salem-Edit von “In Violet” in ihr Remix-Album “DISCO2” auf. Der Hype in Deutschland steht in den Startlöchern, da melden sich schon die ersten Foren-Trolle und Style-Polizisten aus dem unteren Untergrund: “Witch House is dead!”, fauchen sie. So schnell kann es gehen.

Von Kenneth Anger zu Zombie Rave
Das Genre, nennen wir’s einfach mal so, hat sich in der kurzen Zwischenzeit bereits erfolgreich diversifiziert. Neben der Dub/HipHop-Variante namens Drag gibt es eine Edit-lastige mit geraden Beats (Zombie Rave) und noch mal eine ganz andere: psychedelische Slowdowns mit Hall- und Echo-Overkill, Ghost Drone der Name. Das Ganze als fließende Kategorien, selbstverständlich. Cosmotropia de Xam, Videokünstler und Mitglied des Ghost-Drone-Projekts Mater Suspiria Vision, erklärt: “Witch House ist das Muttergenre – Drag, Ghost Drone, Zombie Rave etc. die Töchter.”

Wer den Begriff erfunden hat, ist nicht verbürgt, genannt werden wahlweise Labelgründer Robert Disaro oder Todd Brooks vom New Yorker Kulturverein Pendu. Sicher ist nur, dass “Witch House” keine journalistische Fremdzuschreibung ist. Schon allein wegen der musikalischen Heterogenität muss es also etwas jenseits des Mediums geben, damit Witch House als ästhetische Kategorie funktioniert. Tatsächlich erinnern viele Artworks und Videos an fast vergessene B-Movies aus den Siebzigern: verstörende Arbeiten von Jean Rollin und Kenneth Anger, Okkult-Streifen mit einer guten Portion nacktem Fleisch, das Ganze geloopt, gespiegelt, mit Fehlfarben-Overlays und Interlaces. Abseits des Gegenständlichen beweisen viele Künstler eine Vorliebe für Dreiecke und Kreuze: Projektnamen wie GL▲SS †33†H oder PWIN ▲▲ TEAKS sind noch googlebar, spätestens bei †‡† und ///▲▲▲\\\ (sprich: “Void”, mittlerweile “Horse McGyver”) versagen Suchmaschinen wie Sprechwerkzeuge. Das dient nicht nur der sozialen Hermetik, die Zeichenketten passen auch nahtlos ins multimediale Konzeptkunstwerk: wieso Wörter schreiben, wenn man Bilder zeichnen kann?

Das Ritual dahinter
Wichtiger noch als die Verflüssigung der ohnehin schon pitschnassen Grenze zwischen Symbolen und Icons ist aber die Identifizierung von Worten mit Dingen, die Bezeichnung als Beschwörung. Jim Weigel alias Owleyes, Mitbetreiber von Disaro Records, ist ein klassischer Mystiker: “Viele Künstler wissen vielleicht nicht, weshalb sie sich zu dieser Bildsprache hingezogen fühlen, aber die Symbole sind tief in uns verwurzelt, sie sprechen zu uns. Die Ästhetik ist eigentlich sekundär, es geht in erster Linie um das Ritual dahinter. Kunst und Musik können ganz bewusst genutzt werden, um die Pforten zum Göttlichen in uns zu öffnen. Wir sind ein okkultes Netzwerk von Künstlern und Musikern, die hinter den Schleier blicken wollen.” Voraufklärerische Kernkonzepte in der hippen Parallelkultur? Das hieße mit Giordano Brunos Pantheismus und Eliphas Lévis okkulter Magie gegen die Diktatur der Eigentlichkeit anzukämpfen, oder präziser: sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Lady Gaga per Ghost-Drone-Edit eine Seele einzuhauchen, käsige Eurodance-Klassiker im Drag-Mix überhaupt wieder als Sound zu begreifen und das komplett abgestumpfte SAW-Publikum noch mal auf einer tiefenpsychologischen Ebene zu irritieren.

Dass Witch House die postmoderne Mystik nicht erfunden hat, weiß auch Owleyes: “Komplett neu und abgefahren ist das alles nicht, Genesis P. Orridge und Thee Temple ov Psychick Youth haben schon lange vorher Musik und Kunst als Magie und Ritual betrieben, davor waren es die Surrealisten. Uns geht es um die Kraft des Willens und darum, wieder einen Zugang zur wahren Magie zu finden, die in Kunst und Musik verborgen ist.”

Eichendorffs populärer Vierzeiler vom Lied, das in allen Dingen schlafe, sei damit vom Kopf auf die Füße gestellt: Hier schläft ein Ding in allen Liedern. Und wie bei Dalí sind das Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören: Hexen, HipHop und David Lynch ebenso wie Leetspeak, MS Paint und Bands in Röhrenjeans. Auch kanonisch: das Kleine im Großen, das Teil im Ganzen. Owleyes: “Dies ist nur ein Mikrokosmos von dem, was überall um uns herum passiert. Die Menschen erwachen. Wir müssen überdenken, wie wir miteinander umgehen wollen – Alchemie, Evolution, die wahre Natur des Ichs erkennen, das sind die Schlüssel.”

Nur folgerichtig hat das Onlinephänomen dann auch den Weg in die echten Keller gefunden – erste einschlägige Konzerte und Partys laufen in New York, in London, in Berlin. Die Disaro-Familie hat gerade eine Labeltour durch Großbritannien hinter sich. Geld verdienen lässt sich damit freilich kaum, aber Owleyes sind ohnehin andere Dinge wichtiger: “Leute, die sich vorher nur von MySpace oder Facebook kannten, treffen sich zum ersten mal im echten Leben, und es ist wie ein Urknall. Manche sind ein bisschen verwirrt, aber die meisten fühlen sich sofort geborgen.”

Kontextmorphing
Es ist schon fast zu verlockend, die ganze Angelegenheit als eine Serie ironisch gebrochener Allgemeinplätze abzutun. Owleyes räumt ein: “Humor ist extrem wichtig. Wenn du die Dinge zu ernst nimmst, findest du nicht mehr aus dem Dunkel heraus.” Tatsächlich wirken viele Arbeiten und Statements programmatisch überdreht und eine Nummer zu absurd – auch das ist eine Frage des Blicks. Von eklektizistischem Klamauk distanziert sich z.B. Cosmotropia de Xam energisch: “Es geht hier nicht um Spaß. Es geht um Kontextmorphing und Bewusstseinsveränderung. Die Pforten der Wahrnehmung sind offen – wenn du es zulässt.” Womit Witch House zweifellos den postironischen Zugang zu einem Kosmos aufzeigt, in dem tatsächlich ein Zauberwort die Welt zum Singen bringt. Zu Eichendorffs Zeiten war die Inquisition übrigens schon lange vorbei, Giordano Bruno wurde seinerzeit noch der Ketzerei und Magie für schuldig befunden und starb auf dem Scheiterhaufen. Brüder im Geiste hätten sie heute jedenfalls beide gefunden.

20 Responses

  1. Super Slow « E-BEATS

    […] Julian Weber empfielt mir in der taz den um 800 Prozent verlangsamten Charthit von Justin Bieber („U Smile“), verweist auf die dazu verwendete Freeware „Paul Strech“ und die passenden Genre-Schubladen: Screw, Drag, oder Witch House. […]

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  2. ax

    Ein Musikmagazin sollte auch zum Text Links zur Musik geben.

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  3. John

    Es gibt doch Google!

    Abgesehen davon – nannte man sowas nicht annodazumal Angstpop?

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  4. †††

    bei soundcloud gefunden : screwed hip hop, drag , zombie rave dj mix †††

    Modern S†alking – Slow I† Down

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  5. ▲▲▲

    … wen interessiert wie es der ein oder andere es nennt, bzw. woran es erinnert? … es ist teuflisch gut! Und es ist herrlich, dass es endlich wieder Sachen gibt die es wirklich wert sind zu hören.
    Lasst sie doch einfach machen und genießt es! Für jeden Sound neue Namen vergeben, das nervt extrem! Genau damit wird seit langem alles sofort im Keim erstickt! … geliebte Elemente neu und modern benutzt – so mag ich das und genau darüber freu ich mich! Und genau davon würde ich gern noch viel mehr haben.
    Aber stopft sie ruhig alle in irgendwelche winzigen Schubladen ganz, ganz unten – dann bleibt denen ganz oben mehr Platz für ihren Mainstream.
    :(

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  6. BLN.FM | Ritualz – Ghetto Ass Witch

    […] Ass WitchHexen müssen nicht böse sein. Aber sicher würde sich kaum ein Blog und schon gar kein Musikmagazin für ein Musikgenre interessieren, das sich auf kleine kinderweltverbessernde Hörspielhexen wie […]

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  7. c▲†▲combius

    (c▲†▲combius ist meine band, ich habs jetz einfach witchhouse-ig geschrieben 😉 wir machen nicht wirklich witch house, aber ein bisschen schon. )

    ich wollte euch nur mal S✝ory of Isaac näher bringen!
    die sind echt super und nett auch. ein bisschen emo, aber das scheint da ja dazuzugehören.

    übrigens sieht man ja auch viele umgekehrte kreuze. das ist zwar schwer verstörend jedoch, wie ich das verstanden habe, nicht wirklich satanistisch gemeint. jedenfalls nicht von allen bands. (siehe M△S▴C△RA: http://www.youtube.com/watch?v=0K7Kbp2Tlto)

    und hier ist eben noch story of isaac; http://www.youtube.com/watch?v=ZkBlJCIW_Q0&feature=related

    guten abend, lucius :)

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  8. chester

    ich glaube ich bin alt und langweilig und hab das alles schon mal erlebt….

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  9. Herr Jemineh

    Ihr seid doch nicht ganz dicht mit euern Genres…

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  10. nix hier mit ▲

    naja, wenn man berreits viel untergrund-musik gehört hat, weiß man irgendwann, dass es keine neuen genres mehr geben wird, da es alles schonmal irgendwo irgendwie gab – das ganze ist dann auch noch so vielfältig und gigantisch, dass es schlichtweg bescheuert wäre, sich dafür auch noch klassifizierungen auszudenken.
    das ganze symbolikzeugsist nunmal ein hype, den es davor auch schon gab, nur noch tiefer im untergrund und daher nicht als hype…

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  11. Week Theme Song: Mater Suspiria Vision – She´s on Drugs | Endlosrille

    […] Das schrägste Lied der schrägen Weihnachtsfeier (Dank H. aufgeschnappt) des vergangenen Wochenendes liefert der Witch-House-Großmeister Mater Suspiria Vision. 2010 anfangs als Hipster-Genre verschrieen, hat sich Witch House oder auch Ghost Drone oder Zombie Rave dort weiterentwickelt, wo es hingehört – in obskuren Einraumappartments – und wird auch nicht mehr das Schicksal von Dubstep ereilen, dass größtenteils zum kleinen, nervigen, elektronischen Bruder von Schweinerock wurde. Für mich war die Musik anfangs einfach nur die entschleunigte Variante dunklen 80er-Pops wie Propagandas “Dr. Mabuse” oder 16 Bits “Where are you?” mit optischen Anleihen an mein Lieblingskunstprojekt aller Zeiten, The KLF. Doch damit war das Phänomen noch längst nicht begriffen. Wie man Witch House am besten beschreiben kann, zeigte Bianca Heuser vor vier Jahren in der De:Bug: […]

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