Der Maler Moritz Reichelt hat die Protagonisten der US-Wunderwaffen-Szene portraitiert. Ein Gespräch über Militär-Schamanen, Hippie-Waffen und das brennende Tiki-Paradies.

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Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

Moritz Reichelt wußte schon früh was er wollte. Bereits 1968 war er mit einem Bild auf der Documenta 4 in Kassel vertreten. Reichelt war damals 13. Später legt er sich den Namen Moritz R® zu, wird Mitglied der legendären Computermusik-Formation Der Plan und gründet 1979 das NDW-initiierende Schallplattenlabel Ata Tak. Er macht Cover-Designs für Mute Records, illustriert jahrelang die 80er Pop-Bibel Tempo. Zuletzt gestaltete er fast zwei Jahre für Universal Music eine Insel in Second Life. 2005 ließ er sich als Direktkandidat für “Die Partei” aufstellen.

Reichelt mag künstliche Welten. Eigentlich ist er Maler. Von Beginn an und als zentrale Selbstdefinition. Unser Anlass ihn zu treffen, ist eine Bilderserie, die er für die Ausstellung “embedded arts” in der Akademie der Künste schuf: Auf insgesamt fünf Großformaten von jeweils 150 mal 150 Zentimetern hat Reichelt die wesentlichen Protagonisten der “Non Lethal Weapons”-Entwicklung als “Peace-Monsters” dargestellt.

Debug: Wie bist du bei der Darstellung der NLW-Gurus vorgegangen?

Moritz Reichelt: Diese Typen sind allein schon durch ihre Persönlichkeiten interessant. Das sind ja nicht nur Technokraten oder Militärs, sondern zum großen Teil vor allem Ex-Hippies. Besonders interessant scheint mir, dass in deren Persönlichkeitsstruktur verschiedene Sichtweisen plötzlich kompatibel werden.

Die Amerikaner verkaufen ihre eigene Gesellschaft immer als Eldorado der Freiheit. Und wenn du das einmal als selbstverständlich akzeptierst hast, scheinen auch alle Abwehrmaßnahmen zum Schutz dieser Gesellschaft berechtigt. Der Reiz an der Bilderserie ist, dass die Menschen, die solche Strategien planen und sonst immer im Abstrakten bleiben, plötzlich ein Gesicht bekommen.

Debug: Wenn es um Militär-Technologie geht, halten sich die Protagonisten ja prinzipiell gerne bedeckt. Hattest du eigentlich Fotos als Vorlage?

Reichelt: Ja, da gab es genug. Diese Leute suchen eher die Öffentlichkeit, sie wollen sich auch selbst darstellen. Gerade Jim Channon (siehe Cover) ist ja ein supereitler Sack – behaupte ich jetzt mal, ohne ihn persönlich zu kennen.

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Debug: James “Jim” Channon, der esoterische NLW-Oberguru, Armee-Netzwerker und Erfinder der utopische Friedensarmee “1st Earth Bataillon” eine, die mit ausgeklügelten psychologischen Verfahren eine neue Weltordung schaffen sollte …

Reichelt: Channon wollte, dass Soldaten, die in eine eroberte Stadt einmarschieren, kleine Lämmchen im Arm tragen. Sein “1st Earth Battallion” war eine Armee von Schamanen, die den Feinde durch ihr starkes Bewusstsein beherrschen sollten.

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Heute lebt er auf Hawaii, wo ihm angeblich ein halber Landstrich gehört.

Reichelt: Channon war für mich auch deshalb besonders interessant, weil ich seit Jahren Tiki-Bilder male, Exotik-Bilder. Und auch inspieriert durch Vietnam wollte ich schon immer einmal das Tiki-Thema als brennendes Paradies malen: Da sitzt dieser Mensch unter seinen Palmen, hat ein Hawaii-Hemd an und vertritt seltsame militärische Strategien.

Debug: Kommen wir zu Colonel John B. Alexander, dem Übervater der NLW-Szene. In seiner Psi-Einheit wurden Dinge wie “Durch Wände gehen” oder “Lebewesen mit Gedanken töten” geprobt (mehr dazu ab Seite 28).

Reichelt: Alexander ist so etwas wie das Aushängeschild der Bewegung. Er und seine Frau bezeichnen sich auch als Schamanen und halten entsprechende Vorträge auf Festivals. Das ist wirklich obskur. Aber er nimmt in der letzten Zeit teilweise Abstand von seinen alten Ideen, weil er merkt, dass diese ganz und gar esoterischen Ideen etwas spinnert sind. Er inszeniert sich nun als Stichwortgeber dieser Bewegung.

Wobei die Beschäftigung mit den nicht-tödlichen Waffen eben etwas sehr Reales ist, etwas, das auch ohne ihn auf unsere Gesellschaft zukommt. Alexander hat übrigens Wind von der Embedded-Art-Ausstellung bekommen und sich daraufhin bei mir gemeldet: Er sei zwar nicht sonderlich positiv dargestellt worden, hätte aber Humor und ob ich ihm nicht meine Bilder schicken könnte.

Auch seine Frau hat sich eingemischt und gefragt, was das Portrait denn kosten würde, sie hat es dann aber doch nicht gekauft. Sie ist Journalistin, schreibt Internetkolumnen (The Devil‘s Hammer), in der sie auch schon mal erklärt, warum Marilyn Manson super ist.

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Bild: Colonel John B. Alexander, Übervater der esotherischen US-Think-Tank-Szene

Debug: Inwieweit ist eigentlich dein popkultureller Hintergrund in die Portraits eingeflossen?

Reichelt: Ich glaube nicht, dass die so genannten Poptheorien noch Gültigkeit haben, wenn sie überhaupt jemals eine hatten. Man hat ja eine Zeit lang versucht, über Poptheorien Gesellschaftsdiskurse zu führen. Ich finde das aber ein sehr begrenztes Instrument.

Für meine Kunst ist es wichtig, dass ich in echten gesellschaftlichen Zusammenhängen stehe. Ich habe mit meiner Kunst etwas zu sagen. Die NLW-Typen sind schon von sich aus so surrealistisch, dass sich eine surrealistische Darstellung geradezu aufdrängt.

Debug: Aber gibt es nicht allein dadurch einen Zusammenhang, weil der Übergang zwischen Schallwaffen und Unterhaltungselektronik so fließend ist, schließlich geht es um die Beeinflussung von Stimmungen durch Frequenzen?

Reichelt: Ja, aber das ist noch einmal eine andere Ebene. Eine Waffe, die Unwohlsein erzeugt, die dich im Kopf davon abbringt etwas zu tun. Dass du plötzlich denkst: “Das was ich hier mache ist falsch. Unangenehm … ich gehe jetzt lieber nach Hause.” Das wäre die optimale Waffe für viele Situationen.

Debug: Dagegen ist der Taser von John “Jack” Cover (Bild auf dieser Seite oben) eine handfeste Angelegenheit – und auch schon massenhaft im Einsatz.

Reichelt: Ja, Cover war tatsächlich zuerst Waffenentwickler. Er war übrigens von der Moby Dick-Saga fasziniert und Walfang wird heute auch mit Elektrowaffen bestritten. Aber Cover ist sonst eher unscheinbar.

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Bild: Janet Morris, Spindoctor, Sci-Fi Autorin und Züchterin einer Polizei Pferderasse.

Debug: Was man wohl von Janet Morris nicht behaupten kann: Ex-Hippie und Science Fiction-Autorin, deren Firma M2 unter anderem angeblich “Nano Non Lethal Weapons” entwickelt.

Reichelt: M2 ist eine ziemlich reale Firma, die reale Waffen entwickelt. Es geht aber auch um Strategien, Medienstrategien, die ein Drehbuch brauchen- als Lehre aus dem Vietnam-Krieg. Bei Morris machtn sich Gedanken, wie man zum Beispiel als siegreiche Armee in einem besetzten Land auftritt.

Also den dort lebenden Menschen seine Präsenz zu verkaufen. Morris ist Autorin solcher Skripts. Bekannt ist sie passenderweise als Science Fiction-Autorin, ja. Außerdem hat sie eine Zucht für Polizeipferde, sie widmet sich einer Pferderasse, die für Polizeieinsätze besonders gut geeignet ist, weil sie gut beherrschbar und wenig schreckhaft sind.

Debug: Zum Ende sollten wir vielleicht noch darüber reden, dass es von den Ex-Hippies und ihren Strategien ein direkte Linie zur aktuellen Folterdebatte gibt, schließlich sind nicht tödliche Waffen hervorragende Folterinstrumente. Befördert hier Hippie-Idiologie CIA-Methoden?

Reichelt: Das wäre schon eine Reflexion auf der nächsten Ebene. Diese Leute reklamieren zunächst einmal für sich, dass man weniger Menschen umbringen muss. Die Zahl der Toten beim Gegner drastisch zu reduzieren, bezeichnen sie schon als Akt des Humanismus. Morris macht daraus eine richtige Philosophie. Sie ist einfach davon überzeugt, dass Non Lethal Weapons eine Strategie sind, das Töten unter den Menschen gänzlich abzuschaffen.

Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

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