Deutscher HipHop muss weder blöd noch aggro sein. Aus dem tiefsten Berlin-Kreuzberg bringt die Xberg Dhirty6 Cru den aktuellsten Beweis mit Ihrem zweiten Album "Die Reime der Anderen".

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Ill Till hat eine spezielle Superpower. Rappen, Radebrechen, Beats bauen und an Micky-Maus-Pools posen – geschenkt. Hat er alles drauf. Aber das können andere auch. Nein, Ill Till hat die einzigartige Gabe, die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen nach Belieben größer zu ziehen. Das passiert immer dann, wenn er sich diebisch einen abfreut über einen seiner versteckten Vexier-Witze, wenn er wieder mal große Töne spuckt oder die ultimative Wortgefechtwaffe im Battle auf Berlins Straßen braucht. Also ziemlich oft.

Deutschrap ist Ill Tills Thema. Ohne Ghetto-Romantik, ohne Analsex und ausgerechnet auf dem Kölner Label Sonig, bei dem sonst eher Intellenzelektronik der Marke Mouse On Mars stattfindet. Der dortige Labelboss – Till nennt ihn nur Fränki – hat die Tracks seiner Xberg Dhirty6 Cru wiederum als “Intellenzrap” bezeichnet. Eine Steilvorlage für die Superpower.

Ill Till macht sein Zahnfleisch extra weich und weit und gibt Stoff: “Es gab das Bild von uns, dass wir uns über die gesamte Deutschrapszene lustig machen wollen. Aber es ist umgekehrt ein Tribut daran! Von unserer Seite ist alles total Peace-mäßig. Ich sehe mich so ein bisschen wie ein Rap-Jesus, der total viel auf sich nehmen muss. Auch wenn ich mit dem einen Ohr viel Leid ertrage, halte ich auch mein anderes Ohr hin. Ich leide für Rap.”

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Während er so leidet, sitzt Ill Till im Raucherstübchen einer Raststätte am Schlesischen Tor, einer wichtigen Landmarke in Kreuzberg 36 – oder wie er sagen würde: in Dhirty6. Mit seinem blonden Schopf und Sunny-Boy-Ausstrahlung sieht er weniger wie Jesus aus, dafür aber einem gewissen Candy Hank recht ähnlich, der auf Sonig Polka-Core-Platten veröffentlicht und unter anderen Decknamen beispielsweise auch beim Puppenzirkus der Puppetmastaz mitmischt.

Aber mit all dem habe die Cru nichts zu tun, versichert er.Kennen gelernt hat sich die Bande im “World of Warcraft”-Forum. “Wir sind irgendwann darauf gekommen, diese ganzen Herr-der-Ringe-Ambitionen auch musikalisch auszuleben und uns reimtechnisch wie Marder in den Reimkrustenbraten zu fressen.” In der Raststätte ist Till allerdings allein aufgekreuzt. Die anderen Cru-Mitglieder – der Richter, Rapunzel, Tretbote, Tiger, DJ Opferrille – sind irgendwo verschollen.

“Sechs bis sieben könnten wir sein”, gibt Till etwas kryptisch zu Protokoll. “Aber ich habe keinen Bock, für irgendwelche trotzigen Rapper Kindermädchen zu spielen.” Dass manche in der Rap-Szene auch keinen Bock auf ihn haben, ihm noch nicht mal ans Bein pinkeln wollen, ärgert ihn etwas.

Zumindest ein Diss sollte schon drin sein, wenn die Raps im Dhirty6-Style nicht gefallen. Aber der Versuch mancher Szenegrößen, ein Album totzuschweigen, das sich “Die Reime der Anderen” nennt und im Titelstück vorführt, wie die “Dhirty6-Kader” jedes Mikrofon in Rapdeutschland verwanzt haben, muss auf Dauer sowieso zum Scheitern verurteilt sein.

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Aber Spaß und Verschwörungstheorien beiseite. Die Xberg Dhirty6 Cru ist schließlich kein Verarschungskommando aus lauter studierten Parodisten. Was sie antreibt, ist gerade die Liebe zu HipHop beziehungsweise zu dem, was diese Musik mal war und wieder sein könnte. “Sieh doch! Was aus HipHop geworden ist”, heißt es im ersten Stück des zweiten Cru-Albums.

Die Beats plündern dabei Grime und neue Elektro-Stlyes genauso wie Gert Fröbe und Dr. Mabuse, aber im Geiste ist man in Dhirty6 alte Schule. “Wir haben viel von dem Oldschool-Ding gepachtet. Wir sagen auch gar nicht, dass wir die krassen Ghetto-Typen sind. Wir sind Musik-Fans, Rapper, die Bock auf geile Stories und geile Wortspiele haben. Und wir wollen niemandem an den Karren fahren.

” Wenn die Cru doch etwas anprangert, dann mit der Waffe karikaturhafter Überzeichnung. Gegen den Ich-AG-Rap lauter aufgeblasener Battle-Egos bringen sie folgerichtig noch mehr Egomanie in Stellung. “Mein Ego hat auch Platz für zwei”, rappt Richter und holt so wieder mehr Gemeinsamkeit zurück ins Spiel. Da ist es dann auch egal, dass Ill Till gerade alleine im Räucherstübchen sitzt.

Mit der deutschen Sprache befindet sich die Truppe dabei immer ein bisschen auf ganz speziellem, hassliebigem Kriegsfuß. Schon auf dem Debütalbum “Die Wichtigkeit” haben Till & Co. an ihrer eigenen “Rapschreibreform” gearbeitet. Mit Erfolg. “Die deutsche Sprache ist so geil stelzbar und so flexibel, dass man über ein normales Booty-Thema total easy hinausgehen kann und plötzlich ganz andere Referenzen zur Verfügung hat. Ich weiß nicht, ob die noch irgendeine Wichtigkeit in der jungen Generation haben oder ob diese Spielarten von HipHop überhaupt gefragt sind. Aber ich dachte: Wir machen das einfach mal!”

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Xberg Dhirty6 Cru, Die Reime der Anderen, ist auf Sonig/Rough Trade erschienen.
http://www.sonig.com

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. Panique

    naja, hiphopper die selbst im eigenen videoclip idiotenapostrophs a la “flow’s & bitche’s” bringen… kann man als schlecht abhaken. die jungs sollten vllt doch besser erstmal die realschule nachholen bevor sie auf intelligent machen…

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  2. borg

    Naja, Paniker, die alles bitterernst nehmen, sollten vielleicht eine Nachhilfestunde in Humor nehmen. Und: Plural von Apostroph –> Apostrophe.

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  3. Tillmann Mann

    Klaus Billo von (Superbillo Produktionen) ist´s gewesen.. Sieht aber einfach auch besser aus so..
    Realschule braucht´s wirklich nicht..

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