Zeitungen online schmeißen reihenweise das digitale Handtuch. Die Todesanzeigenseite Fuckedcompany.com hat schon eine Sonderrubrik angelegt. Derzeitige Lösung: durch Seiten-Repros von PDFs blättern statt zu klicken. Vor nicht allzu langer Zeit noch abschreckendes Beispiel für falsch verstandenes Webdesign jetztplötzlich als Modell für die Zukunft der Zeitungen im Netz. Wir werden sehen.

Zeitungen im Netz
Das Medium der Krise

“Anyone scanning the business and tech headlines these days might easily get the impression that the Internet is about to shut down altogether. Closed for business, lights out, everybody go home”, schrieb David Hudson Mitte April im Online-Magazin “Telepolis”. Soeben hatte sein Arbeitgeber die Einstellung des “Industry Standard Europe” bekannt gegeben. Kurze Zeit später kamen die nächsten Hiobsbotschaften, diesmal aus dem Netz. “Feed” und “Suck”, zwei Urgesteine des Web-Journalismus, wurden eingestellt. Hudson musste wieder einmal ran, einen Nachruf schreiben. Ein undankbarer Job in diesen Zeiten. Eben noch der Konkurrenz nachgetrauert, dann schon selbst die Kündigung erhalten – was wie ein tragisches Schicksal klingt, wurde in den letzten Monaten zur ständigen Angst einer ganzen Branche.
Die Schuldigen für dieses Dilemma waren natürlich schnell gefunden: Die Dotcoms, die einfach so pleite gehen, anstatt jede Menge teure Anzeigenseiten zu buchen. Die Surfer, die sich einfach nicht erblöden wollen, auf längliche, wild blinkende Streifen zu klicken. Die Banken, die es versäumt hatten, ordentliche Micropayment-Systeme einzuführen. Und nochmals die Konsumenten, die selbst bei existierenden Bezahl-Angeboten nicht mit dem Geld rüberrücken wollen. Von den Verlagen war allerdings kaum die Rede.

Ausverkaufsstimmung bei den Online-Magazinen

Mittlerweile hat sich die Liste der Pleiten und Beinahe-Pleiten noch einmal bedrohlich verlängert. “Salon”, eines der ältesten unabhängigen Web-Magazine, fordert seine Leser seit kurzem zu einem Online-Abo auf. Für rund 30 Dollar pro Jahr bekommen Salon-Leser exklusive Inhalte und werden von Bannerwerbung verschont. Das ehrgeizige Ziel: Noch in diesem Jahr will man ganze 50 000 Abonnenten gewinnen. Beziehungsweise muss sie gewinnen, weil sich sonst nur noch “Fuckedcompany.com” für das Magazin interessiert. Der mit viel Elan gestartete Onlinedienst “Inside.com” wird immer weiter abgespeckt und verscherbelt seine Online-Abos mittlerweile zu Spottpreisen. Ausverkaufsstimmung macht sich breit.
In Deutschland sieht die Lage nicht viel rosiger aus. Krisenstimmung herrscht besonders bei der “Netzeitung”, die im Herbst letzten Jahres als erste allein im Internet erscheinende deutschsprachige Tageszeitung startete. Dafür, dass man eigentlich mitten in der Flaute startete, gab sich auch die Netzeitung erstaunlich ambitioniert. Man holte den Ex-Stern-Chefredakteur Michael Maier als Chef ins Haus, schuf ein ehrgeiziges Feuilleton-Projekt namens “Voice of Germany” und sicherte sich mit der täglichen Altpapier-Rundschau der wichtigsten deutschsprachigen Medienartikel einen Stammplatz in den Bookmarks aller freien Journalisten.
Doch dann wurde Netzeitung-Besitzer “Spray” von “Lycos Europe” übernommen. Und Lycos Europe geht es – Überraschung! – schlecht. Die Firma bastelt gerade daran, sich möglichst schnell komplett von Bertelsmann aufkaufen zu lassen. Bekannt ist, dass Firmen sich vor einer Übernahme gerne noch einmal die Bilanzen gesund rechnen und so genannte Kostenkiller abstoßen. Unklar ist, was das alles für die Netzeitung bedeutet. Erst hieß es, die Netzeitungs-Inhalte würden vermehrt auf den Lycos-Portalen zweitverwertet. Dann war plötzlich nur noch von Inhalten, aber nicht mehr von der Netzeitung die Rede. Bis Ende des Jahres gebe es das Angebot noch, danach sei Schluss, hört man nun aus der Gerüchteküche.

Kein Ende der Talsohle

Ein ähnlich desaströses Bild geben die Print-Titel ab, die sich abseits des Tomorrow-Fernsehzeitschriften-Stils mit dem Netz beschäftigt haben. Insbesondere bei den New Economy-Magazinen ist derzeit Stühlerücken angesagt. Die deutsche Ausgabe von “Business 2.0” wurde im Frühjahr eingestellt, der E-Business-Ableger des Handelsblatts erschien im Juli nach nur drei Monaten Experimentier-Zeit zum letzten Mal. Der renommierte Industry Standard opferte den Sparzwängen gleich seine gesamte Europa-Ausgabe.
Einzig die “Net-Business” verbreitet offiziell Optimismus: “Während sich die New Economy bereits dem Ende der Talsohle nähert, trennt sich bei den führenden Titeln für diesen zukunftsträchtigen Markt die Spreu vom Weizen. Nachdem soeben bereits der zweite große Titel für die New Economy nach wenigen Monaten eingestellt wurde, wird die Position von NET-BUSINESS noch verbessert”, tönt es wenige Tage nach der E-Business-Einstellung siegessicher aus der Hamburger Milchstraße. Doch inoffiziell überwiegt auch dort die Skepsis. Nach zahlreichen Entlassungen sei die Teamgröße etwa wieder auf den Anfangsstand reduziert worden. Was nichts anderes heißt, als dass man völlig unterbesetzt ist. Ein Ende der Talsohle? Fehlanzeige.

Verleger und Verlegenheitslösungen

Mittlerweile hat der Rotstift sogar die klassischen Tageszeitungen erreicht. Die müssen zwar eigentlich eher wegen steigender Papierpreise und nicht wegen fehlender Bannerclicks sparen. Aber weil es gerade so gut zum Zeitgeist passt, macht man dies doch am liebsten im Internet-Bereich. Anfang Juli legte die Berliner Zeitung ihre Multimedia-Seite mit der Medienseite zusammen. Drei Tage später verkündete die Welt, ihre WebWelt-Beilage einzustellen. Ein paar Wochen zuvor hatte bereits der FAZ-Aufsichtsratvorsitzende Hans-Wolfgang Pfeifer in einem Interview gegen das Online-Angebot der eigenen Zeitung gewettert: “Nach einer Weile werden die Leute sehr genau überlegen, was ihnen das Internet bietet und was nicht. Sie werden feststellen, dass das Internet eine tiefere Information nicht bringen kann und auch nicht bringen will.” Man dürfe intellektuelle Leistungen nicht verschenken, erklärte er weiter.
Nicht dass jetzt jemand auf die Idee kommt, Verleger würden das Netz nicht mögen. Ganz im Gegenteil. Sie haben nur ihre eigenen Vorstellungen davon, wie der Erfolg der Rhein-Zeitung (RZ) zeigt. Diese startete vor ein paar Wochen mit einem seltsam anachronistischen Projekt. Wer die RZ-Seiten ansteuert, erblickt eine Zeitung. Komplett gescannt, mit Bild und Werbung. Zwar kann man erstmal nix lesen, dafür aber blättern. Und das macht der Zeitungsleser angeblich viel lieber als dieses furchtbar komplizierte Navigieren.
Vor nicht allzu langer Zeit wäre so etwas noch als abschreckendes Beispiel für falsch verstandenes Webdesign durchgegangen, doch jetzt gilt es plötzlich als Modell für die Zukunft der Zeitungen im Netz. Die Welt hat bereits damit begonnen, ihre Print-Ausgabe als PDF-Archiv ins Netz zu stellen. Die New York Times setzt ebenfalls auf PDF, will das dann aber gleich noch mit Digital Rights Management verbinden. Sonst könnte ja noch jemand auf die Idee kommen, die Artikel an Mailinglisten zu schicken. Ein Schelm, wer dabei auf den Gedanken kommt, das wahre Problem des Netz-Journalismus seien die Verlage.
Immerhin hat die Krise auch etwas Gutes: Mit dem Scheitern der großen Online-Projekte bekommen die kleinen wieder eine Chance im Aufmerksamkeits-Dschungel. Außerdem haben die Leute ja wieder alle viel mehr Zeit als zu den Hochzeiten des Netz-Booms. David Hudson ist das beste Beispiel dafür: Sein Online-Magazin “Rewired” legte im April 99 eine berufsbedingte Pause ein. Seit Herbst letzten Jahres ist es wieder da, mit jeder Menge guten Texten. Und das ist – Krise hin, Krise her – einfach wunderbar.

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Elektronische Lebensaspekte.

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