Warum Robertson, Leonard, die halbe Midem und so viele andere hoffentlich nicht Recht haben.

midem-leonhard

Wer in den letzten Tagen die News rings um die Midem verfolgt hat, dem wird neben dem fragwürdigen Tenor, das von Seiten der Musikindustrie jetzt alles besser wird, weil man ja doch überall mitverdienen könne, nicht überhört haben, dass plötzlich eine neue Einigung zu herrschen scheint. Man denkt, das Musikabo ist das neue Ding. Einmal zahlen, alles drin. Flatrate. Ähnlich dem Konzept von Nokia mit “Comes With Music”, oder anderen Downloadservices, die mit einer Flatrate den kompletten Musikdownload-Konsum abdecken wollen.

Begrüßt werden von der Musikindustrie jetzt sämtliche Ideen, die sich um die Querfinanzierung von Musik über ISPs oder andere Technik drehen. Die Verfechter der Kulturflatrate mögen da sogar fast noch zustimmen. Obwohl bislang der Beweis noch ausbleibt, ob solche Services wirklich überhaupt erfolgreich sind, sind aus verschiedensten Gründen plötzlich viel zu viele der Meinung, das genau das der Weg wäre um mit Musik in der Zukunft Geld zu machen und der Jagd auf Filesharer und Piraten ein Ende zu bereiten.

Warum das ein Problem sein soll?
Wer sich die bisherige Verteilung solcher Sammelgelder für Musik ansieht, wird schnell feststellen, dass das Gefälle zwischen den Großen (ehemaligen Millionsellern) und den Kleinen via GEMA etc. schnell noch größer wird, als es der Realität entsprechen mag. Man stelle sich auch mal den Verteilungsschlüssel vor: aus P2P Downloads generiert? Wer soll denn den Wahnsinn verwalten wollen. Etwa aus Sozialen Netwerken gesammelt? Oder orientiert an Downloadcharts, die damit halbwegs obsolet geworden sind?

Problematischer aber ist vermutlich noch die Tatsache, dass die kleinen Label, aber auch die neuen Musiker, die möglicherweise irgendwann auch mal ohne Label auskommen, letztendlich gar nicht am Kuchen der Gelder teilhaben werden, einfach weil sie nicht so gut organisiert sind, weil ihnen Lobbyarbeit völlig fern liegt und weil sie schlichtweg zu klein sind. Dass ihre Musik dann trotzdem ganz legal aus dem Netz gezogen werden darf, ändert daran nichts. Dem oft beschworenen LongTail dürfte – sollte das generelle Zwangs-Musikabo für jeden nicht nur ein Traum sein, sondern trotz legaler Wirrnisse durchgedrückt werden – damit ordentlich auf den Schwanz getreten werden. Und nicht nur das. Die Möglichkeit jetzt mit Musik über Downloads Geld zu machen, wird radikal eingeschränkt. Beispiel 1: iTunes. Der größte Plattenladen der Welt. Jetzt. Darf jeder überall für 1 Euro die Woche soviel Musik runterladen wie er will, können solche Plattformen einpacken. Ich frage mich ernsthaft, warum man an einem solchen Ast überhaupt sägen will, außer man denkt sich, dass man Apple die Vorherrschaft, koste es, was es wolle, abnehmen will. Ähnliches gilt für oben angesprochenes “Comes With Music”. Beispiel 2: Gut situierte Musiker möchten ihr Album Online selbst verkaufen (meinethalben egal für welchen Preis). Denkt Radiohead, denkt Mittelsmänner ausschalten. Alles sinnlos. Hat eigentlich irgendwer die Musiker gefragt, bevor diese neue Direktive (vielleicht ist es ja auch keine, uns aber kommt es so vor) gelauncht wurde?

Aber auch andere Wirrnisse werden in dem Diskurs untergebügelt. Leonhard z.B. erwartet von einer Komplettlizenzierung 26 Milliarden Euro pro Jahr allein aus der EU. 1 Euro soll jeder User pro Woche zahlen. (Wobei Leonard scheinbar jeden EU-Bürger als User bezeichnet, was die Rumänen mit ihrer 100%igen Breitbanddurchdringung sicherlich freuen wird.) Einsammeln sollen die Gelder die ISPs, die ja so unter der Datenlasten ächzen, dass sie vielleicht froh sein könnten, für diese staatlich abgesicherte Zusatzgeldsammelei einen Bonus zu bekommen. Streamer zahlen extra. Da fällt eigentlich jedem sofort ein, dass die Hauptdatenmenge in den P2P-Netzen Filme sind. Bei weitem. Dagegen ist Musik ein Furz. Musik war schon vor Jahren nicht mal ein Zehntel des Traffics. Wer sollte also die Filmindustrie davon abhalten, Gleiches für Video zu fordern? Nur, sagen wir mal, für 10 Euro im Monat? Und was ist eigentlich mit all dem Text im Netz? Oder der Software? Will die nicht auch teilhaben an einem Flatrate-Kuchen?

Sollte es also bei dieser neuen Richtung bleiben (wir halten das für unwahrscheinlich), und die Lobbyarbeit sich darauf konzentrieren am Internetzugang direkt mitzuverdienen, dann wäre unsere Ansicht, dass das zu einem Ruin der eh schon schlecht verdienenden kleineren Musiker führt, zu einem Forderungsfass ohne Boden auf Seiten anderer Contentindustrien, zu einer noch weiteren Verlagerung der Verdienstmöglichkeiten vom Künstler hin zur Industrie (die gerade zum ersten Mal ein wenig aufzubrechen droht) und generell zu einer Kulturindustrie, deren Administration einem vermutlich jeden Spass verderben wird, überhaupt an so etwas wie Musik und Geld zu denken (aber soweit ist es ja bei vielen eh schon).

Quellchen (u.v.a.)
heise
sueddeutsche
financialtimes
midemblog
musically
noch mal heise
noch mal musically
the register
BBC

15 Responses

  1. Volker

    An und für sich richtige Überlegungen, doch ich glaube diese Enwicklung wird nicht aufzuhalten sein.
    Meiner Ansicht nach liegt die Chance von Anbietern von Musik im Netzt darin die Musik zugänglich oder besser auffindbar zu machen, Musik bekomme ich auch heute schon an jeder Ecke für lau, aber bei iTunes und Beatport finde ich diese auch wieder, oder werde auf Angebote aufmerksam.

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  2. mj

    wie ja bereits am beispiel der gema zu sehen ist, werden pauschalisierte abgaben nur zu gern dazu missbraucht das von vielen erwirtschaftete kapital auf diejenigen wenigen zu verteilen, die bereits die größten teile von anderen kuchen gefressen haben.

    es gibt ja bei der gema sehr viele bereiche, die pauschal abgerechnet werden:
    lokalradios, campus-radios, hintergrundmusik von tonträgern, tanzmusik von tonträgern…
    sogar für youtube gibt es einen vertrag über das von der gema verwaltete weltrepertoire.

    auf meiner jährlichen gema-abrechnung findet sich jedoch in keinster form eine beteiligung an diesen einnahmen. schreiben oder reden tut darüber aber kaum einer, das hier 80% der gema mitglieder schlichtweg betrogen werden.

    wie soll da eine “musik-flatrate” auch nur ansatzweise funktionieren.
    eine allgemeine musik-flatrate würde zudem bedeuten, dass jedes musikstück im sinne der bestimmungen der “flatrate” verbreitet werden kann. das wäre ein massiver eingriff in das deutsche urheberrecht, welches vorsieht, dass jede einzelne Nutzungsart vom Urheber lizensiert werden kann/muss.

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  3. Huflaikhan

    == Zitat ==
    Wer sich die bisherige Verteilung solcher Sammelgelder für Musik ansieht, wird schnell feststellen, dass das Gefälle zwischen den Großen (ehemaligen Millionsellern) und den Kleinen via GEMA etc. schnell noch größer wird, als es der Realität entsprechen mag.
    == Zitat Ende ==

    a) Wenn es nur um das Gefälle geht, dann ist das ja völlig unabhängig von derlei Dingen. Das ist nicht gut, aber die Kleinen interessiert vielleicht weniger das Gefälle als die absolute Summe, die ja höher sein könnte.

    b) Es gibt ja auch noch Musik jenseits der Netze. Und andere Möglichkeiten der Bezahlung. Wie zum Beispiel beim Rundfunk, der wird ja wohl kaum eine Kulturflatrate bezahlen müssen. Konzerte spielen auch im sog. E-Musik-Sektor durchaus eine Rolle.

    c) Die Verteilungschlüssel? War wie gesagt immer schon ungerecht. Muss man zwar nicht schlimmer machen, aber ändern wird man das ohne Datenrestriktionen und Überwachungszeug mit Sicherheit nicht.

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  4. Gerd Leonhard

    Hallo, Gerd Leonhard hier. Du solltest mal etwas genauer hingucken bevor du mich zitierst: siehe http://www.slideshare.net/gleonhard (nach Music 2.0 schauen). Der Euro pro Woche ist KEINE Steuer, keine ISP Tax – das Geld wird in einem funktionerenden Ecosytem generiert: Werbung (2.0), Brands, ISP Marketing, Upselling / Upstream-Selling, Handset Maker Subsidies, Search, Social Media. Fuer den User ist es also Feels Like Free. Ruin der kleinen Musiker? Wtf? Dies waere FOUND MONEY fuer Indies, Nichen-Kuenstler – jeder der Aufmerksamkeit bekommt wuerde auch $$ bekommen. Denk nach, und schreib noch mal! Ciao von der Midem Gerd

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    • bleed

      Hi Gerd. Das war so aus den Slides nicht ganz ersichtlich. Wenn ich dich da falsch verstanden habe, keine Absicht, schien mir aber auch generell der Tenor zu sein. Ob wirklich etwas von dem Found Money bei den Nischen ankommt scheint mir nach wie vor sehr sehr fragwürdig. Frag mal einen Musiker ob er jemals z.B. GEMA von Streams gesehen hat. Die Aufmerksamkeits->Dollar Maschine würde ich gerne sehen.

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  5. brandi

    man könnte natürlich eine p2p-plattform a la napster benutzen zum tracken der downloads. will sagen; downloads sind dann nur über diese plattform legal, wenn man den pauschalbetrag zahlt, und da lässt sich dann auch genau auflisten, wieviel runtergeladen wurde. klar müsste man dieses p2p netzwerk erst erschaffen, aber das müsste ja gehen…

    bez. longtail: http://entertainment.timesonline.co.uk/tol/arts_and_entertainment/music/article5380304.ece
    scheint sowieso keine rolle zu spielen….

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  6. pascal

    Ich finde es super, dass mal jemand kritisch an das Thema herangeht, Die Kulturflatrate wird viel zu oft als Allheilmittel beschrieben. Damit werden dann notwendige Diskussionen blockiert. Auf jeden Fall muss die Gema reformiert werden. Dann sollten ISPs und Hardwarehersteller mehr zur Kasse gebeten werden. Das sind diejenigen, die momentan an den Inhalten verdienen. Wenn es ein vernünftiges Ausschüttungssystem gibt, dann auch sehr gern die Flatrate. Bloß wir die, wie im Artikel anklingt nicht für einen Euro zu haben sein.

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  7. pit

    schoen wenn man sich dem thema kritisch naehert.

    es wird doch nach den Entwicklungen der letzten Jahre, dem klaeglichen Aufbaeumen unbrauchbarer Geschaefts und Kopierschutzmodelle, und dem langsamen Konsens in Richtung einer public/private Allianz nach dem Modell eines Obama-Sozial-Kapitalismus ziemlich klar, dass die GEMA und andere institutionen dieser Art wie z.b. die GEZ im Zuge einer umfangreichen Netzreform auf der Inhalte und Diensteebene mittelfristig in einer andere, internationalere Organisationsform uebergehen wird, die stark von den gelaeuterten Interessen der Inhalteindustrie gepraegt sein wird.

    Gleichzeitig ist die Infrastruktur des web2 selbst laengst von Zentralisierung um grosse Clouddienstleister und Inhalteagregatoren gepraegt. Streaming ersetzt zusehens downloads, was zwar vor Jahren bereits klar war, aber ebensowenig akzeptiert wurde.

    Das wird nicht auf einmal sondern Schritt fuer Schritt geschehen und man kann nur hoffen dass nicht zum Schluss das Geld, also die Banken verstaatlicht und der ganze Rest der freien Datenwelt nach dem Modell von Google, Facebook und Twitter privatisiert wurden.

    Es ist bleibt bei aller kritik unklar wieso man nicht erstmal nach einem gesicherten Grundeinkommen fragt, wenn einem die Kulturflatrate angeboten wird, wo man doch laengst weiss dass man davon ebenso wenig leben werden kann, wie von Google Ads oder Twitter Followers.

    Zwei grosse Probleme stehen derzeit im Weg, ein Protektionismus der nationalen Inhalteindustrien durch GeoIP Blockierungen, und auf der anderen Seite die digitale Kluft, was die chancengleiche Verfuegbarkeit von Breitbandinfrastruktur angeht. Schliesslich die Bestrebungen durch aufbohren der netneutralitity, virtuellen privaten netzwerke (legale darknets) voranzutreiben, und damit weitere netsplits in klassensysteme zu ermoeglichen.

    die flatrate wird schmerzlos aber auch relativ folgendlos an den meissten kleinen inhalteproduzenten vorrueber gehen. in den stabilen und erfinderischen nischen etablieren sich ohnehin laengst andere geschaeftsmodelle. der longtail war weitere eine verdummungsidee des wired magazins, als naechstes folgt die freemium kampagne.

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