Matt Damon langweilt, Marx clasht in Russland

Die Berlinale wollte immer schon die Welt erklären. Auch 2013 dominiert, was das Festival unter politischem Film versteht. Immerhin: Dessen Bandbreite lässt sich wohl nirgends besser beobachten als derzeit in Berlin.
Von Christian Blumberg

Promised Land

Da wäre zum Beispiel Matt Damon, der in die Hauptstadt kam, um der Welt seine Vorstellung vom – Tusch! – politischen Kino vorzustellen. Das Drehbuch von PROMISED LAND hat Damon selbst geschrieben, als Regisseur hat er mit Gus Van Sant einen langjährigen Weggefährten an seine Seite geholt. Leider muss gute zehn Jahre nach ‘Gerry’ konstatiert werden, dass Damon/van Sant sich endgültig in den Konventionen des amerikanischen Erzählkinos festgefahren haben. Damon selbst spielt einen Vertreter des Energiekonzerns ‘Global’. Weil der in der amerikanischen Provinz Erdgas fördern will, muss Damon die verarmten Farmer zum Verpachten ihres Landes bewegen. Dabei gilt es, möglichst kumpelig aufzutreten. Also kauft Damon Flanellhemden und Blue Jeans, bevor er den Männern des Dorfes die rosige Zukunft verspricht. Die ökologischen Risiken der Gasbohrungen verschweigt er freilich lieber. Denn beim so genannten ‘Fracking’ werden, zum Aufbruch des im Wege liegenden Gesteins, allerlei giftige Chemikalien unkontrolliert unter die Erde gepresst (tagespolitischer Fun Fact: Teile der Bundesregierung wollen das Verfahren dieser Tage auch in Deutschland durchsetzen). Darum formieren sich Umweltaktivisten und es kommt zum Duell zwischen Damon und einem besonders smarten Naturschützer. Kein Duell um Leben um Tod, aber immerhin eines um die Gunst der Dorfbevölkerung – und die der ansässigen Grundschullehrerin. Weniger sexy kann ein Plot eigentlich nicht sein.

Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, das liegt vor allem am Cast und am hin und wieder sich einschleichenden Klamauk, den man van Sant gar nicht zugetraut hätte: Witze über zu kleine Pferde, Karaoke in der Dorfpinte (Bruce Springsteen). Enttäuscht wird, wer Gus van Sants Filme für ihre Konzentriertheit und Kamerafahrten schätzt: Der einstige Innovator zeigt sich in PROMISED LAND als abgebrühter Regie-Routinier. Auch Damons Drehbuch sieht ziemlich stereotype Charaktere vor, deren Entwicklung (oder besser: narrative Aufgaben) zu vorhersehbar sind (mit einer Ausnahme: Titus Welliver, dessen Figur ‘Gas, Guitars und Guns’ verkauft und dabei mit einem urban-maskulinen Supercharme agiert, irgendwo zwischen George Clooney und Christian Rach). Während man also zusieht, wie alles den erwarteten Gang geht, ist man bald mitten drin im patriotisch eingefärbten Sozialkitsch. PROMISED LAND feiert vor allem den Farmer. Und der ist stolz und stur. Am Ende macht der Film noch den ganz melodramatischen Hollywood-Turn. Global verliert die Schlacht, Amerika gewinnt einen geläuterten (aber zukünftig arbeitslosen) Matt Damon. Das ist besonders ärgerlich, weil der Reiz des Films eigentlich nur darin liegt, dass er aus der Sicht eines Mannes erzählt, der als Vertreter des Konzerns auf der falschen Seite steht.

PROMISED LAND steht für die Art des politischen Films, die das Festival seit Jahren dominieren. Ausgerechnet das Selbstverständnis als politische Filmschau gerät der Berlinale zum ewigen Dilemma: Denn gesucht wird die Politik nur selten im (Film-)Ästhetischen, sondern meist im Drehbuch. Das missfällt traditionell dem cinephilen Teil des Publikums, das darin den Grund für eine gewisse Kunstferne des Festivals sieht. Für die Festivalleitung gehört dieses Politikverständnis dagegen zum einstudierten, manchmal etwas verzweifelt klingenden Credo. Das Kino müsse die ‘drängenden Fragen der Zeit’ verhandeln um seine gesellschaftliche Relevanz immer wieder neu zu beweisen. Nun kann man fragen, ob das Kino im (mehr oder weniger) tagespolitischen Diskurs nicht längst bloß noch eine Nebenrolle spielt (und wenn ja, ob das überhaupt so schlimm wäre). Darauf wird (so scheint es bislang, aber man ja nie wissen…) die Berlinale keine Antwort geben. Und das muss sie ja auch nicht.

Glücklicherweise hat sie noch Filme wie Svetlana Baskovas ‘ZA MARKSA…’ (‘FOR MARX…’) im Programm. Der ist schon beinahe ein Stück Klassenkampf: Konzernchefs sind hier einfach mordende Ungeheuer. Und erstaunlicherweise gewinnt der Film gerade deswegen (auch wenn er im Kampf um die Bären keine Rolle spielen wird: in Berlin läuft er in der Sektion Forum).

for marx

2010, irgendwo in Russland, inmitten der tiefsten Wirtschaftskrise: Hier spielt dieses Arbeiterdrama, in dem trister Realismus auf grotesk überzeichnete Figuren clasht. Zum Beispiel die Vorstandsetage eines Stahlkonzerns: neureiche Mafiosi in schlecht geschnittenen Anzügen, Gangsterbosse der miesesten Sorte, dumm, brutal, durch und durch bösartig. Gelegentliches Kippen in Comedy. Die Bosse brauchen Geld um ihre Konferenzräume mit modernistischer Kunst zu bestücken, ausgerechnet ein Malewitsch muss es sein. Das soll westeuropäische Investoren beeindrucken. Der gelungenen Außendarstellung kommen jedoch ein paar Arbeiter in die Quere, die sich nicht nur gegen inakzeptable Arbeitsbedingungen im Stahlwerk stemmen: Drei von ihnen planen gar eine Gewerkschaftsgründung. Nebenbei aber – die Leser französischer Theorie werden jubeln – führen sie leidenschaftliche Diskussionen über Gogol, Lenin und Godard. Die vielen Paraphrasierungen der Arbeiter- und Filmgeschichte sind völlig over the top. Genau diese hemmungslosen Übertreibungen bewahren ‘FOR MARX…’ davor, in jene festival-übliche Sozialkritik zu entgleiten, die man zwar wichtig, unter künstlerischen Aspekten aber eben zum Gähnen finden darf. ‘For Marx’ bietet stattdessen einen blutigen Showdown. Der Kontrast zu diesen Überspitzungen wird meist unmittelbar montiert: Es ist die glasklare Positionierung der Regisseurin, die jedem der farblosen Settings eingeschrieben ist. Und natürlich all der Schrecken, der den Arbeitern dort widerfährt. Ein ausgiebiger Blick auf den Hautausschlag eines Protagonisten sagt vieles. Schrecklich schön auch die in realistischem Duktus gehaltenen Bilder der digitalen Handkamera, ganz besonders die Innenaufnahmen der Fabrik: dunkel ist es da, nur erhellt vom Schein des glühendem Stahls, der gelegentlich eruptiv hervorbricht. Das erinnert an Steve McQueens ‘Western Deep’, ein Film über Minenarbeiter, der einst auf der documenta 11 gezeigt wurde – noch vor McQueens Verwandlung zum Regiewunderkind (zuletzt ‘Shame’). Bei Pakhomov ist es nicht ganz so dunkel. Der ‘Sieg über die Sonne’ (für den Malewitsch einst Kostüme und Bühnenbild entwarf) ist hier allerdings genauso weit entfernt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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