Klassiker, neu übersetzt

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“Absolute Beginners” von Colin MacInnes ist ein Erlebnis. Das ist wichtig zu sagen, weil ein Erlebnis wie dieses einen lehren kann, was Literatur ist und was sie kann. Der britische Journalist und Autor MacInnes hat seinen Roman als den mittleren Teil seiner deftigen, prächtig wuchernden “London Trilogy” angelegt, in der er die Londoner Subkultur, vor allem das multikulturelle, immigrantische Milieu von Notting Hill, porträtiert. Wenn man den Roman hierzulande viel zu wenig kennt, dann liegt es daran, dass er bisher nur in einer wenig begeisternden deutschen Übersetzung vorlag. Oder dass man sich mal durch die altbackene 80er-Jahre-Verfilmung quälte – verleitet von David Bowies Titelsong oder der reizenden Patsy Kensit. Nichts aber in diesem 50er- Jahre-Kitsch-Musical hat etwas mit der Wucht, mit dem begnadeten Flow zu tun, von dem Colin MacInnes‘ Roman von 1959 über die “Teenage Revolution” durchdrungen ist.

Hedonistisch, kaufkräftig, jenseits aller Konventionen: So werden die neugeschlüpften “Teenage-Produkte” charakterisiert, zumindest äußerlich. Als deren Chronist tritt der namenlose achtzehnjährige Protagonist dieses Romans auf. Er ist stolz darauf, ein Prototyp zu sein, ein “Einsteiger”. Und er fühlt sich auch zweifellos als Teil einer Jugendbewegung. Doch dann starten Teddy Boys und andere rassistisch motivierte Gewalttäter Angriffe auf Immigranten, zwei Wochen Straßenschlachten in Notting Hill folgen. Es ist auch ein Rückschlag für den libertinären Teenager-Frühling. Ein Teil der Unschuld ist danach dahin.

Nun endlich gibt es diese Realness, die man bisher nur im englischen Original erleben konnte, in einer adäquaten deutschen Übersetzung. Der junge Metrolit-Verlag aus Berlin hat für sein erstes Verlagsprogramm Maria und Christian Seidl mit der Neuübersetzung betreut. Es hat sich gelohnt. Für den Slang des jugendlichen Erzählers wurden zeitgemäße Entsprechungen gefunden. Und nun darf es auch mal rhythmisch holpern, so wie es das im englischen Original tut. Schließlich ist das auch ein Buch über Musik und das Fantum. Und zum Atemholen haben die “Einsteiger”, die dabei sind, sich die Welt auf ihre Art anzueignen, kaum Zeit. Keiner hat das je so schön dargestellt wie Colin MacInnes in diesem, seinem besten Buch.

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