RDIO COO Carter Adamson Interview
Ein paar Fragen zum Start von rdio

Mitte letzter Woche startete rdio, einer der großen Musikstreamingdienste, in Deutschland, deren erklärtes Ziel es ist, die Musiklandschaft wie wir sie kennen wieder ein Mal völlig umzukrempeln. Zum Preis von 4,99 Euro (nur für Rechner) oder 9,99 Euro (für Rechner und Mobilgeräte) im Monat hat man mit rdio ständigen Zugriff auf 10 bis 15 Millionen Tracks die man wann immer, wo immer, wie immer hören kann. Die Macher hinter rdio dürften jedem bekannt sein: Niklas Zennström und Janus Friis die zuerst mit Kazaa auf sich aufmerksam gemacht haben, und danach mit der Skype Gründung definitiv einen festen Platz im digitalen Universum erobert haben. Wir haben den Start von rdio zum Anlass genommen ein Interview mit dem COO über Perspektiven des Musikstreamings, die Intentionen von rdio und die mögliche Zukunft der digitalen Musiklandschaft zu führen.
Debug: Was ist deine genaue Position bei rdio?
Carter Adamson: Ich war einer der Mitgründer, war also schon vor dem Start dabei, und habe vorher bereits bei Skype als Produktmanager gearbeitet. Ein großer Teil der alten Skype-Familie ist bei rdio wieder dabei: Janus, Drew, Malte als Creative Director. Das Engineering-Team kommt zu einem großen Teil von imeem. Sie kennen sich also im Musikstreaming alle sehr gut aus. Ein gutes Team.
Debug: Wo siehst du den Unterschied zwischen rdio und anderen Services in dem Feld?
Carter Adamson: Sie bieten natürlich grundsätzlich alle das gleiche: unlimitierten Zugang zu Musik auf allen Abspielgeräten für einen monatlichen Preis, der geringer ist als der Preis eines Albums. Der nächste Schritt ist natürlich, dass man, obwohl man jetzt Zugang zu aller Musik dieser Welt hat, man nicht alle Zeit der Welt hat. Wie macht man da also etwas sinnvolles draus? Das Entdecken von Musik in solchen Services wird zu einem wirklichen Problem. Wir haben in diesem Fall den Weg von Twitter eingeschlagen, die ja in derselben Situation sind: theoretischer Zugang zu jeder Webseite und jedem Video der Welt. Um das zu filtern, folgt man Menschen, denen man traut, zum Beispiel Autoren und Newsorganisationen, um Prioritäten zu finden. Und das machen wir für Musik. Ich habe irgendwann nach dem College Musik nur deshalb aufgegeben, weil ich keine Zeit mehr hatte, alles zu lesen und in den Clubs rumzuhängen. Aber für mich gab es immer diese paar Menschen, die mir Files geschickt haben. Das haben wir mit rdio wieder in seine natürliche Umgebung überführt. Du kannst Künstlern, Labels, Produzenten usw. folgen oder eben Menschen, die sich in bestimmten Bereichen besonders auskennen, wie z.B. russischem Deephouse oder der Berliner Szene.
Debug: Die Empfehlungen von “Followern” sind also ein integraler Teil von rdio.
Carter Adamson: Ja, auf jeden Fall. Wir haben natürlich auch eine algorithmische Empfehlung für Musik, ein wenig wie Genius, aber die Menschen stehen bei uns im Vordergrund. Der Algorithmus folgt natürlich nur den Dingen, die man selber hört. Im Dashboard aber sieht man das eigene Network, was dort am meisten gespielt wurde und über welche Künstler man dort redet. Alles fließt auf einen zu und es gibt immer etwas, das einen interessiert, wenn man den richtigen Leuten folgt. Nicht wie bei iTunes, wo man sich erstmal in den Charts durch Britney Spears und ähnliches kämpfen muss.
Debug: Glaubst du, ein Abo-Modell wird – über kurz oder lang – das bislang gültige Kaufmodell für Musik ablösen?
Carter Adamson: Ich hoffe es. Musik wirklich zu kaufen, können sich gar nicht so viele Leute leisten. Um einen iPod mit legalen Downloads zu füllen, ist man schon zehntausende von Euro los. Ökonomisch macht es keinen Sinn.
Debug: Jeder hat es aber irgendwie bislang geschafft, ohne damit an die Armutsgrenze zu kommen.
Carter Adamson: Ja, aber wie? Geschichtlich ist die Industrie immer der Entwicklung der Abspielgeräte gefolgt. Vinyl, CDs, MP3s. Aber jetzt haben wir zum ersten Mal die Entwicklung, dass jedes Gerät das mit dem Internet redet, eigentlich auch Musik abspielen kann. Es macht also nicht mehr unbedingt einen logischen Sinn, diese massive Bibliothek von Musik zu haben, die viel Platz beansprucht und an spezielle Geräte gebunden ist. Egal ob es Musik, Videos, Fernsehsendungen oder ähnliches betrifft. Für mich macht es viel mehr Sinn, die Dinge, die man haben möchte, in dem Moment auf dem Gerät einfach zur Verfügung zu haben, egal auf welcher Plattform. Natürlich braucht man auch Mechanismen um bestimmte Dinge für immer zu sichern, falls man offline ist, oder eben wieder loszuwerden, um Platz frei zu haben. Es gibt einem viel mehr Kontrolle und mehr Mobilität.
Debug: Weshalb habt ihr euch gegen ein Freemium-Modell entschieden?
Carter Adamson: In den USA machen wir das. Hierzulande hat man 7 Tage Zeit, sich zu entscheiden, ob einem der Service gefällt oder nicht, danach gibt es nur noch 30-Sekunden-Clips. Wir haben aber auch herausgefunden, dass die meisten Leute, die den Service dort wo wir ein Freemium-Modell haben wirklich so nutzen, dass sie an die Grenze des Umsonstangebots stoßen, gerne auf ein bezahltes umsteigen. Es ist ja wirklich weniger als der Preis eines Albums im Monat. Dieses neue Modell hat eben eine überraschende Kraft, denn zum ersten Mal bekommen die Menschen Zugang zu so viel neuer Musik und Wiederentdeckungen von bereits bekannten Dingen.
Debug: Wie würdest du den Erfolg der API für rdio bislang beschreiben?
Carter Adamson: Wir haben viele Entwickler, die diesen Service nutzen. Von einem einsamen Entwickler bis hin zu AOL oder den Grammys ist die API für jeden nutzbar und in ihre Applikationen integrierbar. Zudem bekommen sie einen gewissen Betrag für jeden neuen Kunden, den wir dadurch gewinnen. Das Foursquare/rdio-Mashup, bei dem Künstler in verschiedenen Orten einchecken und Alben und Musik mit einem Ort verbinden, den man sich auf einer Map ansehen und anhören kann, illustriert ganz gut, was alles möglich ist.
Debug: Gibt es die Idee, Apps für rdio auch in den Player zu integrieren? Die sind nämlich nicht einfach zu finden.
Carter Adamson: Ja, wahrscheinlich. Erstmal ist unser Ziel aber, global an so vielen Orten wie möglich zu starten und der weltweit der Musikservice schlechthin zu werden.
Debug: Glaubst du, dass Applikationen wie der rdio-Player die Vormachtstellung von iTunes irgendwann brechen können?
Carter Adamson: Wer weiß, zu was sich iTunes in der Zukunft entwickeln mag. Es hat sich ja schon so oft verändert.
Debug: Im Social-Bereich ist es allerdings eher langsam.
Carter Adamson: Ja, Ping war nicht der große Entwurf, das ist nicht in seiner DNA. Aber es ist ja von einem Musikshop zu einem Appstore, TV-Directory und diversen anderen Dingen mutiert. So wie es jetzt ist, würde ich aber schon sagen, dass Player wie unserer iTunes in gewisser Weise ersetzen. Es ist einer der häufigsten lobenden Tweets die wir lesen: “Seitdem ich rdio nutze, habe ich iTunes gelöscht”.
Debug: Wie siehst du die Perspektive der weiteren Entwicklung von rdio? Könntest du mir die zukünftige Richtung beschreiben.
Carter Adamson: Wir haben das Problem der verschiedenen Geräte jetzt erstmal gelöst. Es verändert sich ja dramatisch und man muss jedes halbe Jahr wieder nachlegen. Dem werden wir natürlich eine Priorität geben. Das Entdecken neuer Musik bei rdio funktioniert – wie ich finde – schon phantastisch. Aber es gibt noch einiges zu tun, wie man z.B. für einen relevantere Leute findet, denen man folgen kann, und diese Beziehungen dann auch noch weiter zu bereichern. Natürlich spezialisieren wir uns auch weiterhin darauf, die Beziehung zwischen Künstler und Hörer noch gehaltvoller zu machen. Fans wollen sich ja auch als etwas spezielles fühlen und mehr von dem Künstler haben, Künstler selbst wollen besser wissen, wer ihre Fans sind. Das kann man noch stark ausweiten. Die Globalität des ganzen ist natürlich auch aufregend, nicht nur was den Katalog von Musik betrifft, sondern auch die Möglichkeit, zu sehen, was Menschen in Berlin zu jeder Zeit tatsächlich am meisten hören. Das war bislang noch nicht möglich.
Debug: Das kann man allerdings nur im Backend sehen, nicht als User.
Carter Adamson: Ja. Aber genau das wollen wir natürlich ermöglichen.
Debug: Wenn es um Geräte geht, glaubst du, der nächst große Schritt werden Autos werden?
Carter Adamson: Definitiv. Wir reden auch schon seit langem mit Entwicklern in diesem Umfeld.
Debug: Internet in Autos entwickelt sich nur sehr langsam.
Carter Adamson: Ja, aber so langsam wird das Wirklichkeit.
Debug: Glaubst du, dass die Integration von Musik in den Facebook-Ticker für rdio wirklich wichtig ist?
Carter Adamson: Ja, absolut. Es ist ein Weg, die Konversation über Musik im eigenen Netzwerk auszudehnen. Wir haben einen enormen Useranstieg von Facebook aber auch Twitter gesehen. Und das wird wohl auch so weitergehen. Wann immer Künstler z.B. Exklusiv-Releases auf rdio haben und ihren Fans auf Facebook oder Twitter darüber erzählen, können wir das an massiven Zugriffen sehen.
Debug: Werdet ihr die Künstler in ihre rdio-Pages in Zukunft besser integrieren und sie jenseits von einer kurzen Bio und Links daran teilhaben lassen?
Carter Adamson: Ja, darüber denken wir auf jeden Fall nach.
Debug: Viele Künstler sind ja gegenüber Cloudmusik und Streamingservices eher skeptisch eingestellt. Wie geht ihr mit diesem Problem um?
Carter Adamson: Alles, was neu ist, begegnet erstmal einer gewissen Skepsis. Viele Künstler haben da einfach eine ganz aufrichtige, klare Einstellung. Es hängt natürlich auch immer von ihrer Beziehung zum Label ab, denn das sind ja die Leute, mit denen wir erstmal verhandeln. Wir zahlen natürlich für jeden einzelnen Track, der gestreamt wird. Was mit dem Geld danach passiert, ist für uns nicht einsehbar. Die Evolution all dieser Businessmodelle ist ja auch in ständiger Bewegung.
Debug: Wie viele Player siehst du in dem Feld von rdio als in der Zukunft überlebensfähig?
Carter Adamson: Innerhalb der nächsten vier bis sechs Jahre wird denke ich nur eine Handvoll übrig bleiben. Drei? Fünf? Das ist schwer zu sagen. Wir kommen ja jetzt erst an den Wendepunkt dieser Entwicklung. Dafür müssen diverse Bedingungen zusammenkommen: die netzfähigen Geräte, eine Veränderung der geistigen Einstellung, die Möglichkeiten der Lizensierung, ein überzeugender Preis und die Einfachheit der Bedienung. An diesem Punkt sind wir jetzt erst angekommen – das Rennen hat gerade erst begonnen.
Debug: Wie lange wird es deiner Einschätzung nach dauern, bis die großen anderen drei Player in der Cloud – Amazon, Apple und Google – auf dieses Modell einsteigen werden?
Carter Adamson: Wer weiß das schon? Alles ändert sich so schnell. Das könnte morgen schon sein oder erst in drei Jahren. Es wird da schon eine Konsolidierung geben. Aber das Ziel von Janus und Niklas ist nicht, eine Firma wie rdio zu entwickeln, nur um sie schnell zu verkaufen. Sie brauchen das Geld schlicht und einfach auch nicht mehr, sondern haben ein eher intellektuelles Interesse daran. Sie lieben Musik – und schwere Aufgaben. Etwas, von dem Leute sagen, dass es nicht machbar ist. Sie hatten ja vorher mit Kazaa auch schon mit Musik zu tun und kennen die Probleme in dem Sektor gut, auch die vielen Schiffbrüche die es in den letzten 10 Jahren gegeben hat.
Debug: Was die pure Größe der musikalischen Datenbank angeht, wann ist deiner Ansicht nach für die meisten Leute genug wirklich genug?
Carter Adamson: Da habe ich keine Ahnung. Wir bewegen uns ja alle zwischen 12 und 16 Millionen Tracks. Je mehr Länder wir hinzufügen, desto größer wird das Volumen. Aber wie groß es werden wird, das müssen wir noch herausfinden.
Debug: Wird rdio schon gezwungenermaßen andere Bereiche als nur Musik abdecken müssen, auch um gegenüber breiter aufgestellten Cloudservices in Zukunft bestehen zu können, die in einer App möglicherweise gebündelten Zugriff auf Musik, Videos, Bücher etc. liefert?
Carter Adamson: Absolut. Janus arbeitet ja auch schon an der nächsten Firma, Vdio, die sich dem nächsten Feld widmet.
Debug: Glaubst du, rdio wird immer Social Networks als Grundlage brauchen, oder wird es sich selber zu einem Social Network entwickeln können, das für sich allein stehend schon groß genug ist?
Carter Adamson: Ich denke, die beiden Dinge schließen sich nicht unbedingt aus. Eine Sache, die wir bei Skype ja auch gemacht haben, waren Skypecasts. Die Möglichkeit, öffentliche Konversationen zu jeder Zeit über was auch immer zu starten. Daran durfte jeder Teilnehmen. Nicht selten waren es Menschen, die Musik gespielt und dazu etwas erzählt haben. Da haben wir realisiert, dass Musik in sich schon eine Konversation ist und dass man da sein muss, wo die Konversationen sind. Es ist unrealistisch, dass rdio zu dem Hub aller Konversationen über Musik im Netz werden wird, aber zumindest wollen wir überall sein, wo sie sind.
Debug: Facebook beginnt ja jetzt auch mit einem Realtime-System für die eingebundenen Musikservices. Wie wichtig findet ihr Realtime als Feld? Das gleichzeitige gemeinsame Musikhören?
Carter Adamson: Es ist sicherlich ein netter Aspekt, aber ich finde es schwer zu koordinieren. Playlists sind ja so etwas wie zeitversetzte Gemeinschaftserlebnisse. Ich persönlich bin lieber in einem Club um zusammen mit anderen Musik zu hören. Es ist nicht unbedingt das Rückgrat einer Firma.




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