Ein Nachbericht zu der Convention in Köln

Autor: Christian Tjaben
Fotos: Leon Krenz

Na, das macht Mut: „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus“, so Franz Kafka in „Der Prozess“. Mit Kafka beginnt Prof. Dr. Karl-Nikolaus Peifer vom Institut für Medienrecht und Kommunikationsrecht an der Universität zu Köln die Urheberrechts-Veranstaltungen im Rahmen der diesjährigen C’n’B.

Allerdings nicht mit oben angeführtem Zitat, sondern indem er das Urheberrecht mit Kafkas „Schloss“ vergleicht – nicht gerade die aufmunterndste Assoziation. Trotzdem macht Peifers Eingangsvortrag ein wenig Hoffnung auf die für den ersten C’n’B Kongresstag angestrebte „harmonische“ Behandlung des Themas Urheberrecht. Nach den Wut-, Brand- und Blödreden und -briefe diverser Fraktionen der letzten Monate sollte es ja vielleicht nun doch mal zur eigentlichen Verhandlung der Sache kommen, so hofft man, und Peifer ist eine dieser klassischen „Stimmen der Vernunft“, denen zu zu hören sich lohnt.

Laut Prof. Pfeifer heißt die anstehende Aufgabe, den Übergang zu meistern von einem Kontrollsystem der verschließbaren Türen (um mal in seiner „Schloss“ Metapher zu bleiben) hin zu einem Konvergenzsystem, das nicht Rückschritt ins vor-urheberrechtliche Künstler-der-für-seinen-Lohn-nach-des-Löhnenden-Pfeife-tanzen-muss Zeitalter bedeutet, sondern partizipative Elemente umsetzt, eben auch gegenüber „Big Data“. Es gehe darum, die inzwischen technisch umsetzbaren Teilhabe-Möglichkeiten rechtlich zu regeln, ohne die „historische Errungenschaft“ einer Kulturproduktion aufzugeben, die sich in den bürgerlich-demokratischen Gesellschaften von feudalen Mäzenen und anderen Hoffnarr-Szenarien emanzipieren konnte.

Begleitend zu diesem ja erstmal klar scheinenden Ansatz folgt Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de und Autor („Mashup: Lob der Kopie“, Suhrkamp 2011). Er spricht vom Zauber und Fluch der Kopie, zeigt identische Torschüsse von Diego Maradona und Lionel Messi sowie zu seiner eigenen Überraschung ein aktuelles Diskussionspapier der CDU/CSU Bundestags-Fraktion zum Urheberrecht. In diesem wird gefordert, was Free Culture Anhänger schon lange wollen, nämlich „transformative Werknutzungen im Urheberrecht zu verankern.“ (Geschenkt, dass dort im Folgenden eher unverbindliche bzw. interpretierbare Begriffe fallen wie, dass eine Anforderung dabei bedingt, dass „der Eindruck des Originals gegenüber demjenigen des neuen Werkes ‚verblasst’“, und die „stumpfe Kopie“ abgelehnt wird.)

Von Gehlens dringlichste Mitteilung allerdings ist, dass bei aller Bewegung im politischen Bereich, die eigentliche Gefahr darin bestehe, dass die Einsicht in die Notwendigkeit eines Urheberrechts schwinde. Man möge beachten, dass die Realität einer nachwachsenden Generation von Urheberrechts-Unwilligen das UHR schneller abschaffen könnte, als alle angeblichen parteipolitischen Pläne, die von, für und gegen Piraten, Grüne etc. diskutiert werden. Befriedung der Diskussion sei das momentan Entscheidende, da sonst die Verletzung des UHR zum Distinktionsmerkmal werde, zum neuen Rock’n Roll Grundkonflikt zwischen Piratenkids und Copyright-Eltern. Ansonsten rät von Gehlen, die Nutzerorientierung ins UHR einzuschreiben genauso wie ein Recht auf Remix.

Befriedung, Harmonie, die wünscht sich auch Mercedes Bunz (u.a. De-Bug Mit-Gründerin), die im Folgenden zwei Diskussionsrunden leitet und lieber die Gemeinsamkeiten suchen möchte als weitere Grabenkämpfe ausfechten zu lassen.

Das klappt nicht ganz. In einer rein weiblich besetzten Runde unter dem Titel „Vom Rechte haben und Recht haben“ zeigen sich Julia Beerhold vom Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler, Eva Kiltz vom Indie-Label Verband VUT, Mona Rübsamen von Flux FM und Geraldine DeBastion von der Digitalen Gesellschaft eher partikular interessiert. Man will Respekt und anständige ökonomische Rahmenbedingungen; will das Verwertungsgeschäft erhalten; hat Sorge um die schrumpfenden Medienbudgets der Konsumenten angesichts der kommenden Haushaltsabgabe für die Öffentlich-Rechtlichen; will das Internet auch mal positiv sehen. So weit so divers. Nicht zuletzt aufgrund unklarer Begrifflichkeiten (Wer z.B. sind „die Nutzer“, die von den meisten UHR Paragraphen betroffen sind: Verwerter oder Konsumenten? Diese Frage warf Stephan Benn vom VUT in die Runde, der auch beim Urheberrechtsschwerpunkt in der aktuellen De:Bug Printausgabe zu Wort kommt) bleibt die Runde eher unergiebig. Eine Erkenntnis nimmt allerdings Form an: Da das UHR „in eine Gesellschaft geraten ist, die damit vorher nicht zu tun hatte“ (Eva Kiltz), gibt es viel Aufklärungsbedarf. Und so ist eine vom Podium selbst überrascht zur Kenntnis genommene Folgerung, dass man über UHR als Vermittlungsthema in Schulen reden müsse.

Im zweiten Teil der C’n’B Urheberrechtsdebatte folgt dann das „Urheberrechtsparlament“. Stefan Herwig, Labelbetreiber und Kreativwirtschafts-Berater, Wolfgang Senges von der C3S (Cultural Commons Collecting Society) Gründungsinitiative für eine neue Verwertungsgesellschaft, John Weitzmann von Creative Commons Deutschland, Alexander Wolf von der GEMA und CELAS, sowie die beiden Impulsredner vom Vormittag, Peifer und von Gehlen, versuchen so etwas wie eine konsensfähige Grundlagendiskussion.

In seinem Eingangsvortrag benutzt Herwig das Eingabe/Ausgabe Schema einer Pachinko-Maschine als Modell eines Vergleichs UHR 1995 und UHR heute und folgert zum einen, dass in der Zwischenzeit durch neue Technologien ein neuer Urheber-Typus entstanden sei – der viel beschworene „User“ sozusagen in seiner content-generierenden (und publizierenden) Form. Damit ist die im Folgenden zentrale Figur des neuen Urhebertypus eingeführt, der „nicht nicht kopieren kann“ (von Gehlen), ob er nun „Prosumer“ oder einfach nur in sozialen Netzwerken unterwegs ist und dadurch quasi automatisch „teilt“.

Laut Herwig bringt dies neben den vorherigen Schutzmodellen:

Public Domain (kein Schutz),

All Rights Reserved (komplett geschützt, Ausnahme: Privatkopie)

Sperrpatent (komplett geschützt und nicht genutzt; meins bleibt meins; keine Verwertung für niemand)

den Bedarf für eine weitere Schutzdefinitionen: nämlich für das von Creative Commons primär/ursprünglich angestrebte und umgesetzte unkommerzielle Schützen (also quasi die Amateurliga) und ein „Creative Commerce“ Segment für eine Teil der Grauzone zwischen Amateur und Blockbuster.

(davon ausgehend, dass UHR für verschiedene Werke verschieden genutzt werden muss, u.a. je nach Aufwand der Produktion z.B.).

Wie sich in der folgenden Diskussion zeigt, fühlen sich manche dem neuen Urhebertypus verpflichtet; andere, wie die den „Professionellen“ vorbehaltene GEMA nicht. Im Klartext definiert Alexander Wolf von der GEMA dazu, dass die GEMA Mitglieder eben tatsächlich Geld verdienen wollen mit ihren Werken. Insbesondere aus dieser Perspektive lassen sich die Auffassungsunterschiede erkennen zwischen dem Gilde-artig aufgestellten Selbstverständnis der GEMA und ihrer Mitglieder, die einen Unterschied zwischen professionellem und nicht-professionellem Schöpfen postulieren und der Position der Vertretung von Gemeingut-Interessen der meisten GEMA-Gegner, die hier Privilegien wittern und abschaffen wollen

Wie weiterer Punkt ist bei Herwig im Blickfeld: Die Frage, ob das UHR ein Transaktionsverhinderungsrecht ist oder nicht.

Welche legalen „Default-Settings“ gibt es: eingeräumte oder eben nicht eingeräumte Nutzungsrechte. Das ist einer der großen Unterschied zwischen traditioneller UHR Auffassung und CC. Während Wolfgang Senges die Lücke beschreibt, die der Vertretungsanspruch der GEMA bzgl. der neuen bzw. bestimmter Urheber-Typen offen lässt, verweist John Weitzmann auf die Problematik steigender Komplexitäten und deren negativer Auswirkungen in der Praxis beim Versuch, das UHR noch weiter aufzugliedern. Alexander Wolf von der GEMA bekundet zur allgemeinen Überraschung quasi kollegiale Sympathie und Unterstützungsabsichten vonseiten der GEMA für die C3S Initiative, woraufhin Peifer nahelegt, man möge sich dann doch gleich direkt zusammentun und den One-Stop-Shop für alle schaffen, der in puncto Lizenzierungen für Verwerter alle Art und Herkunft so wichtig und hilfreich wäre.

Ganz so schnell und so beieinander ist alles aber dann doch nicht. Die Gründungsinitiative C3S ist nicht zuletzt entstanden, weil aufseiten der GEMA eben inhaltlich wenig Bewegung zugunsten einer erweiterten Auffassung des UHR signalisiert wurde. John Weitzmann spricht dann auch zwischendrin mal aus, was ein Teil der „Professionellen“ sicher eher fühlt als wahrhaben will: Dass der schrumpfende Urheberrechts- Einnahme-Kuchen, von dem man zu wenig zu beißen kriege, gar nicht nur durch Urheberrechtsverletzungen bedingt ist, sondern es natürlich auch einen Kannibalismus gibt zwischen professionellen und eben nicht-professionellen Urhebern. Während sich das im Musikbereich nur indirekt erschließt (Wer kann sagen, wie viele der im Netz verfügbaren Produktionen mit der Absicht gemacht wurden, daran zu verdienen; wie viele letztendlich „Hobby“-Produkte von Menschen sind, denen das UHR und Profitmöglichkeit einigermaßen egal ist, da sie nur für Ruhm und Ehre und den Spaß an der Freud dabei sind?), lässt sich der Effekt bei Fotos klar ablesen: je mehr frei nutzbare Motive für den Gebrauch im Kleinen verfügbar sind, umso weniger Geschäft mit Stockfotografie.

Wie Dirk von Gehlen eingangs sagte: Die Diskussion dreht sich um einen Interessensabgleich zwischen dem, was wir als Schöpferpersönlichkeit verstehen (und als solche z.B. kollektiv hegen und pflegen können / wollen) und dem Gemeinwohl (das sich z.B. nicht von einer Verwertungsindustrie ausgebeutet fühlen will). In Bezug auf die schönen Künste bringt das für Karl-Nikolaus Peifer einen Paradigmen-Diskurs mit sich über die soziale Stellung des unabhängig, frei schöpfenden Künstlers, den sich die bürgerliche Gesellschaft bislang geleistet hat, wenn auch oftmals eher als idealisierten Typus, denn als tatsächlich materiell vergüteten Meister.

Die ganz große Einigkeit, der Verbrüderungsgestus ist vor diesem Hintergrund weniger relevant als die Implikationen, die sich aus der Diskussion ergeben für die viel weiter reichenden Szenarien, die in den Urheberrechts-Sessions auf der C’n’B mehrfach angesprochen werden: Was Musik- und Entertainmentbranche derzeit debattieren wird eine noch viel größere Relevanz erhalten, wenn 3-D Drucker den Kontext von der sogenannten kreativ-wirtschaftlichen Ebene in den kompletten Consumer-Produkt Bereich tragen werden.

C´n´B
C3S
Gema

11 Responses

  1. Leon Krenz

    @Philip Der Fehler wurde korrigiert – vielen Dank für den Hinweis.

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