Foto: gallagher.michaelsean

Man musste lange auf diesen Moment warten. Der Hacker – eigentlich eine typische Figur der Achtziger – hat die Bühne der zeitgenössischen Realpolitik betreten. Obwohl er in Filmen stets gehypt wurde, spielte er in der Wirklichkeit bisher eine Nebenrolle. Sein Auftauchen in der Mainstream-Realität wirkt daher surreal wie ein Blockbuster: Infobomben, die man als eine Versicherung für den Fall einer Verhaftung zum Download bereit stellt, der Cyberkrieg mit Amazon, PayPal, Visa und Mastercard und – nicht zuletzt – Assanges schlohweiße Haare: Wer dächte da nicht an Adam Weishaupt oder Rutger Hauer in Bladerunner?

Das Seltsame an der neuerlichen Epiphanie des Hacktivismus ist vor allem, dass sie so lange gedauert hat. Der Hype ist deswegen anachronistisch, weil das Hackertum längst die Regel geworden ist. Im Privaten umgehen wir alle Sperren per VPN-Tunnel und wissen, wie man Patches, Pseudos und Cracks anwendet. Und auch sonst hat das Netz fast alle Aspekte unseres Lebens verändert.


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Ausgerechnet die Politik blieb auf wundersame Weise von dieser Entwicklung verschont. Im Wahlkampf spielt das Netz zwar eine wichtige Rolle, doch inhaltlich hat sich hier nichts getan. Die Jovialität des Bierzeltes und das Schulterklopfen des Hinterzimmers regieren, nicht das kreative Chaos des Chatrooms. An den besten Orten des Netzes findet man eine faktenorientierte Sprache, die schnörkellose, uneigennützige Lösungen für komplexe technische Probleme formuliert – der postpolitische Jargon dient dagegen zumeist der inhaltsfreien Vernebelung. Die weltweite, unredigierte Publikation interner Dokumente ist ein Fremdkörper im Bereich des Politischen. Idee und Optik stammen aus der bullshitfreien Zone des Netzes, die es neben den Spielplätzen Neven-DuMonts ja noch gibt.

Überfällig
Mit dem Wikileaks-Cablegate ist eine Oase des Althergebrachten in einer Welt verschwunden, die sich auch auf den trivialsten Ebenen für Offenheit und Transparenz entschieden hat. Was Politikern und Diplomaten dank dieser Enthüllungen blüht, ist nur das, was wir als Privatmenschen schon lange erlebt haben: Doppelleben sind eigentlich nicht mehr möglich. Nostalgisch muss man an Zeiten denken, in denen Menschen zwei Beziehungen oder auch nur zwei Freundeskreise getrennt voneinander jonglieren konnten. Durch Facebook und Myspace gehören solche Komplikationen der Vergangenheit an. Meistens ist das extrem praktisch, weil das Hin und Her im privaten Leben eh genervt hat.

Gäbe es ein Facebook der Weltpolitik, würde man sehen, was man bei Wikileaks sieht: Dass der König von Bahrain zwar öffentlich vor einem weiteren Krieg in der Region warnt, sich aber gleichzeitig für einen – in jeder Hinsicht wahnsinnigen – Militärschlag gegen den Iran einsetzt. Oder der FDP-Typ, der der amerikanischen Botschaft ständig Neues aus den Koalitionsverhandlungen mit der CDU postet. Die westlichen Streitkräfte im Irak und in Afghanistan würden als Status-Update schreiben: „Toller Urlaub hier – Alles läuft wie geplant“ – und nebenbei sähe man grausige Videos und eine schier unvorstellbare Brutalität gegen die Zivilbevölkerung.


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Genau so wie im Privatleben wird es für die Diplomatie durch die Anbindung an die Netzöffentlichkeit schwerer, komplett unaufrichtig zu sein. Doch Facebook und Myspace haben uns nicht zu besseren Menschen gemacht. Es ist auch fraglich, ob die internationale Politik tatsächlich von der neuen Transparenz profitiert. Diplomatisches Handeln ist zu einem gewissen Grad auf Geheimhaltung angewiesen. Man wird neue Wege für diese finden, etwa durch exklusiv mündliche Kommunikation. Nicht nur dadurch könnte gerade die Arbeit von Journalisten erschwert werden. Auf dem Spiel steht neben der Sicherheit von Informanten auch noch die Exklusivität journalistisch relevanter Informationen – und damit die ökonomische Grundlage der Zunft. Ohne professionellen Journalismus wäre es noch schwieriger, die internationale Politik zu kontrollieren. Weitere Opfer von Wikileaks könnten Privatpersonen sein, deren Daten unzensiert publiziert werden.

Das Problem
Die erwähnten Argumente wurden während der letzten Wochen wahrlich zu genüge ausgebreitet, doch sie verfehlen das Problem. Wie eingangs erwähnt, ist das Wikileaks-Cablegate weniger eine Neuerung als vielmehr ein Aufholen der Politik mit der digitalen Lebenswelt. Die weltweite anonyme Publikation interner Dokumente ist eine Möglichkeit, die inhärent mit dem Internet verknüpft ist. Ob uns das gefällt, spielt kein Rolle. Während sich die Welt des Politischen immer mal wieder zurückdrehen lässt, besteht diese Alternative für die Technik nicht.

Und es ist auch gut, dass Technik grundsätzlich voranschreitet. In Chips, Glasfaserkabeln und Codes materialisiert sich das Beste der Kultur des Westens. Mehr als bloß ein Teil einer bestimmten Kultur sind diese Techniken nur, weil sie in der Vergangenheit der kritischen, tabufreien Überprüfung standgehalten haben. Gerade im Internet war die technische Entwicklung stets mit demokratischen Ideen verknüpft. Jede und jeder kann Soft- und Hardware verbessern, ganz egal welche Hautfarbe oder Religion sie oder er hat. Dieses politische Prinzip liegt der Informationsrevolution zugrunde.


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Wenn Wikileaks die Archive der globalen Politik öffnet, kann diese nun von jedem kritisch überprüft werden. Auch wenn kurzfristige Einwände dagegen sprechen, wird sie dadurch langfristig demokratischer und auch besser werden. Wie die Finanzmarkt-Katastrophe von 2008 gezeigt hat, machen Eliten zu viele Fehler, wenn man sie in einer täglich komplexer werdenden Welt alleine lässt. Aus diesen Gründen kann man nur hoffen, dass weitere Veröffentlichungen von Interna aus dem Bankbereich folgen. Nur wenn der Quellcode des Systems offen liegt, können wir alle daran arbeiten, es besser zu machen.

10 Responses

  1. Snob le Bons

    es gibt einen unterschied zw hackern und scriptkiddies, der von mainstream medien genauso ignoriert wird, wie jener zwischen vergewaltigung und freiwilligem, ungeschuetztem sex.

    wer cracks und vpn benutzen oder umgehen kann ist aber sowas von weit entfernt, hacker zu sein, wie der papst von freiwilligem sex.

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