Die Couch auf der wir liegen, beflügelt unsere Träume

Es wäre natürlich an der Zeit, Sascha Lobo aufzuzeigen, dass Netzkritik nicht neu ist, sondern eine lange Tradition hat, aber das sparen wir uns dieses Mal. Natürlich könnte man auch, das haben einige schon gemacht, ganz banal darauf hinweisen, dass eine Anthropomorphisierung des Netzes notwendigerweise zu einer Kränkung führen muss, man kann das beispielhaft an den Problemen anderer Gläubiger über die Jahrhunderte nachvollziehen, die regelmässig von ihrem Gott enttäuscht und allein gelassen wurden. Dort finden sich auch massenhaft Hinweise wie man mit diesem speziellen Problem fertig wird. Wir wollen uns hier lieber auf die Idee der Kränkung konzentrieren, der vierten Kränkung der Menschheit.

Das Freud-Konzept (kann man hier nachlesen) sagt: 1. der Mensch ist nicht Mittelpunkt der Welt (Kopernikus etc.), 2. der Mensch ist ein Tier (nicht Herr der Schöpfung), 3. der Mensch nicht Herr im eigenen Haus (das Ich) sondern getrieben vom Unbewussten. Die 4. laut Lobo wäre: “Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten (Internet), wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.” Kontrolle des Menschen, Machtausübung durch digitale Mittel wäre also die vierte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Kurze Erklärung.

Jedem dürfte sofort auffallen, dass in der Reihe der Kränkungen die vierte irgendwie läppsch wirkt. Marginal. Wir kontrollieren uns selbst mit allen Mitteln die wir uns zur Verfügung stellen. Big News. (Big wie bei Big Auto, nicht Big Data). Was hatten wir vorher gedacht? Wir sind eine Horde von desorganisierten Menschen, die ein Stück Technologie finden und damit wie mit einer Flamme nur das Gute, das Ehrenhafte, die Freiheit verfolgen? Und hätten wir nicht, wenn die vierte Kränkung diese wäre, die Herrschaft über das Unbewusste, die Tiere, unsere Stellung im All gleich wiedererobert? Ist die vierte Kränkung die Lobo da beschreibt, nicht einfach nur die Machtphantasie, die unter den drei Kränkungen vorher als Weigerung dieser Erkenntnisse immer schon gelauert hat? Wir – oder zumindest ein paar Millionen unter uns Menschen – haben die Macht, wir – oder zumindest ein paar andere Menschen – hätten sie gerne zurück!

Wenn man eine vierte Kränkung ansetzen wollte, dann müsste man vielmehr sagen, die vierte Kränkung der Menschheit ist die, dass wir die von Menschen entwickelte Technologie eben nicht beherrschen. Machtlosigkeit, nicht Macht ist das Zentrum der Kränkung. Dabei spielt es auch keine Rolle wem wir die Macht über wen zuschreiben. Sobald ein paar Leute die Macht haben, kann sich ein Teil der Menschheit zurückziehen aus dieser vermeintlichen Kränkung und auf das Recht des Stärkeren pochen. Genau das ist es, was die 3 von Siegmund Freud aufgebrachten Kränkungen eben nicht können. Die vierte Kränkung der Menschheit liegt ganz woanders.

Sagen wir es mal so: die vierte Kränkung der Menschheit ist die, dass sie ihre Technologie nicht beherrschen können. Auch wenn man sich immer wieder Mühe gibt, steht diese vierte Kränkung eigentlich mindestens seit der Erfindung der Atomwaffenarsenale im Geschichtsbuch der Menschheit und hat mit dem digitalen wenig zu tun. Das kann Lobo nicht übersehen haben. Die vierte Kränkung ist die, das Technologie ein bestimmender Bestandteil der Menschheit ist, so wie sagen wir mal die Liebe, der Trieb, das Weltall und die Bienen. Unsere vierte Krücke wenn man so will. Und dass sie kein Tool ist, das uns zu Ehren (Technologie ist ja schliesslich unser “Kind”) unsere wildesten Glückträume erfüllt, sondern ein Player für sich, voller unerwarteter Effekte, voller eigener, weder bewusster, noch unbewusster, sondern schlicht strukturell bedingter Eigenheiten, die als Ganzes nicht nur nicht beherrschbar sind, sondern unsere Macht in ihre Grenzen verweist, sollte irgendwie langsam klar geworden sein.

Eigentlich ist die vierte Kränkung, ebenso wie alle anderen, etwas das uns Macht wegnimmt, um uns neue Felder der Möglichkeiten zu eröffnen. Möglichkeiten, auch das ein Topos in Sascha Lobos Text, Möglichkeitsräume, sind eben keine Räume der Herrschaft, sondern bislang unbeschriebene Potentiale. Und genau diese Zerstörung der Potentiale beklagt Lobo, so als hätte uns die NSA die Zukunft kaputt gemacht. Das Internet ist nicht beherrschbar sagt die vierte Kränkung der Menschheit, so wie Technologie überhaupt. Ganz so, wie man manchmal von diversen Netzapologeten hören mag. Die Überwachung der NSA (usw. übrigens, denn sie sind ja nicht allein, nur der größte Auswuchs dieser Überwachung, aber diese Verkürzung in Lobos Text, die sich hinterher in einer denkwürdigen Merkel-Äusserung fortsetzt, interessiert uns hier nicht) ist eigentlich ein Ausdruck dieser Kränkung, genau so wie das Katz und Maus Spiel das sich Piratebay etc. mit MPAA etc. seit Ewigkeiten liefern, genau so wie die Gutenberg-Galaxien, Wikipedia, die DSL-Knute, DRM, social Media, der “war on general computation” etc. etc.

Das Heilsversprechen des demokratisierenden Internet ist genau so Ausdruck dieser Kränkung, wie die heillose Überwachungsmaschinerie. Der ganze Kampf um das Internet als Möglichkeitsraum, der sich seit Beginn des Netzes in fast in jedem Kampf um die Macht, Vorherrschaft, die kapitalen Interessen etc. zeigt, zu der traditionell immer zwei Seiten gehörten, ist Ausdruck dieser Kränkung. Der Kränkung, dass wir nie ernsthaft haben begreifen wollen, dass der Möglichkeitsraum (positiv formuliert) eigentlich schon immer die dritte Seite war, das Zentrum, die Ursache der Kränkung, an dem wir uns – egal auf welcher “Seite” wir stehen, nur abarbeiten.

Die Kränkung der beschworenen Netzgemeinde der der ganzen westlichen (Bonuseinschränkung, damit niemand denkt Freud hätte damals, oder Kopernikus, oder Darwin mit der gesamten Menschheit kommuniziert) Menschheit den vorhergehenden Kränkungen beizustellen, ist ein solches Musterbeispiel von Narzissmus, dass wir eigentlich bei Freud hätten aufgeben können weiterzulesen.

Eigentlich hätten wir noch weit vorher aufhören können, denn so offensichtlich wie dieser Artikel für die gesamte Meinungsgeste der FAZ in der letzten Zeit geschrieben ist, ist er natürlich kein ernsthaftes Hosen-Runter von Lobo, sondern schlichtweg ein Ausdruck davon, dass sich, das hat Schirrmacher früh und gut erkannt, mit dieser Geste eine Menge Klicks der technisch affizierten Kulturpessimisten dieses Jahrzehnts generieren lassen. Und so sollte man ihn eigentlich lesen. Natürlich ist eine Reaktion wie diese hier vorkalkuliert, ein Machtspiel über die Herrschaft der Meinungen, die sich später mal in eine – und wir würden sagen, eher unheilvolle – Politik übersetzen möchte. Doch so schwer es fallen mag, eine Politik des Netzes, der Technologie überhaupt, sollte niemals von einer zentralen Position der Macht über die Technologie ausgehen, sondern von der der Machtlosigkeit, der Erkenntnis, dass Technologie kein Tool ist, sondern ein Player, der sich in nicht anthropomorphisierenden Bewegungen ausdrückt und mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben, nicht in Herrschaftsphantasien, sondern im Wissen, darum, das es um eine Zukunft geht, in der Technologie eben die fünfte Macht im Staat ist. Oder, um es mit Freud zu sagen, die Couch auf der wir liegen, beflügelt unsere Träume.

Foto von Michael Fielitz

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3 Responses

  1. tgmthegreenman

    Stimmt natürlich fast alles was Du sagst. Tatsächlich lauert da noch der ein oder andere Größenwahn im Hintergrund und da ist zuwenig Demut seitens der beschränkten menschlichen Kreatur gegenüber Technik, Atomkraftwerken, unterschiedlichen Sprachen, einfach so eingeführten gemeinsamen Währungen, Ländergrenzen, Quadratkilometern oder dem Verwaltungsaufwand und den Konsequenzen von dem, was man regieren nennt. Wer (niemand persönlich, bloß der Mensch an sich) letztlich nicht mal die eigenen Bakterien oder das eigene Heim oder Dorf kontrollieren kann muss nicht verbittert sein, wenn die Welt macht was sie will, die Kombination aus Mensch und Technik nicht alles gut werden liess und uns vielleicht eines Tages ausrottet. Aber immerhin: Schreiben macht einfach Spaß. Ist es nicht zumindest so, dass unabhängig davon, wer das kontrolliert und wieviel Müll dabei ist, wir alle zumindest mehr schreiben als früher? Und dass sich dadurch zumindest unsere Sprache und das Diskussionsniveau verändert? Na gut, nicht jeder dekoriert Worte wie Anthropomorphisation mit einem Banalitätsetikett, aber hey, dieser Text wird wohl auch in 50 Jahren nicht veraltet klingen. Leute, die mit Sound zu tun haben, schreiben nun mal etwas anders.

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  2. Andreas

    Lieber Sascha, treffend. Aber: Ist die Beschreibung der “Technologie” (wie grenzt Du das ab?) als “player” u/o 5. Gewalt nicht auch ein Antropomorphismus ?, Gruß, Andreas

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