Was man von den neuen Konservativen lernen muss

Eine neue Petition versucht Argumente gegen queer-freundliche Passagen im Bildungsplan in den baden-württembergischen Landtag zu schleusen. Die Form dieser Diskussion sollte zu denken geben: der Verfasser der Petition argumentiert vorgeblich rational und a-religiös, aber er bedient dabei reaktionärste, konservative Einstellungen und betreibt Schuldumkehr: die Misere der Queeren sind sie selbst und sie wollen ihre Misere weiterverbreiten.

Neben den bekannten Tropen anti-queerer Diskriminierung – hier: Konventionen und Traditionen, verborgene politische Agenden und Unterwanderung -, der Auslassung offensichtlicher religiöser und moralischer Begründungen (dafür aber: “Ethik”) gibt es eine starke Argumentationslinie, die das Gesundheitliche der Sexualität in den Vordergrund stellt und die sexuelle Identität mit gesundheitlichen Problemen gleichstellt. Das ist nicht religiöse anti-queere Rhetorik nach amerikanischem Vorbild, sondern die russische “Gesundheitsdiskussion”, die queere Agenda als Subversion und Umerziehung der Jugend.

Vielfalt ja, Ideologie nein
Ich stecke zu wenig in der Analyse antiqueerer Diskussionen um behaupten zu können, das sei neu. Aber in der Weise, wie mir diese Argumentation in einer neuen Petition untergekommen ist, habe zumindest ich es noch nie gesehen. Aber der Reihe nach:

Ab 2015 soll in Baden-Württemberg ein neuer Bildungsplan für die allgemein bildenden Schulen in Kraft treten. Ein Vorschlag zur Bildungsplanreform 2015/2016 umfasst auch, unter dem Punkt Bildung für nachhaltige Entwicklung, den Umgang mit der eigenen sexuellen Entwicklung, der Sexualität und den sexuellen und Gender-Aspekten anderer Menschen. So heißt es unter anderem, dass

Schülerinnen und Schüler kennen die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen und reflektieren die Begegnungen in einer sich wandelnden, globalisierten Welt.
o klassische Familien, Regenbogenfamilien, Single, Paarbeziehung, Patchworkfamilien, Ein-Eltern-Familien, Großfamilien, Wahlfamilien ohne verwandtschaftliche Bande;
o schwule, lesbische, transgender und soweit bekannt intersexueller Kultur (Musik, Bildende Kunst, Literatur, Filmschaffen, Theater und neue Medien) und Begegnungsstätten (soziale Netzwerke, Vereine, politische Gruppen, Parteien).

Schülerinnen und Schüler reflektieren die Darstellung von Geschlechterrollen und sexueller Vielfalt in Medien und Werbung und entwickeln eine Sensibilität für
Stereotype;

Schülerinnen und Schüler reflektieren die Darstellung von Geschlechterrollen und sexueller Vielfalt in Medien und Werbung und entwickeln eine Sensibilität für
Stereotype;

Dieser Formulierungsvorschlag hat konservative Kräfte in der Bundesrepublik aufgebracht. Diese Zusammenstellung etwa habe ich einem Hilfsblatt der Website Evangelium für Alle(www.efa-stuttgart.de) entnommen, die zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den queeren Anteilen des neuen Bildungsplans aufruft – und zur Unterzeichnung einer entsprechenden Petition: “Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“.

Diese Petition von Gabriel Stängle (ein schwäbischer Realschullehrers und Referent des Realschullehrerverbandes), hat es in sich. Darin heißt es unter anderem:

Wir unterstützen das Anliegen, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nicht zu diskriminieren. Bestehende Diskriminierung soll im Unterricht thematisiert werden. Die „Verankerung der Leitprinzipien“ und der Aktionsplan „[…] ziel[en] für uns auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen [ab].”

Der Autor der Petition fordert eine “verantwortungsvolle” Sexualpädagogik, und “den Erhalt des vertrauensvollen Verhältnisses von Schule und Elternhaus und den sofortigen Stopp einer propagierenden neuen Sexualmoral.” Wissenschaft ja, “ideologische Kampfbegriffe” und “Theoriekonstrukte” nein.

Die Diskussion um die Suizidgefährdung homosexueller Jugendlicher solle anders geführt werden – nämlich nicht an den Schulen. Lehrkräfte sollten außerdem nicht stigmatisiert werden durch “Slogans” wie “Schule als homophober Ort”. Zuletzt fordert sie “eine Gewaltprävention gegen alle Formen von Ausgrenzung, die nicht erst ein Klima von „Opfern“ und „Tätern“ herbeiredet und sich dann als deren Lösung ausgibt.” Eine übermäßige Fokussierung auf sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität leiste dem Vorschub.

Queere Missionare
Um der Ideologie dieser Petition auf die Spur zu kommen, reicht es, deren “Begründungen”-Abschnitt zu lesen. Darin ist von Gesundheit, der Propagierung verschiedener Sexualpraktiken, den “ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils” – also “die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern […] die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern” – die Rede. Es gehe letztlich um eine “pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen.”

Man muss manche Absätze in Gänze zitieren:

Das über jahrzehntelange von konstruktiver Zusammenarbeit geprägte Miteinander von Schule und Elternhaus wird durch „Verankerung der Leitprinzipien“ zur Disposition gestellt. Versprochen wird ein umfassender und ganzheitlicher Begriff von Sexualität. Gemeint ist einerseits ein zu befürwortendes Klima der Akzeptanz, sowie eine Einstellung gegen Homophobie, wofür die Lehrkräfte in Baden-Württemberg eintreten sollen. Die Eckpunkte einer neuen Sexualethik meinen andererseits eine Infragestellung der heterosexuellen Geschlechter von Mann und Frau, möchten aber zugleich den Prozess des Coming-out zu neuen „sexuellen Orientierungen“ pädagogisch propagieren und ihre Diskriminierung abwehren: Konkret wird dies zu einer problematischen Entwicklung in unserem Bundesland führen, denn es geht über die Integration homosexuell lebender Jugendlicher hinaus. Lehrkräfte sollen die nächste Generation mit dem Anspruch, sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile seien ohne ethische Beurteilung gleich erstrebenswert und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen, an eine neue Sexualethik heranführen. Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist.

Anti-queere, homophobe,… Petitionen gibt es zuhauf. Doch diese ist anders: Sie adressiert keinen Stammtisch, sondern eine gebildete Mittelschicht. Sie ist religiös, aber kann das unter den Tisch kehren (auch wenn Missionierungs-Tropen zuhauf vorkommen). Vor allem aber ist sie reichlich erfolgreich: Bislang haben sie im Bundesgebiet über 27.000 Personen (davon knapp 18.000 aus Baden-Württemberg) unterschrieben. Es ist schwer vorstellbar, dass in den 38 verbleibenden Petitionstagen die fehlenden 70.000 Stimmen zusammen kommen (Statistik), um das Anliegen der Petition in den baden-württembergischen Landtag zu bekommen.

Religiöses Thema
Die Petition ist vor allem ein religiöses Thema und diverse religiöse Institutionen in Baden-Württemberg verbreiten den Aufruf der Petition weiter. Unabhängig von der Petition haben sich die zwei evangelischen Landeskirchen und die zwei katholischen Diözesen unabhängig von der Petition an die Landesregierung gewandt, schreibt der Evangelische Pressedienst. (Ihre Einwände/Vorschläge konnte ich jedoch nicht recherchieren.)

Was mich jetzt aber vor allem interessiert ist, wie a-religiöse anti-queere Rhetorik funktioniert. Ich glaube ja, dass religiöse Argumentationslinien Importe der religiösen Rechten in Amerika sind. Sehr viele religiöse Diskussionen, die passende Literatur und das verfügbare Personal kommen mit jahrelanger Verspätung (so lange es halt dauert, ein Buch eines Fernsehpredigers zu übersetzen) hier an. Kennzeichnend ist ihre, für gemäßigte Gläubige eigentlich viel zu starke christliche Ideologie. Das ist eine Denke von solcher Vehemenz, dass sie schlecht in Deutschland anschlussfähig ist; so kann man hier einfach nicht öffentlich diskutieren.

Wenn man nun, wie Petitions-Autor Stängle, der religiösen Diskussion die Religiosität entzieht, müssen andere ethische/moralische Fundamente her – und die resonnieren hervorragend mit völkischen Gedanken, mit faschistischen Kollektivismen und totalitären Moralsystemen. Er zeichnet argumentativ einen Wir-Körper, der von hinterlistigen Krankheitskeimen ausgetrickst wird, die ihre Partikularinteressen dem Gesamtsystem passiv aufzwingen. Klar, hier wird eine widerliche Gedankenwelt zumindest instrumentalisiert, vielleicht sogar ja auch vertreten (Alternativ-Erklärung: Stängle befasste sich als Student mit Transformation der Gesellschaft, wie man die Welt verändert. Sein Link zur christlichen Mission fand ich erhellend: vielleicht sieht er eine queere Mission, die Natives wie ihn zu konvertieren versucht?).

Vielleicht ist diese Petition ja Vorbote eines neuen queer-phoben Umgangs einer konservativ-rechten Mainstreams, der sich nicht mehr alter Tropen bedient, sondern neu, rationaler, vernünftiger argumentiert, der, wie die Neuen Rechten und rechten Identitäten, den Fundamentalismus rational erscheinen lässt – und also neu verstanden werden muss.

One Response

  1. lala

    lustig das diese Petition selbst mit ideologischen Kampfbegriffen nur so um sich wirft, vollidiotenclub

    Reply

Leave a Reply