Bei manchen Zeitgenossen paart sich absolute Selbstüberschätzung mit totalem Realitätsverlust. Der Komponist Johannes Kreidler gehört mit seiner gescheiterten Aktion “product placements” sicherlich dazu. Letzten Freitag brachte er – wie bereits Wochen vorher überall angekündigt – seine 70.200 Anmeldeformulare bei der GEMA vorbei. Diese stellte aber schon einen Tag vorher eine Presseerklärung ins Netz. Darin heißt es:

“Nutzt der Komponist fremde Werke oder Werkteile, die urheberrechtlich schutzfähig sind, muss er dazu die Einwilligung des Originalurhebers einholen. Eine urheberrechtlich relevante Nutzung liegt nur dann vor, wenn diese fremden Werke dem neu geschaffenen Werk erkennbar zugrunde gelegt werden. Dies ist bei einzelnen Tönen und „Sound-Schnipseln“ – so wie sie Herr Kreidler für sein Werk product placement überwiegend verwendet – wohl eher nicht der Fall.”

Das hätte sich Kreidler auch vorher denken können, reimte sich aber die GEMA-Aussage, dass “die weit verbreitete Ansicht, dass 8 oder auch 4 Takte ohne Zustimmung benutzt werden dürfen [...] falsch [ist]” so zusammen, dass dann auch kleinste Microsamples anzumelden seien. Gut, kann er ja probieren. Ein wenig Schadenfreude empfanden wir dann schon, als diese News eintraf, da wir von vornherein von einem reinen Profilierungsversuch des Künstlers ausgingen.

Wirklich richtig amüsant ist bei der ganzen Sache, wie Kreidler sein Fehlschlagen umdeutete und irgendwie in einen Sieg umzubiegen versucht und in bester Bildzeitungsmanier in SpOn-Optik davon spricht: “Tatsächlich hat Kreidler nämlich gerade durch das Ausweichen der GEMA den sensationellen Präzedenzfall erwirkt:

Die GEMA erklärte die Samples vor der versammelten Presse für legal! Kein einziges von all den “enteigneten” Samples muss angemeldet werden, obwohl der Anmeldebogen dies bislang ausdrücklich für jeden noch so kleinen Fremdanteil verlangt und am Ende von Kreidlers Stück sogar ein über zwei Sekunden langes Zitat erklingt.”

Können wir nur hoffen, dass demnächst nicht haufenweise Hobby-Produzenten wie wild alles samplen, was sie in ihre Maschinen kriegen und sich dann mit ihren Anwälten auf das “Ego Placement” Kreidlers beziehen.

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13 Responses

  1. koir

    schon komisch dass jetzt auf einmal alle mit der GEMA sympathisieren.

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  2. Miriam S.

    Jammerschade, dass ausgerechnet eine Zeitung wie de:bug so trottelig und unhinterfragt irgendwelchen obrigkeitshörigen, von der GEMA-PR verblendeten Meldungen aufgreift und daraus so eine gehässige Polemik strickt. Wenn ihr euch mal die Mühe gemacht hättet, in den entsprechenden Foren nachzulesen, was es da für andere Eindrücke vom Ablauf der Aktion gibt, besser aber noch die zahlreichen anderen Berichte und Dokumentationen zu studieren, wäre euch die Schadenfreude vielleicht im Hals stecken geblieben.

    Ich bin ziemlich entsetzt, wie aus einer gelungenen Aktion, bei der die Stimmung des Publikums aus Journalisten, Creative Commons-Aktivsten und Musikern eindeutig pro Kreidler und versus GEMA war (ich war vor Ort und konnte mich davon persönlich überzeugen, es gab eine verdammt unterhaltsame Diskussion), durch ein paar verzerrte Artikel so ins Gegenteil umschlagen kann.

    Von euch hätte ich wirklich mehr kritisches Bewusstsein gegenüber den mit allen rhetorischen Wassern gewaschenen Ausflüchten einer erstarrten Institution erwartet. Sagt bitte noch mal was zum Thema Selbstdarstellung. Meint ihr etwa, die GEMA würde sich nicht selbst darstellen mit ihrer geleckten PR? Ward ihr vielleicht bei der Diskussion dabei und habt mitgekriegt, auf wieviele Fragen sie keine Antworten hatte? Nee! Aber immer hübsch von den Kollegen abschreiben – und natürlich immer denen, die dem eigenen Weltbild in den Kram passen.

    Soviel ist klar: Dass die GEMA sich aus der Sache rauswinden und in letzter Konsequenz sich nicht öffentlich vorführen lassen würde, war zu erwarten. Aber einem Aktivisten, der mit den seinen – nämlich künstlerisch-theatralen Mitteln – versucht, das System in Bewegung zu bringen, sein vermeintliches Unterliegen jetzt schadenfroh auszulegen, das ist nicht nur in journalistischer Hinsicht schlechter Stil.

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  3. Ronny

    Hätte der gute Kreidler sich vorher doch ein wenig mit dem beschäftigt, was die Gema als Schöpfungshöhe bezeichnet, wäre ihm dieser FAIL wohl erspart geblieben. Wobei, einige *müssen* ja unbedingt mit dem Kopf durch die Wand.

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  4. Ronny

    Was hat es mit pro-Gema zu tun, wenn man eine Aktion, derer Nachhaltigkeit gen Null geht für dämlich hält?

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  5. Werner

    Was Ronny sagt. Freue mich, dass es endlich mal jemand so aulegt wie die De:Bug. Ohne an der GEMA etwas Gutes lassen zu wollen: diese Aktion hat ihren Anfang offenbar dadurch gefunden, dass Kreidler diesen 70k-Samplepool einer einzigen Künstlerin zur Verfügung hatte und überlegte, was er damit machen soll. Klar, die Idee ist lustig, aber es riecht auch nach Selbstmarketing. Zumal technisch unpräzise, siehe http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Recht-hat-er-irgendwo-schon/forum-143983/msg-15558579/read/

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  6. Olli

    Ich glaube das ist aber der Punkt: Es gibt keine Definition von Schöpfungshöhe, die GEMA legt das nur in diesem Fall zu ihren Gunsten aus. In anderen Fällen wird sie natürlich wieder dahinter her sein, wenn einer was fremdes zitiert. Schau doch mal in den Anmeldebogen der GEMA, kann man auf gema.de lesen! Was Kreidler grundsätzlich anspricht stimmt doch absolut, dass das analoge Urheberrecht in digitalen Zeiten reformiert werden muss, und da könnte die GEMA gerne mal vorangehen statt alles abzuwehren.

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  7. Uhr-Heber - was, schon so spät?

    Dass man von der GEMA erwarten kann, sich wie eine “erstarrte Institution” (Miriam S.)zu verhalten, überrascht doch wohl die wenigsten hier. Dass ein Künstler, der mit einer Medienaktion dagegen protestieren will, so blauäugig vorgeht, gehört auch von den im Prinzip zugeneigten Medien abgestraft (im rein hämischen Sinne).

    Außerdem finde ich es persönlich recht infantil etwas aus ‘nem Haufen Quellen zusammenzustoppeln und dann zu rufen: “hey, ihr Doofmänner, guckt mal alle, ich habe die böse GEMA ausgetrickst!”. Klingt eher nach Kleinkindverhalten und nicht nach erwachsenem Diskurs. Als Happening – hervorragend. Als ernstgemeinte Aktion, die auch etwas bewikren soll – eher peinlich bzw. wirklich wenig “nachhaltig”, wie schon Ronny ausführte.

    Fazit: Hätte Kreidler intelligenter machen können, wenn es ihm um die Sache ginge.

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  8. Miriam S.

    @koir: Genau das ist es, was mir an der Sache auch so aufstößt: Erst waren 90 Prozent der Leute für die Aktion, kaum gibt es aber ein paar negative Schlagzeilen, die den Sachverhalt zum Teil unverschämt entstellen, schon hechelt die Meute wieder dem Goliath nach. Und die wenigsten haben überhaupt verstanden (oder sich auch nur die Mühe gemacht zu verstehen), worum es Kreidler im Einzelnen ging und wie er sich die Dramaturgie der Veranstaltung gedacht hat. Nun repetieren alle die falschen Darstellungen. Großes Splatterkino.

    @Ronny: Die GEMA hat zum Begriff der Schöpfungshöhe keine Definition, sie darf über Qualität nämlich gar nicht entscheiden – tut es dann über den juristischen Weg trotzdem. Genau das prangert Kreidler an, dass Juristen ästhetische Entscheidungen treffen. Das Lächerlichste ist wirklich, dass so viele Leute, die jetzt der schlechten Presse nachhecheln, Kreidler unterstellen, er habe nicht gewusst, auf was er sich da einlässt. Das einzige, auf das er wohl nicht gefasst war, ist die Macht der üblen Nachrede.

    Zur Nachhaltigkeit: Das war ja erst der Anfang, die Diskussion geht weiter. Selbst die GEMA bezeichnet die Aktion als Erfolg und hat vor versammelter Presse verkündet, sie habe einen Batzen Hausaufgaben mitgenommen. Das verschweigt die Missgunst nur gerne.

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  9. Miriam S.

    Um noch mal was zur Selbstdarstellung zu sagen, die hier anscheinend so viele ärgert: Künstler sind immer Selbstdarsteller, das ändert aber nichts daran, dass sie auch politisch agieren können. Wieso muss denn das eine das andere ausschließen? Wo sagt er dann, dass er ein selbstloser Märtyerer ist und wer braucht sowas? Dass es Kreidler bei dieser Sache vor allem um die Änderung des Urheberrechtesystems geht, kann man ihm, der Zitate wie Noten behandelt, dessen vorrangiges ästhetisches Prinzip also das Samplen ist, wohl am wenigsten absprechen. Das ist eigennützig insofern, als er damit künstlerisch frei agieren können will. Und es ist gemeinnützig, weil von dem erstarrten Rechtssystem viele Leute betroffen sind. Wenn die Sache langfristig zum Erfolg führt, profitiert jeder von jedem. Und für mich ist die Sache wie gesagt noch lange nicht gegessen. Vielleicht mit dieser speziellen Aktion, aber es geht ja weiter.

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  10. BTH

    @all, especially Miriam:
    - Sich kritisch gegen Kreidlers Aktion zu äußern heißt nicht, dass man die GEMA toll findet. Kreidler sagte in seinem Ankündigungsvideo, glaube ich, selbst, dass er nichts gegen die GEMA hätte.
    - http://www.de-bug.de/medien/archives/kunst-aktion-product-placements.html Dort schrieben wir schon vor einem knappen Monat: “Beim Betrachten des dazugehörigen Videos inklusive eines Telefonats à la Studio Braun und eines fingierten Presseauftritts im Stile der Schleyer-Entführer wirkt die Aktion eher wie ein Profilierungsversuch eines Künstlers, so abgedroschen-allgemeinplatzig wie diese Kritik daherkommt und auch inszeniert werden soll; so dass sich uns am Ende der Verdacht stelllt, dass es nicht sein kann, dass eine Frage nach ästhetischer Kunst und medienwirksamem Kommerz mit einer identischen Aktion beantwortet wird.”
    - Zur Aussage: “Selbst die GEMA bezeichnet die Aktion als Erfolg und hat vor versammelter Presse verkündet, sie habe einen Batzen Hausaufgaben mitgenommen. Das verschweigt die Missgunst nur gerne.” Auch verschwiegen wird, dass Kreidler damit als “Systemoptimierungsperson” dient, der das “GEMA-System” freiwillig und unbezahlt optimiert. Wir bewerten dies nicht negativ. Es ist aber eine Tatsache die mitbedacht werden sollte und mit der sich viele Kritiker rumschlagen müssen.
    - Selbstdarstellung gehört zur Kunst. Nur bei künstlerisch verpackter Kritik, sollte die Kritik im Vordergrund stehen und nicht die Selbstinszenierung. Und darauf wiesen wir schon vor Wochen hin, dass es den Anschein hat, Kreidler sei es wichtiger Publicity zu kriegen als die GEMA zu kritisieren.
    - http://www.ubermorgen.com/CATALOGUE/ Am Beispiel von voteauction sieht man, dass man auch mit viel weniger Selbst-Inszenierung (erfolgreiche) Kritik leisten kann.

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  11. Pollto

    das ist doch reichlich schäbig, einfach mal sagen, da präsentiert hier einer sein ego. de:bug präsentiert damit sein ähnliches ego. es besteht dringend reformbedarf am urheberrecht, und da ist einer der es mit künstlerischen mitteln auch mal schafft dieses problem darzustellen, und jetzt komen so schlaumeier und lästern rum. gebt euch doch mal die mühe und lest nicht nur den heise-artikel, sondern schaut andere berichte, da kommt heraus, es gab eine 2stündige diskussion vor ort zum thema, die gema will aus die sache weiter angehen usw. das ist doch super, dass ein künstler das erreicht hat.

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  12. boxhagen

    der typ kommt aus esslingen, näselt heftig arrogant und is krass unsympathisch, das der nen held wird, war von vorne rein ausgeschlossen, da fehlt jeglicher pathos!

    gema hin gema her

    samplen ist schon im ansatz unkreativ!

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