Googles Zukunftvision: Niemals verloren, niemals einsam, niemals gelangweilt.

Eric Schmidt hatte eine Keynote auf der IFA, die zwar wenig an Neuigkeiten zu bieten hatte, dafür aber eine Menge an Einsicht in – nennen wir es mal – Googles Weltanschauung. Laut Schmidt steigen wir gerade in ein neues Zeitalter ein, das der “Augmented Humanity”. Die Option des “it just works” ist endlich da. Es wird ein Goldenes Zeitalter. Und Handys, Mobiles, sind laut Google der Vorreiter, denn das Smartphone und die Cloud, das ist zusammen eine Form der künstlichen Intelligenz. Ist der grobe Rahmen dessen, was man unter Bezug auf Steve Jobs sicher auch, Reality Distortion Field nennen könnte, klar? Ok. Dann ins Detail.

Klar, “Augmented Reality” könnte man auch so verstehen: wir schleppen immer und überall hin unsere Informationen immer online mit uns rum, haben Zugriff auf Maps, Searchengines, Social Networks und was sonst noch alles. Wir sind ständig von Informationsräumen umgeben, die uns und unsere Entscheidungen neu definieren. Oder in Schmidts Worten: “you never worry about what are the choices, we figure it out for you”. Letztendlich war das immer schon so. Immer schon waren wir von Informationsräumen umgeben, schlimmstenfalls nur Gebrabbel, einiges davon nannte man früher auch Medien, die unsere Entscheidungen beeinflusst haben. Ein neues Zeitalter ist das nicht, nur weil es jetzt mehr davon gibt, überall. Da kann man noch nicht wirklich von “Augmented Humanity” sprechen, oder? Und immer alles verfügbar gilt ja auch nur wenn man genug für Handy und Leitung zahlt. Mehr Einblick gab eine Demo. Conversation Mode auf dem Android Handy. Deutscher trifft Ami und beide können, mit leichter Zeitverschiebung, ihre Sätze auf dem Handy übersetzen lassen. Das übersetzt schnoddrig “welche Farbe” immer wieder in “wich cable?”. In der Welt der “Augmented Humanity” würde man sein Gegenüber nun für blöd halten, wirr, oder wenn man Pech hat, einfach dem Bot vertrauen und würde mit einem Kabel aus dem Supermarkt laufen, wenn man ein paar Schuhe haben wollte. Freier Wille wurde eh unterschätzt. Augmented Humanity würde also heissen: Achtung, der Bot redet mit. Und bedeutet natürlich auch, dass die Navigation einen schon mal in den Abgrund treiben kann, oder einen auf der Suche (das kam in einer anderen Demo) nach Ägyptischer Kunst ins Pergamon nicht ins Neue Museum treibt. Augmented Humanity hat viele Vorteile. Man entdeckt neues, unerwartetes, hat einen neuen Faktor des Zufalls in seinem Leben. Das Problem nämlich bei dieser Art von Suchvorgängen, man spart sich u.U. den bei Browsersuchen gewohnten Triple-Check. In Eric Schmidts Worten: “never underestimate the importance of fast”. Und ja, Eric Schmidt ist davon überzeugt, dass Autos von selbst fahren sollten. Wäre Schmidt nicht irgendwie dennoch voller Humor, dann könnte man nach so einer Keynote dufte die Google-Allmachtsphantasien aus der Kiste kramen. Auf Fragen im Publikum, ob man mit Google nicht auch Personen da draußen in der realen Welt die man sieht nach ihrem Namen oder so absuchen könnte, sagt er ernsthaft: “thats creepy”. Und erlaubt ist es auch nicht. Obwohl wir kaum dran zweifeln, dass Google gerne eine Bildererkennungssuche mit facial recognition vom Stapel lassen würde, wenn die Behörden da nicht – die haben ja schon Angst vor Street View – vom Beamtensessel fallen würden. Für Eric Schmidt basiert all das auf der disruptiven Kraft des Internets. Und selbst Google TV ist so zu deuten. Klar, Google sucht für uns, nimmt uns Entscheidungen ab, aber nicht um zu Couchkartoffel zu werden, denn Googles Vision eines Fernsehguckers ist die, dass er ständig im Netz rumhängt und treibt was ihm Spass macht, und notfalls das Fernsehen umprogrammieren kann, statt es einfach nur anzuschreien. Das Credo, dass man niemals mehr auf der Welt verloren ist, niemals mehr einsam, niemals mehr gelangweilt mag nach einem schalen Hippietraum klingen (da passen die Blubberblasen heute ganz gut), und die Ankündigung dass “autonomous search” die nächste große Hürde sein wird, mag einem merkwürdig vorkommen, aber letztendlich ist es immer nur eine Frage des Interfaces. Klar wollen wir alle, dass unsere Gedanken oder Gespräche schon mal im Vorfeld mit breitangelegten Netzsuchen unterfüttert werden, sollte man sie brauchen, aber der allmächtige Google Teleprompter für jede Alltagssituation ist eben kein Script an den man sich halten muss, sondern einfach ein neuer Gesprächspartner in der Konversation der Augmented Humanity, die Frage wird einzig und allein sein, wie interessant ist er, und wie interessant sind die anderen. Bruno Latour würde jetzt sagen, sag ich doch, schon seit Jahrzehnten.

Die Keynote gibt es hier zum nachgucken.

26 Responses

  1. CARTA

    Googles Zukunftvision: Niemals verloren, niemals einsam, niemals gelangweilt….

    “Augmented Humanity” – “it just works” ist endlich da. Kommt das Goldene Google-Zeitalter? Für Sascha Kösch hat die Eric-Schmidt-Keynote auf der IFA gezeigt, dass noch nicht alles einfach funktioniert, aber die B…

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  2. Humanität? « philology & irony

    […] auch prompt die halbe Welt mit seinem Konzept auseinander. So hat Sascha Kösch bei de:bug eine kluge Analyse des Konzepts vorgestellt und die FAZ fühlt heute morgen Schmidt gleich einmal persönlich auf den […]

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  3. Augmented Humanity « Polemik

    […] den in den Siebzigern Sozialisierten, ist das was Google CEO Eric Emerson Schmidt unter  “Augmented Humanity”  versteht, blanker Horror: “You never worry about what are the choices, we figure it out for […]

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