Nach zwei Tagen Google+ hat man langsam alles durchdekliniert. Jede Meinung gehört, diverse Dramen durchgemacht, alle Jubelrufe und sämtliches freudiges Kriegsgesabber in sich aufgenommen und ist so weit. Wird das was? Oder nur die nächste Buzz-Welle? Wie steht’s mit Facebook? Und warum nicht und/oder Twitter?

Google+ wird kein zweites Buzz weil Google das nicht will

Die massive Präsenz mit der Google+ auftaucht ist kein Zufall. Buzz war einfach eine weitere App im Google Apps Kosmos. Ein Twitter-Klon. Wave war ein technisches Bravourstück dessen Erfahrungen in diverseste andere Apps eingeflossen sind. Nichts davon kam mit einem kompletten Wandel der Ästhetik, der einen nahezu sagen lässt: Google sieht viel besser aus als Facebook. Nichts nahm im Menu die allererste Stelle ein, wie das ominöse +Ich, das jetzt das erste Wort jeder Google-Seite markieren wird. Die Idee Google könnte Google+ einstellen wäre gleichzusetzen mit Google gibt Social komplett auf. Und genau das war ja über lange Zeit ihr offen eingestanden größtes Versäumnis.

Google+ ist keine weitere App

Klingt so als würden wir uns wiederholen. Jetzt schon. Aber es ist wichtig. Google+ ist über kurz oder lang Bestandteil jeder einzelnen Google App. + in Mail, in Maps, eine immer stärkere Vernetzung von + mit Telefonie und Chat ist schon in “Hangout” angedacht, selbst YouTube Videos haben in Google+ jetzt schon ein neues leichteres Design. Google+ ist (das hatte Eric Schmidt schon angedeutet) ein sozialer Layer. Und der hat aufgrund der Struktur der “Circles” und dem Follow-Prinzip auch grundlegend die Chance auf alle Apps zu passen und in alle integriert zu werden.

Google+ ist eine Konkurrenz für das was Facebook mal war

Die klassische Facebook-Vergleich kommt ja nicht von ungefähr. Klar kann man mit ein wenig CSS Google+ aussehen lassen wie Facebook, oder mit etwas Coding Facebook schöne “Circles” verpassen. In der Basis ist es natürlich viel mehr wie Twitter. Unilaterale Beziehungen statt “es ist kompliziert”. Die größten Gefahren für andere soziale Netze, die in Google+ schlummern, sind aber die Möglichkeiten die eine Vernetzung von + mit Google Apps for Business (Education, Government, Nonprofit) bietet. Eine ganze Uni könnte mit einem eigenen, vielleicht auch geschlossenen Sozialen Netzwerk in + starten, in den USA gibt es nicht gerade wenige die auf Google Apps arbeiten. 3 Millionen Firmen können weltweit ihr eigenes internes Netzwerk in einer Minute aufsetzen. Den langsamen Weg von Uni zu Uni auf dem Facebook langsam seine Exklusivität verloren hat, könnte jeder Apps for X Nutzer mit einem Klick anschalten.

+ fängt gerade erst an

Google+ ist eine Monsterarbeit. Auch daran merkt man, dass Google keine andere Wahl hat, als + zum Erfolg zu bringen. Verteilt über die diversesten Apps hatte Google nie einen einheitlichen Ort für Menschen und deren Beziehungen. Google war immer was für Einzelkämpfer. Eigentlich war Google immer Plus 1. Google und Du. Jetzt ist es Google+N. YouTube hat andere Kontakte als Mail, Buzz andere als alle anderen. Google war ein Tool, kein Feuerlager. Circles hingegen sind rund, da kommen Freunde als Gleichgesinnte zusammen und werden obendrein noch sympathisch animiert. Sozial war bei Google bislang ein Flickenteppich, der die Vernetzung der einzelnen Services untereinander extrem behindert hat, aber auch zu einer Abwertung der Menschen in der Sicht auf Google geführt hat. Genau so erklärt sich auch, warum Facebook als Layer über Android eine riesige Lücke gefüllt hat und von den Smartphone-Entwicklern immer wieder zum Verkaufsargument genutzt wird. Wir haben alle diesen Krampf lange genug ausgehalten, der aus dem nicht miteinander spielen von Facebook mit Google und umgekehrt resultierte. Die langsame Verschiebung der Lager von Facebook-Microsoft-Skype und Android-Google. Google+ eröffnet das Spiel noch ein Mal neu. + mit Facebook zu vergleichen, sich naiv Gedanken darüber zu machen ob Google+ ein ernsthafter Facebook Konkurrent werden könnte ist vor allem aber eins: eine eindeutige Ansage an Twitter: du interessierst nicht. Für Interesse muss da jetzt Apple sorgen, die wiederum via Twitter als Pipeline in beiden Feindeslagern einen Fuss haben.

Kinderkrankheiten

Natürlich ist Google+ alles andere als ein runder Entwurf. Das hakt an allen Ecken und Enden. In + fühlt man diese Disharmonie überall. (Oben Screenshot von Buzz-Followern in + die eigentlich mit + nichts zu tun haben und das im Layout auch mehr als deutlich machen. Buzz abschaffen!). Es schleppt den Schnupfen der nichtlinearen Stream-Timeline von Buzz mit sich rum. Die offenen Baustellen des immer noch nicht abgeschlossenen Übergangs von Apps für X (keine Profilseiten) führt zu schizophrenen Persönlichkeiten, bei denen auch kein Userswitching hilft (Ich bin da, aber nicht mehr lange). Die Privatsphären stehen noch auf leicht dünnem Boden (Re-sharing abschalten? Hä?). Verschiedenste Like-Funktionen in YouTube oder Reader hallen in absehbar leere Räume. Und die Frage wie man um alles in der Welt die verschiedenen Kreise zusammenbringen will ist auch noch nicht klar, aber, halt, warum nicht als Circles? Am fieberhaften Releasewahn neuer Interfaces für Gmail oder Google Calender merkt man aber deutlich, dass sich ganz Google in den +-Taumel gestürzt hat, und der wird auch mit Sicherheit noch ein paar Monate anhalten. Und wenn die Kinderkrankheiten sich nicht beheben lassen, wird Google auch ohne dass sich jemand für + gross interessiert vielleicht in Zukunft nicht mehr ganz so gerade laufen, aber verschwinden kann + nicht mehr, denn es ist schlichtweg überall verknotet.

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