Es war live und wir waren dabei

„It‘s about the people, not about the products.“ Wenn der Etsy-CEO Chad Dickerson den Kern der international mittlerweile wichtigsten DIY-Startup-Plattform versucht auf den Punkt zu bringen, dann tönt es weder grell hippiesk noch marketingschmierig verlogen. In den letzten Jahren hat sich Etsy zum Hauptkanal des handgefertigten Kleinods und liebevollen Vintage etabliert und dass es nun auch die Etsy-Labs in Berlin und dazu eine deutschsprachige Version der Webseite gibt, war selbstredend mit ein Grund, dass am vergangenen Wochenende im Berliner E-Werk die erste „Hello Etsy Conference“ stattfand.

Der Erstkontakt mit der Konferenz zu Beginn fühlt sich bereits anders an. Man erhält ein liebevolles Paket, natürlich in gesiebdruckter obligatorischer Baumwolltasche verpackt u.a. mit einem Namensbadge, das nicht aus dem typischen Plastiklaminat sondern aus einem überdimensionalen putzigen Bären aus Holz besteht, lässt auch ein bisschen alternative HipHop-Blingplakativität aufblitzen. Im touristischen Epizentrum Berlins, zwischen Bundesfinanzministerium, Trabi-Safari, Springer-Ballon und Segway-Kolonnen entsteht hier für zwei Tage eine Insel, die mit sonstigen digitalen Startup-Konferenzen nicht so viel gemein haben soll. Das mag vielleicht auch an dem hohen Anteil weiblicher Teilnehmerinnen liegen (Etsy-Stores werden zu über 90 Prozent von Frauen betrieben), an der unaufgeregten Fokussiertheit, dem Gefühl einer Community beizuwohnen, die natürlich auf der Suche nach individueller Produktivität und Selbstverwirklichung ist, aber zugleich Nachhaltigkeit anvisiert, ohne das jedoch zum primären Politikum zu machen. Den archetypischen Anti-Atom-Öko findet man hier nämlich nicht. Gerade in Berlin, wo der linksgerichtete Bio-Kommunenaktivismus den Weg zu einer besseren Welt auch immer mit protestantischen Entbehrungen in Zusammenhang brachte (Mode? No! Hedonismus? Schwierig. Business? Hmm …), zeigt die hier präsente international aufgestellte nachkommende Generation, dass Widersprüche nur eine Folge von Militanz sind. Zwischen der „Anything goes“-Philosophie des Silicon Valley, dem effizienten Voranbringen von eigenen Startups, Bioessen, Sustainabilty und dem kollektiven Handarbeitstisch der Burda (Generationsbacklash, ick hör dir trapsen) stehen keine ideologischen Barrieren sondern komplementär herumgereichte Becher mit Frozen Yogurt oder leckerer Käsekuchen. Kann man ja auch so machen.

Inhaltlich breit aufgestellt sind auch die Vorträge. Von theoretisch-visionär wie bei Douglas Rushkoffs „Ten Commands for a Digital Era“ bis pragmatisch-praktisch („Understanding Google Analytics“ oder „Introduction to product and promotional photography“). Dem Nacherzählen smarter Erfolgsgeschichten vom Kreuzberger Urban-Farming-Projekt Prinzessinengarten bis hin zum 21-jährigen Engländer Fraser Doherty, der das Marmeladenrezept seiner Großmutter ausbuddelte und nun mit seiner SuperJam über 1.000 Supermärkte in UK beliefert. Das Besondere an SuperJam: Es wird kein Zucker verwendet, die Marmeladen bestehen ausschließlich aus Obst und Fruchtsäften. Chad Dickerson von Etsy ermutigt die Zuhörer in seinem Talk zu mehr Courage im Verwirklichen der eigenen Ziele. Persönlich erzählt er von seinem Werdegang, der bei einem Studium von Shakespeare begann und später auch in einem Bankrottdesaster mündete. Wo deutsche Manager sich hinter spröden Powerpoint-Piecharts und eng geschnürter Krawattensouveränität verstecken, wird hier offen erzählt, man zeigt alte uneitle Familienfotos, die auch in diversen „Worst family photos ever“-tumblr-Blogs auftauchen könnten.

Eine Sache scheint hier immer wieder aufzutauchen. Ein Produkt, eine Firma sollte in heutigen Zeiten auch eine Geschichte erzählen können. Man darf den Mut aufbringen, eine persönliche Idee damit zu transportieren, es darf auch mal poetisch, detailverliebt oder abstrakt nerdig sein. Fernab betriebswirtschaftlicher Konventionen und Quantitätszwängen gibt das Internet heute jedem einzelnen die Chance seiner Kreativität einen Markt zu schaffen. Ein Medium ist immer das, was man daraus macht. Bleibt abzuwarten, welche Rolle Etsy dabei in Zukunft hierzulande spielen wird. Eine äußerst interessante Konferenz mit einer wirklich schönen Atmosphäre ist ihnen aber erstmal ohne Zweifel gelungen.

Eine Auswahl der Vorträge gibt es hier

Etsy.com

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5 Responses

  1. Catrin / EtsyDE

    Vielen lieben Dank für die netten Worte! Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn die Botschaft, die wir mit dieser Konferenz transportieren wollten, von den Teilnehmern positiv aufgenommen wird :)
    Bis zum nächsten Etsy Event und schöne Grüße
    vom ganzen Etsy Team!

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