"Die Playlist ist das neue Mixtape"

Mit Spotify ist nun der nächste der großen Anbieter auf dem Cloud-Musik-Markt (mehr dazu im Special unserer neuen Ausgabe, die ihr hier als Heft und da als iPad-Ausgabe bekommen könnt) gestartet. Die gesamte Crew sitzt sichtlich erschöpft aber glücklich in Berlin im Soho House und kann es noch nicht so wirklich fassen. Reflexhaft werden noch Mails verschickt, an den Rechnern in ungewohnter Umgebung weiter gearbeitet und nur gelegentlich mal kurz andeutungsweise gefeiert, wenn eine neue Meldung auftaucht. Wir vermuten im Laufe des Tages wird das immer mehr. In dieser eigenwilligen Stimmung haben wir ein Interview mit Axel Bringéus, dem – wie es so schön heißt – Director for International Growth geführt, da bis gestern ja noch Stillschweigen über den Start von Spotify gewahrt wurde, und wir sie nicht in unserem Cloud-Musik-Special unterbringen konnten.

Debug: Wie sind denn die Erfahrungen jetzt mitten im Launch.

Axel Bringéus: Wir sind erst Mal wahnsinnig froh, dass wir jetzt in Deutschland starten können. Der drittgrößte Musikmarkt der Welt, das größte Land Europas. Deutschland hatten wir schon lange im Visier und das ganze Unternehmen freut sich jetzt riesig, dass deutsche Musikfans jetzt auch Spotify genießen können.

Debug: Das war hauptsächlich ein GEMA-Problem, oder?

Axel Bringéus: Weil Deutschland so ein wichtiger Markt ist, haben wir uns ein bisschen Anlaufzeit erlaubt. Von den Selbstverständlichkeiten alles auf Deutsch zu haben bis zu den deutschen Zahlungsmethoden und deutschen Applikationen auf der Plattform. Zur GEMA können wir uns leider nicht äußern. Ich weiß, dass das ein interessantes Thema ist …

Debug: Was unterscheidet euch von den anderen Anbietern am meisten?

Axel Bringéus: Mit über zehn Millionen aktiven und drei Millionen zahlenden Nutzern sind wir der größte Streamingdienst der Welt. Im Grunde haben wir das Konzept erfunden. Das was uns auf dem deutschen Markt unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir einen komplett kostenlosen, unbegrenzten Dienst haben. D.h. als User kann man die über 16 Millionen Lieder so oft hören wie man will. Wo und wann auch immer.

Debug: Es gibt aber Werbung und Einschränkungen, oder?

Axel Bringéus: Am Anfang nein. Nach sechs Monaten kann es sein, dass es Einschränkungen geben wird. Zudem haben wir auch noch eine Plattform mit Applikationen im Spotify-Player. Redaktionelles Material von Partnern. De:Bug soll es ja auch in ein paar Wochen geben. Das würde uns extrem freuen. Unsere starke Partnerschaft und Integration mit Facebook macht den sozialen Aspekt bei Spotify auch einzigartig. Aus unserer Sicht ist Musik etwas Soziales. Man soll sie teilen, über die Freunde entdecken, nicht über irgendeinen Algorithmus. Früher haben wir Mixtapes gemacht. Jetzt ist die Playlist das neue Mixtape und man teilt sie in Spotify oder über Facebook.

Debug: Ist die sehr enge, zwanghafte Bindung an Facebook nicht auch irgendwo ein Nachteil?

Axel Bringéus: Wir wollten schon immer ein soziales Musikerlebnis schaffen und Facebook ist nun mal die soziale Infrastruktur des Internet. Mit 850 Millionen Nutzern ist das mehr als das ganze Internet vor zwei Jahren hatte. Aus dem Grund sehen wir keinen besseren Weg für Spotify. Wenn wir etwas machen, dann machen wir es, als Start-Up, zu 100%.

Debug: Zu Anfang war immer die Radio-Metapher bei Spotify und ähnlichen Cloud-Musik-Diensten im Hintergrund. Davon hat es sich aber fast vollständig gelöst. Welche Metapher würdet ihr jetzt anwenden?

Axel Bringéus: Man kann es im Grunde wie eine Bibliothek sehen, auf die man über alle Geräte wie man will zugreifen kann. Es ist ja vollständig On-Demand. Wir haben natürlich auch noch Radio-Funktionen. Wenn man ein Genre hören will z.B. oder ein Künstlerradio. Wenn man vor 16 Millionen Liedern sitzt, kann es schwierig sein sich zu entscheiden was man gerade hören will. Da gibt es drei Wege wie man die Musik entdecken kann. Über Freunde deren Musikverhalten man sieht und die Favorite-Freunde mit dem besten Musikgeschmack, über Applikationen und als drittes über Radio-Funktionen.

Debug: Spotify ist sehr stark auf den eigenen Player konzentriert. Es findet nicht als Embed auf anderen Webseiten statt. Das ist eine neue Art viraler Technik.

Axel Bringéus: Wir wollen im Grunde das Betriebssystem von Musik werden. Eine Plattform. Der Playbutton im Internet. Da gibt es verschiedene Wege. Natürlich über den Client auf dem Rechner, iPhone, Android, Smart-TV-Integration, in zwei drei Jahren wird man es im Auto haben und wir haben auch speziell auf streaming-angepasste Boxen von Sonos oder Onkyo.

Debug: Aber der Playbutton verweist eben immer auf die App.

Axel Bringéus: Ja. Wir haben keine Webplayer. Bei uns geht es da vor allem ums Buffering. Jedes Lied soll innerhalb von drei Millisekunden anfangen. Das ist manchmal schneller als wenn man auf eine MP3 klickt. Diese Qualität bekommt man in einem Client besser hin, als in einem Webplayer.

Debug: Versucht ihr damit auch die ganz großen wie Apple anzugreifen?

Axel Bringéus: Der Client ist für uns nicht Spotify. Es geht immer um die Plattform. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in der Zukunft auch einen Webplayer geben mag. iTunes ist für mich etwas ganz anderes. Streaming ist für mich das Zukunftsmodell für Musik und MP3 nur ein Zwischenschritt, auch wenn man andere Entertainmentvertikale ansieht. Alles geht um Streaming. Je besser die Onlineverbindungen werden, desto theoretischer wird auch dieser Unterschied zwischen Besitz und Zugang.

Debug: Der Unterschied zwischen Streaming und Musik als Files ist ja auch eher virtuell.

Axel Bringéus: Genau. Fragt man einen Jugendlichen der den Kauf von MP3s noch nicht so richtig erlebt hat, für den wird dieser Unterschied verschwindend klein sein. Bei uns kann man ja auch Playlists mit einem Knopfdruck in den Offline-Modus setzen und synchronisiert alle Lieder für den Fall, dass man mal nicht Online ist. Auch auf dem Handy.

Debug: Welche Länder sind als nächstes geplant?

Axel Bringéus: Deutschland ist das 13 Land. Wir haben ganz klar die Ambition überall präsent zu sein, und es gibt noch ein paar ganz große Musikmärkte auf denen wir noch nicht sind.

Debug: Japan?

Axel Bringéus: Zur Zeit größter Musikmarkt der Welt. Das ist irgendwann natürlich auch interssant.

Debug: Wie seht ihr euer Verhältnis zu den Künstlern, da gab es ja allerhand böses Feedback, nach den ersten Abrechnungen die sie bekommen haben. Die Label scheinen da glücklicher zu sein.

Axel Bringéus: Streaming ist ja ein neues Modell, da gibt es ganz klar Erklärungsbedarf und davor muss man auch Respekt haben. Das baut aber auch sehr sehr stark auf Volumen. D.h. wenn eine große Masse an Usern Spotify nutzt, dann macht es wirklich Sinn. Und wenn wir Schweden ansehen, unser erster Markt, von dem wir hoffen, dass er beispielhaft für die Verbreitung ist, da sind wir schon die größte Einnahmequelle der Musikindustrie. Wir schreiben die größten Schecks an die Label. Einer von zehn Schweden zahlt für Spotify. Wir haben z.B. Künstler wie Nomi, der nur zu Hause Musik gemacht hat und über die Anfragen in der Spotify-Community sind wir auf ihn aufmerksam geworden, haben ihm erklärt wie er auf die Plattform kommt und jetzt ist er über Spotify in Schweden zu einem Star geworden und verdient sein ganzes Einkommen über Spotify und hat seinen Dayjob gekündigt.

Debug: Es gibt aber keinen direkten Weg in Spotify zu landen als Künstler. Da muss man schon über einen Aggregator oder ein Label gehen, oder?

Axel Bringéus: Ja. Wir können nicht mit allen Künstlern in der Welt direkt arbeiten. Wir haben seit dem Start schon 200 Millionen Euro an die Industrie bezahlt und das Modell baut ganz klar auf Masse. Es gibt keine obere Grenze wie oft ein Titel monetarisiert werden kann. Wie oft man damit verdienen kann.

Debug: Gibt es für euch eine Kategorie die besonders wichtig ist? Mobile z.B.?

Axel Bringéus: Mobile ist jetzt ein ganz ganz starker Wachstumsmarkt und wird immer wichtiger. Das sehen nicht nur wir, sondern alle. Aber bislang haben wir immer auf dem Desktop angefangen und erweitern dann zur mobilen Plattform. Die Apps z.B. gibt es bislang nur auf Desktops.

Debug: Was sind für dich die interessantesten Apps?

Axel Bringéus: Ich mag besonders Konzert-Apps. Eventim haben wir da in Deutschland und ich kann immer sehen wo Musik die ich höre als Konzert stattfinden werden.

Debug: Ihr geht davon aus, das der komplette Musikmarkt sich in den nächsten fünf Jahren radikal verändern wird.

Axel Bringéus: Er hat sich ja auch in den letzten fünf bis zehn Jahren extrem verändert. Die Musikindustrie hat eine ganze Generation verloren. Spotify ist in Schweden gegründet, der Heimat von Piratebay. Eine ganze Generation, die den Respekt vor dem Urheberrecht verloren haben und nicht mehr für Musik zahlen wollten, weil sie es einfach nicht einsehen. Diese Generation wollen wir zurückgewinnen. Ein Freund hat mir gestern auf Facebook geschrieben: Cool, dass Spotify jetzt auch in Deutschland losgeht, ich werde zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder für Musik bezahlen. Das drückt es gut aus. Und es ist ja nicht nur Spotify, sondern ganz viele andere Unternehmen, die jetzt kommen. Es ist ein goldenes Zeitalter für Musik. Wir hatten vor ein paar Tagen in London eine Music-App-Day Konferenz und da wurden innovative, abgefahrene Ideen vorgestellt, die vor fünf Jahren undenkbar waren. Wir denken, dass wir mit unserer Plattform gut aufgestellt sind, dass andere mit uns zusammen an dieser neuen Musikwelt mitarbeiten.

Debug: Bislang ist die App-Entwicklung aber eher auf Einladung möglich.

Axel Bringéus: Wir sind auch erst Ende November damit gestartet. Das Ziel ist aber ganz klar eine völlig offene Plattform zu haben.

Debug: Facebook folgen.

Axel Bringéus: Ja. Wie Facebook, Amazon oder iOS das auch machen. So offen wie möglich, dass alle darauf so einfach wie möglich und reibungslos aufbauen können. Wir stehen da noch am Anfang.

Debug: Das Freemium-Modell das ihr zur Zeit anbietet, lohnt sich aber nicht jenseits des Marketing-Aspekts oder? Da kommt man doch schnell in die roten Zahlen.

Axel Bringéus: Auf die weit über drei Million zahlenden User wären wir ohne Freemium nie gekommen. Ein 18-jahriger Schüler wird nicht morgens aufwachen und sich denken, dieses Jahr zahle ich 120 Euro für Musik, hier ist meine Kreditkarte.

Debug: Es ist also eher ein Investment.

Axel Bringéus: Man kann es als Marketing sehen. Und 90 Prozent unserer Nutzer teilen das ja auch mit Freunden. Irgendwann vergisst man vielleicht seine alten MP3s oder denkt als Schüler, hey, ich war ja schon lange nicht mehr auf torrentz.com das ist doch eigentlich ganz cool und ich hätte es gerne noch auf dem Handy.

Debug: Ich vermisse ein wenig, das z.B. die Künstlerseiten in Spotify keine Facebook-Pages Anbindung haben, um so auch auf Facebook ein Feedback zu bekommen.

Axel Bringéus: Wir haben bei größeren Künstlern Biographien. Aber sind ja auch nicht redaktionell aufgestellt, das überlassen wir lieber den Apps. Innerhalb von Facebook gibt es diese Verbindung allerdings schon.

Debug: Wie groß schätzt ihr den Markt in Deutschland für euch ein?

Axel Bringéus: Wir nehmen uns das Beispiel Schweden als Vorbild. Da hat jeder dritte auf der Straße Spotify. Da wollen wir hin.

Debug: Dort wart ihr aber die ersten und lange einzigen.

Axel Bringéus: Klar, aber der Markt ist auch für mehrere Anbieter groß genug. Und wer das einfachste, unbegrenzteste und intuitivste Produkt hat wird auch die Herzen der Hörer gewinnen.

Debug: Vermutlich wird es ein Verdrängungkampf unter Freunden werden, für welche App man sich entscheiden wird, und da ist das Freemium-Modell das entscheidene Moment. Was glaubst du wieviele Anbieter Platz haben?

Axel Bringéus: Als Nutzer finde ich Konkurrenz ja immer gut.

Debug: Glaubt ihr irgendwann werdet ihr eine App entwickeln die so wichtig und groß ist, dass sie eine eigene Anwendung sein muss, ausserhalb des Spotify-Clients?

Axel Bringéus: Das ist schwer zu sagen, wir haben so viele interessante Ideen in der Pipeline. Der Deutschland-Start ist eher mal unser großer Milestone, davor die App-Plattform und da werden in der Zukunft noch sehr viele Sachen folgen, weil sich der Markt sehr schnell verändert.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

15 Responses

  1. Spotify ist da - Testspiel.de

    [...] netzwertig.com fasst die Gebührenstruktur noch einmal zusammen. [Update: Im Gespräch mit DE:Bug räumt Axel Bringéus von Spotify ein, dass es nach sechs Monaten ähnlich wie bei Simfy Einschränkungen geben [...]

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  2. Merowinger

    Leider nur mit Facebook-Zwang. Nix für mich also, da bleibe ich lieber bei Simfy.

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  3. Links fürs Wochenende

    [...] zulässig?, Im Schatten von Spotify: Rdio mit großem Redesign, Kritik am Datenschutz von Spotify, Interview mit Axel Bringéusdem Director of International Growth für [...]

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