Saint Andrews, einziger Brite im Konklave entscheidet über die Zukunft des Netzes

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Ok. Ich gestehe, ich habe mich durch die Anhörung zum Leistungsschutzrecht geprügelt. Im Livestream. Darüber soll unter Umständen am 1. März abgestimmt werden. (Mal ist es auf der Tagesordnung, mal wieder nicht, jetzt frisch ja). Und was habe ich gelernt?

Die Unkenntnis über die einfachsten technischen Gegebenheiten im Internet was “Snippets”, robots.txt, HTML, meta-tags etc. betrifft, ist grandios. Oder formulieren wir es anders: Die wissen immer noch nicht über was sie da am Freitag abstimmen. Und die in diesen Ausschuss sitzenden sind noch die Bestinformiertesten, schliesslich müssen sie ja Fragen an die Sachverständigen stellen. Und wenn sie es wissen wollen, dann tut es meist trotzdem nichts zur Sache, oder sie verstehen es nur halb und das wissenswerte wird sowieso verschwiegen.

Und die Sachverständigenrunde ist manchmal auch nicht besser. Ob man Dr. Thomas Höppner vom Bundesverband der Zeitungsverleger überhaupt als Sachverständigen bezeichnen kann, ist nach der Sitzung wirklich fraglich, denn alles was er zum Thema beizutragen hat sind Vermutungen. Bzw. Empfehlungen wie diese, dass Suchmaschinen doch bei ihren Ergebnissen schon mit der URL klarkommen sollten, da stünde doch heute auch schon oft der Inhalt drin, höchstens aber die Title-Definition verwenden dürften. (Warum überhaupt so ein Hinweis an Google zustande kommt, was sie in Zukunft zur Vermeidung der Zahlung eines fiktiven Leistungsschutzrechts tun müssen ist uns ein Rätsel).

Wer sich wirklich mal die Mühe macht, Google News anzusehen, hält kaum aus um was hier so ein Wind gemacht wird, dass man nicht nur monatelang heiss drüber diskutiert, sondern auch noch massiv Beamte belästigt. Ein einfacher Blick auf den Screenshot (s.o.) der Head-Headline des bösen Google News Aggregators.

Nach Höppner-Variante Eins sähe das Google-Ergebnis so aus:

http://www.sueddeutsche.de/panorama/nach-belaestigungsvorwuerfen-schottischer-erzbischof-obrien-tritt-zurueck-1.1609174

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-02/kardinal-schottisch-ruecktritt

http://www.n-tv.de/panorama/Kardinal-tritt-zurueck-article10189301.html

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/konklave-kardinal-keith-o-brien-soll-priester-belaestigt-haben-a-885301.html

Klar, nutzerfreundlicher geht kaum. Die von ihm gerade noch so eingestandene Variante Zwei würde uns folgendes Ergebnis liefern.

Belästigungsvorwürfe: Erzbischof von Edinburgh tritt zurück – Panorama – Süddeutsche.de

Belästigungsvorwürfe: Schottischer Kardinal tritt zurück | Gesellschaft | ZEIT ONLINE

Nach Vorwürfen sexueller Belästigung: Kardinal tritt zurück – n-tv.de

Konklave: Kardinal Keith O’Brien soll Priester belästigt haben – SPIEGEL ONLINE

Schon besser. Man beachte die Abweichung vom Title-Tag zum Titel des Artikels bei Google, denn Google holt sich den Titel lieber via h2 tag. Und jetzt, worüber streiten wir?

“Er sollte der einzige Brite im Konklave sein: Doch nun ist der Erzbischof von Saint Andrews und Edinburgh, Kardinal Keith O’Brien, zurückgetreten. Es kamen Vorwürfe “unangemessenen Verhaltens” gegenüber Glaubensbrüdern auf. Der oberste Katholik in …”

Wir reden also einzig und allein über die mögliche geistige Leistung eines Zweizeilers der normalerweise weitestgehend die Headline wiederholt und vielleicht noch eine marginale Zusatzinfo hat. “Saint Andrews, einziger Brite im Konklave.” Genau wegen dieser Info soll also ein höchst problematisches viel sympathische Rechtsunsicherheit schaffendes Leistungsschutzrecht etabliert werden? Das war alles?

Btw. Wer sich den Quelltext der Seite mal ansieht, ist übrigens verblüfft mit welcher Akribie hier die verschiedensten Descriptions für verschiedene Zwecke von der SEO-Maschine rausgefeuert werden. Wir fanden:

Der Erzbischof von Edinburgh, Kardinal Keith O’Brien, ist zurückgetreten. Er stolperte über Vorwürfe “unangemessenen Verhaltens”. (z.B. als selbstgeliefertes Open Graph Snippet)

Kardinal Keith O’Brien, Erzbischof von Edinburgh, ist nach Vorwürfen “unangemessenen Verhaltens” zurückgetreten.

Er sollte der einzige Brite im Konklave sein: Doch nun ist der Erzbischof von Saint Andrews und Edinburgh, Kardinal Keith O’Brien, zurückgetreten. Es kamen Vorwürfe “unangemessenen Verhaltens” gegenüber Glaubensbrüdern auf. (im Adsense Plista Widget)

Warum fragt man sich, sitzt eigentlich kein SEO-Enthusiast in dieser Sachverständigenrunde zur Verminderung des Scheinheiligenkoeffizienten.

Prof. Dirk Lewandowski von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften geht – wie glücklicherweise nicht die Süddeutschen Webmaster z.B. davon aus, dass man (wie es bei Twitter sein mag, aber nicht wenn man auf einen Twitter-Button klickt zum sharen) auf Facebook seine Snippets selbst einträgt (wir empfehlen ihm einen Open Graph 101 Nachholkurs).

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten aber sind es wirklich die Fragen der Parteien, die einen manchmal an der Demokratie zweifeln lassen. “Kann man denn einem Google Bot erlauben auf eine Webseite zuzugreifen, einem Google News Bot das aber verbieten?” war in dem Zusammenhang noch eine der am wenigsten naiven Fragen. Ernsthaft man musste sich ellenlang anhören wie ein robots.txt denn so funktioniert nur um den Fragen dann im weiteren zu entnehmen, dass nicht nur kein Mensch sich selber informiert hat sondern keine die Antwort wirklich Zur Kenntnis genommen hat. Bekommen die kein FAQ für Gesetzesentwürfe?

Und zu wirklich strittigen Fragen, nämlich der Grundannahme auf Seiten der Befürworter des Leistungsschutzrechtes, auf der tatsächlich diese Gesamte Diskussion fusst, die Leute würden mit der Google News Seite schon so viel News bekommen, dass sie die Newsseiten gar nicht mehr lesen würden, gab es auf keiner der beiden Seiten eine Antwort.

Google: Wir schicken Milliarden zu den Newsseiten.

BDZV: Wir wissen nicht wie viele sie nicht zu uns schicken.

Es ist irgendwie erschütternd. Aber das beste kam zuletzt: Kein Mensch kennt den aktuellen Entwurf des Leistungsschutzrechtes sondern nur die Vorabfassung vom 14.11.2012.

Die Abgeordneten werden also (vielleicht) am Freitag über folgendes Grundproblem des Internet zu entscheiden haben. Hält “Saint Andrews, einziger Brite im Konklave” die User davon ab eine Zeitung online zu lesen und führt somit zum Ende unserer gewohnten Institutionen wie freie Presse und Journalismus, und ist dieser Effekt so groß, dass man dafür das Urheberrechtsgesetz ändern muss und im Netz überall neue Fallen und Einflugslöcher für Abmahnwesen auf- und erstellen soll, wohlwissend, dass Google ohne große Verluste auf diesen Quatsch verzichten kann. Das und nichts weiter ist es worum es beim Leistungsschutz recht geht. Wir wünschen den MdBs eine fröhliche Stunde am Freitagmorgen.

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Editor, Reviewweltmeister, Hobby-SysAd, Druckerflüsterer und Ähnliches.

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