Raus aus dem gedruckten Luxus und der digitalen Zwangsjacke?

Es musste ja eigentlich so kommen. Kurz vor der Bundestagsdebatte (wann immer die nun genau sein soll) mischt sich Google selbst in die Leistungsschutzdebatte in Deutschland ein und gibt einem ein paar vorgefertigte Argumente in die Hand warum das scheiße ist. Finden wir ja auch. Aber der Zeitpunkt – mitten in der großen Zeitungssterben-Debatte – könnte natürlich schlechter nicht sein.

Die Zwickmühle, in der Verlage stecken, geht uns selber ständig auf die Nerven. Unser täglichen Brot sozusagen. Digitale Einnahmen sind zu mau um irgendwas wirklich bezahlen zu können und bis hin zu den ganz großen Verlagen fahren eigentlich fast alle (Spon, vielleicht noch Die Zeit mögen da eine Ausnahme sein) mit ihren Online-Angeboten rote Zahlen. Wenn ihnen die Texte und Recherchen aus dem Print noch fehlen würden, dann wäre das sowieso nix mehr und nähme man dann noch die endlosen auf allen Seiten immergleichen Pressemeldungen aus den Nachrichtenagenturen weg, dann ist vermutlich Flaute angesagt, denn originäre Artikel online sind auch nicht gerade der Normalfall.

Kein Wunder, dass die, die es sich leisten können, die Großverlage, längst in andere digitale Unternehmungen investieren, wenn auch nicht immer mit großem Geschick. Hinzu kommt, dass die Werbebranche immer stärker aus Print auswandert und sich Online zuwendet, verschärfend noch, dass sie dort mehr und mehr vor allem auf Google oder Facebook setzen, weil diese Art Online-Werbung Pay-per-Click basiert ist, nicht etwa auf reine Sichtbarkeit der Werbung (auch wenn Facebook da gerade was dreht). Warum noch? Besser überprüfbar, viel mehr Reichweite, zielgenaues Targeting, etc. etc. Werbung ist nämlich, anders als Zeitungen, längst ein hochdigitales Medium.

Man redet also gerade gerne davon, dass gedruckte Zeitungen bald ein Luxus sind, nicht nur für die Käufer, die ja im Netz eh schon genug Informationen und Unterhaltung finden, sondern vor allem auch für die Verlage, nur was die andere Seite des Luxus sein soll, wie er refinanziert werden will, ist völlig unklar. Egal wie man es dreht und wendet, es sieht überhaupt nicht gut aus dafür, mit Zeitungen und Texten in gedruckter Form Geld zu verdienen. Mit digitalen Texten Geld zu verdienen ist aber alles andere als einfach und man darf das gerne als als vergleichsweise unwahrscheinlich bezeichnen.

Die Reaktionen sind natürlich klar. Erstens: Google ist böse weil internationaler Konzern, der “nix leistet” nur andere kopiert und damit Geld absahnt, parasitärer Haufen, Anti-US-Stimmung gibt’s als Sahnehäubchen obendrauf. Zweites: Die Verlage haben keine Ahnung vom Internet, sind ‘ne oldschool Industrie, wollen wiederum parasitär an den erfolgreichen Geschäftsmodellen der Internetgiganten mit Hilfe der Gesetzgebung teilhaben. Stimmt beides so halb. Natürlich wollen die einen ein freies Internet in dem nicht an jeder Ecke blöd ne halbe Mark abgesahnt wird, damit so basale Funktionen wie “Suche” überhaupt noch funktioniert, und vor allem kein Internet für Anwälte und Abmahn-Industrien, die anderen sehen – wie schon mal durchexerziert – einen Rauswurf der Verlage aus dem Google-Index und damit das Ende eines wenigstens halbwegs verlässlichen Besucherstroms für die Anzeigen.

Und dann fragt man sich warum nicht Facebook mindestens ebenso mitzahlen sollte, und kein Mensch weiss – ist bei ungeschriebenen Gesetzen so – wer überhaupt was an wen zahlen soll, kurzum, das ganze ist ein Riesenschlamassel von dem man am liebsten die Finger lassen möchte. Vertrauen auf die Gesetzgebung und ihr tiefes Verständnis des Netzes kann man ja nun wirklich nicht voraussetzen. Und eigentlich kann man, wenn man damit eine Weile lang zu tun hatte, keins der Argumente von keiner Seite mehr hören, weil das alles nur noch nervt. Weghören ist auch blöd. Und natürlich stehen sich hier verschiedenste Industrien aber auch Kleinstinteressen gegenüber, die alle hilfesuchend und unbeholfen in der großen Wandlung unserer Medienwelt entweder das Gefühl haben überfahren zu werden, ergo um sich schlagen, oder jemand über den Tisch ziehen wollen, notfalls mit Merkels Hilfe.

Gibt es überhaupt irgendeine logische und für alle sinnvolle Lösung da wieder rauszukommen? Vermutlich nein. Denn die Positionen sind verfahren, die Totschlagargumente auf beiden Seiten angesetzt, und eine innovative Lösung überhaupt nicht in Sicht. Kein Mensch redet davon z.B. von Verlagsseite aus Google Konkurrenz machen zu wollen, mit einem eigenen gemeinsamen Suchangebot, obwohl die Drohung aus dem Index zu verschwinden auf dem Tisch liegt. Kein Mensch hat eine Ahnung wie man Print retten sollte, und mehr noch, wie man den Journalismus als solchen (der hat ja in Teilen immer auch was gutes) retten könnte, und es gibt einfach absehbar jenseits des guten haptischen Gefühls auch keinen strukturellen Vorteil von Print.

Im Kampf der Umsonst-Inhalte gegen zu bezahlende hat man obendrein weitestgehend keine Chance, ausser man sitzt z.B. auf Öffentlich Rechtlichen Töpfen, oder klamüsert sich irgendwelche On-Demand-Phantasien zurecht. Wir sehen bei Print genau das was wir bei Musik die ganzen Jahre über bis ins Detail haben beobachten können, ein Spotify für News gibt’s trotzdem nicht. Gegen das Internet hat die klassische Warenwelt bei digitalisierbaren Inhalten nicht nur keine Chance, sondern nicht mal halbwegs vernünftige Übergangsmodelle anzubieten. Warum? Weil im Netz natürlich Masse bestimmt, schliesslich liegt da ja die Verheissung von einer weltweiten Öffentlichkeit auf dem Tisch, in klassischen Distributionswelten ist hingegen alles systemisch begrenzt wie Hölle und schlimmer als ein Eingriff in die Netzneutralität.

Die eigenen sozialen Netzwerk-Bemühungen der Verlage (VZ anyone?) sind eh schon den Bach runter. Es ist völlig absehbar, das Luxus Print in Zukunft immer mehr heißt, dass es hauptsächlich werbefinanzierte Blätter jenseits des Ultraboulevards überhaupt nicht mehr geben wird, über die Leser finanzierte Zeitungen sind, einfach weil Leser ihr Geld lieber, ähnlich wie Musikhörer, für ganz anderes ausgeben, auch eher unwahrscheinlich. Und nu? Crossfinanzierungen, Nebenjobs, Journalismus als teures Hobby? Die Blogsensationen sehen wir hierzulande jedenfalls ebenso wenig wie einen kurfzristigen Aufstieg eines alternativen Newsmediums für sagen wir mal Auslandskorrespondenten oder politische Hintergrundberichte jenseits von Special Interest.

Wir sollten uns verabschieden von den generalisierten News-Quellen. Vom Allgemeinwissen, vom gesellschaftlich halbwegs über alles aufgeklärten Bürger. Von der Idee eines Landes, das einen Strom eigener Themen, eine Volksmeinung, oder wenigstens Volksmemes hat. Vom Tatort. Warum auch nicht? Fasst mal die Spiegel.de Überschriften von heute zusammen: Turbo-Abiturienten, Griechenland-Paket, Brand in Behindertenwerkstatt, Schokoladenfirmen vs. Stiftung Warentest, Bakterien in der Antarktis, Führerscheinregeln, Boxkampf, Managertips usw. Das hat vorne und hinten keinen Zusammenhalt. Vermischtes stirbt aus. Dafür ist Facebook zuständig würden wir sagen. Alles andere wird es verdammt schwer haben. Die wenigen Medien, die Massen generieren können, oder eine Simulation dessen was Massen mal waren, sind im Zweifelsfall das perfekte Futter für die viralen Ausnahmezustände, die schon jetzt aus so was wie Wankelmut einen Nr. 1 Hit machen können, mehr aber auch nicht.

Die Zeit fragt wie guter Journalismus überleben kann, und kommt zu keinem Schluss, Schirrmacher fragt sich wie eine Gesallschaft ohne guten Journalismus überleben kann und wagt ein “gar nicht”. Wir glauben nicht Journalismus aber Journalisten werden überleben. Als halsbrecherische Ein-Mann/Frau-Unternehmungen mit obskursten Finanzierungswegen und endlosen Nebenjobs in einer Medienlandschaft die nicht die geringste Ähnlichkeit mit der hat, die wir heute sehen. Vielleicht nicht als Hobby, aber als unausrottbare Leidenschaft. Ob mit oder ohne Medienindustrie, ist nicht die Frage, sondern an welchen Positionen innerhalb der multinationalen Medienkonglomerate und in welchen möglichen Zusammenschlüssen.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

3 Responses

  1. markus

    Da hätt’ ich jetzt glatt auf den flattr-button geklickt, wenn ich ihn gefunden hätte…

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  2. carsten

    sehr guter, aber leider auch sehr wahrer artikel. für die nächsten 5 jahre seh ich echt schwarz. und zwar für alles digitale: ebooks, musik(sowieso), journalismus… später kommt noch produktdesigns durch 3d-drucker hinzu.
    vielleicht gibt es danach wege, das ganze wieder irgendwie rentabel zu machen. es muss sich etwas ändern. aber das fängt vorallem bei den usern an, die auch mal für inhalte zahlen müssen.

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