Web 2.0 Musik Pt.1

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Seitdem es digitale Plattenläden gibt, träumt man davon einen zu finden, bei dem einfach alles stimmt. Seitdem sie wirklich populär geworden sind, arbeiten einige auch daran, dieses Bild zu erfüllen. Web 2.0 Techniken haben daran glücklicherweise mittlerweile einen großen Anteil. Die bekanntesten – jenseits von Clubmusik – haben bislang alle noch den nahezu völlig diskreditierenden Nachteil DRM-Musik zu verkaufen. Meist auch noch in einer Audioqualität, die man im Club sowieso nicht, zuhause nur unter Einschränkungen benutzen kann, oder mag.

Bei den gängigen Shops für Clubtracks ist das glücklicherweise immer schon anders gewesen. Die Vorarbeit kam hier von Bleep, Kompakt und einige andere Vertriebe zogen nach, und mit Beatport hat sich mittlerweile auch einer etabliert, der weltweit die Standards setzt. Doch gerade jenseits dieser bekannteren Shops gibt es welche, die sich mit frischen Funktionen und brillanten Ideen zu einer das Business belebenden Plattform entwickelt haben. Eins der besten Beispiele dafür dürfte wohl der Neomusicstore sein, weshalb wir ihn hier mal unerwartet ausführlich beschreiben.

Auf den ersten Blick sieht Neo ein wenig so aus wie der klassische Großhändler für Downloads. Doch hinter der visuellen Enttäuschung lauern einige überraschende Funktionen die man sich, wenn man mit den Bequemlichkeiten von Web 2.0 groß geworden ist, in allen anderen Shops wünscht. Und, Neo hat vor allem ein Gespür dafür, was man sowohl als Label, Künstler, als auch als Käufer von einem digitalen Downloadshop erwartet.

Verkaufe Alles
Natürlich verkauft Neo MP3, MP4, AC, Flac und Lossless Downloads, das Format bestimmt hier das Label oder der Künstler ebenso selbst, wie den Preis. Doch zusätzlich zu den Downloads kann man über den Shop Merchandise ebenso verkaufen wie Tickets zu Partys oder Gigs, und sogar Schallplatten und CDs lassen sich, wenn man will, über den Store verkaufen. Statt sich also auf ein Format in einer Bitrate zu beschränken, sind dem Label oder Künstler hier alle Freiheiten überlassen, und die Qual sich für die verschiedensten Dinge die man verkaufen möchte ständig einen neuen Shop zu suchen oder zusammenzucoden sind damit endgültig vorbei.

Doch damit nicht genug, denn zusätzlich zu den Einzelverkäufen lassen sich auf Neo auch noch ganze Serien von Tracks verkaufen. Die dafür genutzte Technik sind Podcasts, was einem Käufer auch noch den lästigen Downloadprozess erspart. Beispiel: Wer ein Label hat, das z.B. eine Serie von Releases veröffentlicht, kann von Anfang an dieser Serie einen bestimmten Preis geben, und für alle Fans werden die Tracks in der üblichen Podcastsoftware dann automatisch bei Release übertragen. Wer wirklich abhängige User hat, und davon auch noch eine ganze Menge kann sich sein Label im glücklichsten Fall so sogar vorfinanzieren.

Aber auch für andere Funktionen wird im Neo-Store RSS und die Podcasts benutzt. Um neue Releases von einem Label oder Künstler anzukündigen z.B. oder den Subscribern der Releasefeeds Bonustracks zu schenken, aber auch – und das ist einfach genial – um Tracks einzukaufen. Statt wie üblich Tracks in den Warenkorb zu legen, um sie dann irgendwann einmal über die Kasse runterzuladen, addiert man sie hier einfach zum eigenen Podcast und spart sich den Downloadprozess, da der automatisch mit dem eigenen Podcast funktioniert. So kann man übrigens auch, sollte man z.B. einen speziellen Rechner für seine DJ-Sets haben, aber sonst an einem anderen, und woanders arbeiten, überall einkaufen, die Tracks landen immer da wo man sie braucht.

Promo 2.0
Kein Wunder, dass, wenn man erst einmal so anfängt, die Überlegung bei Neo nahe lag, doch gleich auch Promoarbeit zu erledigen. Und das tut das System auf eine Weise von der viele Labels heutzutage einiges lernen könnten. Bislang funktionieren Labelpromos normalerweise über einen eigenen Emailverteiler, dorthin schickt man eine Mail mit einer URL für einen meist passwortgeschützten Bereich auf der eigenen Webseite und hofft dass all das auch ankommt. Im schlimmsten Fall erledigt man so etwas sogar über YouSendIt oder ähnliche Services. Hier geschieht (neben den natürlich auch integrierten Mailfunktionen) alles über den Podcast. Aus dem großen Pool der User sucht man sich einfach die aus, die Promos bekommen sollen, und schon sind die Tracks in deren Podcast. Feedback zu den Tracks landet dann auch automatisch (natürlich hat das Label hier die Möglichkeit das Feedback zu editieren) auf der Webseite des Tracks, und so weiss man z.B. wie Laurent Garnier die neue Brique Rouge Ltd findet. Das kann schon mal bei einer Kaufentscheidung helfen, oder einem zumindest vermitteln, dass man vielleicht doch noch mal genauer in den Track reinhört.

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Die Previews sind übrigens hier nicht wie bei den meisten Shops kurze 30 Sekunden Schnippsel, sondern meist der gesamte Track. Und damit man bei der eigenen Promo auch den Überblick nicht verliert, erhält man als Label eine Übersicht, wieviele Tracks von den Promos auch wirklich runtergeladen wurden.
Zu allem Überfluss hat man dann auch noch eine eigene Profilseite mit den eigenen Kommentaren zu Tracks und natürlich Freunden ganz ähnlich wie bei MySpace und man kann sogar den Feed des eigenen Blogs automatisch einfliessen lassen.

Offen und Fair
Der Prozess in einem Downloadshop Tracks zu verkaufen, kann gelegentlich schon mal anstrengend sein. Man muss mit dem Shop verhandeln, oder darf eh nur auf Einladung mitmachen, ein Label muss man aber bei den meisten sein, oder man wird erst gar nicht beachtet. Doch der Neo-Store steht allen Musikern eben so offen wie den Labeln. Und dabei unterzeichnet man keinen Knebelvertrag, sondern ist nicht exclusiv und kann jederzeit auch wieder aussteigen. Die Preise um mitzumachen sind obendrein auch noch ziemlich fair. Es gibt drei verschiedene Varianten, die man sich, je nach dem vieviel man zu verkaufen glaubt, aussuchen kann. Als Newcomer bezahlt man 1 Euro pro Monat und überlässt dem NeoMusicStore 30 Cent pro Verkauf, als Initiierter sind es 3 Euro pro Monat und 20 Cent Komission, und für Etablierte sinkt die Kommission des Shops bei 6 Euro Gebühren im Monat sogar auf ziemlich sensationell niedrige 10 Cents. Ein Break-Even schon (geht man mal von 1 Euro pro Track) nach dem dritten verkauften Track ist für einen Downloadshop schon ziemlich sensationell, aber besser noch, denn anstatt lange zu warten, bis man mal eine überweisbare Menge an Gewinn gemacht hat, bezahlt der NeoMusicStore sofort auch den kleinsten Betrag via PayPal. (Bezahlen lässt sich übrigens nicht nur mit Kreditkarte und Paypal sondern auch via SMS).

Die Bedenken, dass man, ist man erst mal bei einem Downloadshop, darauf vertrauen muss, dass der schon gut läuft, weil man auf der eigenen Seite (Beatport ist hier eine der wenigen Ausnahmen, in den USA auch Snocap, die aber verlangen immerhin 50% Kommission) bestenfalls zum Downloadshop verlinken kann, zerstreuen sich bei Neo glücklicherweise schnell, denn verkauft man Tracks auf Neo, hat man (neben den schon erwähnten RSS und Podcast-Funktionen) nicht nur einen Shop den man auf die eigene Seite machen kann, sondern auch sein eigenes kleines Storewidget, das sich mit einfachem Copy-Paste auf die eigene Webseite und auch bei MySpace und ähnlichen Seiten einpflegen lässt, und obendrein auch noch konfigurierbar ist wie man will.

Neo Music Store - Independent Music with no DRM

Für alle zugänglich, selbst wenn man keine Musik zu verkaufen hat, sondern z.B. nur in seinem Blog darüber schreibt, ist obendrein ein Affiliate-Programm mit Bannern, Shop (z.B. eine Labelshop zu einer Besprechung des Labels, komplette Genre-Stores, bis runter zu einzelnen Tracks), Text Links, Suchbuttons oder RSS, an dem man, kauft jemand über den eigenen Link einen der Tracks, 5% mitverdienen kann. Und auch hier geht Neo einen Schritt weiter als die meisten üblichen Affiliate-Programme, denn über die Nutzung von Cookies, verdient man sogar noch die nächsten 30 Tage daran, sollte jemand später Tracks in dem Shop einkaufen, und in der Zwischenzeit nicht über einen anderen Neo-Affiliate gestolpert sein.

Fazit: NeoMusicStore macht nahezu allen anderen Shops in fast jedem Bereich (Preise, Zugänglichkeit, Web 2.0 Integration) etwas vor. Die einzigen Nachteile, die ich bislang im Store gefunden habe ist die gelegentlich etwas umständliche Navigation, diverse Probleme mit Login-Verhalten, und die durchaus noch an einigen Stellen verbesserungswürdige Verzahnung der einzelnen Bereiche. Generell aber ist NeoMusicStore schon verdammt nah dran am Traum von einem perfekten Downloadshop, stellenweise ist er sogar schon weiter als man es sich selbst erträumt hätte.

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Web 2.0 Musik ist eine wöchentliche Serie von Texten über Web 2.0 und Musik und entsteht in Kooperation mit “Times Square – Der Raum auf Zeit für Firmenpräsentationen”, einer Präsentationsplattform für Web 2.0 Firmen der kommenden c/o pop)

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

7 Responses

  1. equinox

    wow. das klingt ja fast zu perfekt…micht juckts in den fingern. gleich mal rübergeklickt…

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  2. rob

    …bleibt das problem für itunes-nutzer, dass tracks, die per podcast geladen werden, nicht in der library auftauchen. eine “verbesserung” die glaube ich mit itunes 7 eingeführt wurde. zumindest auf dem mac hab ich noch keine möglichkeit gefunden, den “podcast”-tag wieder aus dem mp3 zu entfernen.

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  3. Q-BEE

    Unglaublich. Gerade neulich gedacht, dass es sowas in der Art eigentlich mal geben müsste. Beatport ist alles andere als Best Practice, sondern einfach bislang konkurrenzlos und mit dick Testimonial Werbung angeschoben.

    Bei einem ersten Test gerade hatte das System aber heftige Performance Probleme.

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  4. neunetz.com

    [...] Das De:Bug-Blog stellt mit dem Neomusicstore sehr ausführlich einen interessanten Musikdownloadshop vor. Der sieht zwar extrem hässlich aus, bringt aber ne Menge nützlicher Features mit. [...]

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  5. Sylvain

    Thank you for this complete review, the most complete I’ve seen to date, and a reason that now makes me ashamed for not being able to read German despite 5 years of it in school (maybe we should also translate NeoMusicStore in German). I’m especially happy that you went deep in the features that makes it different from the other music stores, because we’ve never wanted to build a copy of other successful stores, but rather listen to label managers demands and try to imagine what could be relevant for the customers…

    We’re aware that we still have some progress to do, and we now focus on extending the catalogue, enhancing the login/payment process, and also the performances (most pages are cached for a few days, so hopefully the page you visited Q-Bee are faster now for all other visitors :p).

    We’ve never claimed we were Web 2.0, so users may tell we’re not… but from my understanding Web 2.0 is foremost letting users (here labels and artists) have a better experience of the web, by really benefiting from it… and I think we achieve this with NeoMusicStore

    Sylvain, NeoMusicStore.com

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