Selbst im Kapitalismus war der Kapitalismus noch halbwegs einfach. Jemand stellt was her, andere kaufen das, mehr Hersteller sorgen für mehr Vielseitigkeit, Kunde hat die Qual der Wahl (Selbstjustiz durch Fehleinkauf). Beispiel: Küchenradio. Ist eins erfolgreich, gibt es gleich viele, alle stehen friedlich im Laden nebeneinander, können u.U. marginal verschiedene Dinge und haben verschiedene Preise – möge das attraktivste, billigste, beste Angebot (oder das mit der meisten Werbung, der buntesten Verpackung, etc.) gewinnen. Ihr wisst schon, freier Markt und so. Profitieren wir alle von. War zwar so nie wirklich wahr, fand so nie wirklich statt, war aber für die meisten Konsumenten auch nie sonderlich zu hinterfragen, ja, sogar ganze Parteien, Regierungen, Weltherrschaften der Globalisierung bauen ihr Existenzrecht auf Ähnlichem Simplifizierungsmumpitz auf. Doch diese lustig-vielseitige Warenwelt bekommt langsam Brüche. Das Problem: die Dinge die wir kaufen werden viel zu intelligent. Zwar könnte man immer noch behaupten, das in endloser Zeit irgendwann eine Horde Affen ein iPhone zusammenbauen könnten, Firmen wie Apple, Samsung, HTC, Sony, Motorola, Google, Microsoft usw. ad infinitum (Unendlichkeit hier in Bezug auf einen beliebigen Aktienindex in dem man schon vorhanden sein sollte um mitzuspielen), Hacken zur Zeit ihren jeweiligen Affen aber gehörig die Hände ab. In einer Geste die uns vermutlich sagen will, das Intelligenz nur in die Taschen weniger spielen darf, verklagt eine Firma in einer Art endlosem Stellungskrieg die nächste bis es zu so wundervollen Schaubildern wie dem oben vom derzeitigen globalen Mobil-Patent-Streit kommt, das eher einer vorsinflutlichen Schaltkreisskizze gleicht.

Regalflächen waren immer schon ein hart umkämpftes Gut auf dem kapitalistischen Markt, selten aber wurden dabei so fadenscheinige Dinge (Bestechung war da doch viel ehrlicher) wie Software-Patente in Anschlag gebracht. Apple verbietet Samsung den Verkauf von Smartphones aufgrund ulkiger Patente in diversesten europäischen Ländern, Samsung haut in Blogs gefundene Bilder von Kubriks 2001 Tablets in realen Gerichtshöfen Apple-Anwälten auf die Ohren, all das sind nur die blumigsten Beispiele der letzten Zeit. Das ist alles nur der Anfang. Denn wir können damit rechnen, dass Dinge die wir in Zukunft kaufen, blöderweise eher intelligenter werden, ergo mehr Software haben, ergo von mehr fadenscheinigen unsichtbaren Patenten durchzogen sind, die an den merkwürdigsten Ecken dazu führen werden, dass Dinge einfach nur noch partiell kaufbar sind. Für die kurze Zeit, bis ein Anwalt aufgewacht ist, ein Patentamtsmitarbeiter einen Stempel gehoben hat, ein Richter endlich in seine wohlverdiente Rente will. Rasante technologische Entwicklung strömt aus allen Ecken und Enden auf steinalte Gesetze, völlig überarbeitete Mitarbeiter der Bürokratie, Politiker die von nichts eine Ahnung haben (Ein Fax? Wie geht das? Ist das Magie?) und nehmen unsere gute alte Konsumwelt aus den merkwürdigsten Winkel ins Visier. Es mag nur ums Einkaufen gehen, aber das kann dennoch höchst unangehm werden.

Beispiel: Stellen wir uns vor ein neues unsinniges Kaffesystem (Kapseln? WTF?) hat alle anderen Systeme von den Regalen verdrängt (ja, Konsumenten sind echt nicht die Schlausten). Irgendwem fällt plötzlich auf, dass das Kapsel-Patent eigentlich ein schlummernder Trojaner war, und jetzt von einer chinesischen Firma eingelöst wird durch einstweilige Verfügungen. Alle Kapsel-Maschinen verschwinden. Andere werden längst nicht mehr hergestellt. Die letzten Reste der Kaffebestände werden weggeschmissen, der Kaffeeweltmarkt bricht zusammen, Verzweifelte Abhängige schneiden die Rest-Kaffeekapseln zuhause auf, um sich rezeptfrei einen türkischen Mokka zu brauen und die Krankenhäuser haben einen immensen Zulauf an Schnittwunden und Verfrühungen. Moment? Ihr fragt euch warum der Pateninhaber dann nicht mit seinen Kaffeemaschinen den Weltmarkt überschwemmt? Genau. Die verwendete Software in seinen Kaffeemaschinen wurde im Gegenschlag von von irgendwelchen Kaffeesüchtigen Nerds einer an sich unbeteiligten Firma durch Generalprogrammierstreik zur Chefsache in der Rechtsabteilung eben dieser unbeteiligten Firma erklärt. Kollateralschaden: 100.000 Kaffeebauern nagen hyperkoffeiniert am Hungertuch. Das Beispiel mag hier und da nicht ganz aufgehen, ist aber bei dezent komplexeren Dingen nicht nur ein Gedankenspiel. Es ist ja nicht so als würden nicht schon jetzt bspw. in Afrika massenweise Menschen sterben, weil die Pharmapatente ihren Staatswirtschaften den schwarzen Arsch in der Hose wegklagen, wenn sie plötzlich auch noch Pharmapiraten werden wollen.

Im Grunde sollte man ohne Patentrechtsanwalt mit mindestens einer Spezialisierung in Natural-User-Interfaces-Futures überhaupt nicht mehr einkaufen gehen, wer weiß, ob der Toaster mit dem nächsten Softwareupdate überhaupt noch ans Stromnetz darf? Der größte Witz überhaupt. Natural-User-Interfaces patentieren. Menschen machen Dinge natürlicherweise so, ist mir als erstem aufgefallen, meins. In der neuen digitalen Welt der Patente (Himmel, ja, nicht vergessen, die Nanobiotechnologen der mimetischen Werkstoffe die da noch alle auf uns zukommen) ist die Evolution ein endloser Inspirationsquell für Klagewellen und den unsichtbaren Fickfinger des freien Marktes. Was früher in der weiten Ferne der Bio-Patente, Pharmaindustrien etc. lag, betrifft jetzt unseren Konsum-Alltag. Deshalb sind Patente auf ein Mal so ein rasantes Internetthema, das eigentlich nur noch von Kätzchen an Relevanz übertroffen wird. Warum? Die sind einfach futuristischer, denn es ist durchaus absehbar, dass die Genpatent-Abteilung von Sanrio schon längst vorbereitet ist für die Zeit, in der jedes Schnurren ihrer erfolgreich in die weltweite Katzenpopulation eingeschleusten Genstränge durch zielgenaue Aktivierung eines Retrovirus zu einer Lizenzzahlung verpflichtet, denn sonst hat es sich weltweit ausgeschnurrt. Ja, Sanrio nimmt auch Coupons ihres Markenstreus als Währung an, schließlich ist der Dollarkurs ja seit 2071 zur Weltwirtschaftsrettung direkt an die Riostreucoupon-Währung (im Volksmund liebevoll Riominrinbibi genannt) gekoppelt worden.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

6 Responses

  1. Christian

    “Selbstjustiz durch Fehleinkauf” – ich glaub das T-Shirt (Force Inc., wenn ich mich recht entsinne) liegt auch noch in einer Schrankschublade bei mir … 

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  2. Joschi

    Gemialer Artikel. Und echt schockierend wie Konsumenten zu hirnlosen, George Clon Verbrauchern mutieren und doch tatsächlich in Nespresso Filialen pilgern und wahnwitzig überteuerte Kapseln kaufen UND sich von EINEM Anbieter abhängig machen, der nichts anderes im Sinn hat als a) jegliche Kaffeekultur und andere Anbieter zu zerstören und b) mit seiner Marktmacht und Werbekostenzuschüssen Konkurrenten im Regal einfach verbietet… Bin zu wütend und enttäuscht um weiterzutippen. Die die’s anginge schauen eh grad “Desperate Houswifes”

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