Alternativlos schizophrener Liberalismus

Mathias Döpfner antwortet Eric Schmidt heute in der FAZ. Es geht um die Angst vor Google. Eine Angst, die er im Verhältnis zum Profit, den Springer mit Google macht, als mal schizophren (Aussensicht), mal liberal (seine vermutlich), oder als “alternativlos” (in Kanzlersprache) beschreibt.

Über die Angst vor Google hören wir seit Jahren. Die Datenkrake! Neu ist vielleicht, dass der Springer-Chef freiwillig die eigene Abhängigkeit seines Konzerns von Google zugibt und tatsächlich das Prinzip Suchmaschine mit Enteignung gleichsetzt. Die holen sich Daten, aber zahlen nicht dafür.

Die Schizophrenie wird in Döpfners Antwort an den Stellen deutlich, wo es um mehr als nur den üblichen Anti-Google-Gesangsverein geht und verdient eigentlich eine spezielle Beachtung. Beispiel: die EU-Kommission und ihre Einigung mit Google.

Kommissar Almunia sollte noch einmal darüber nachdenken, ob es so klug ist, als quasi letzte Amtshandlung das zu fabrizieren, was als Sargnagel der ohnehin etwas sklerotischen europäischen Internet-Ökonomie in die Geschichte eingehen würde. Vor allem aber wäre es ein Verrat am Verbraucher, der nicht mehr das für ihn Wichtigste und Beste findet, sondern das für Google Profitabelste – am Ende ein Verrat an der Grundidee Googles.FAZ

Dieser merkwürdige Sprachgebrauch, “Sargnagel” einer “etwas sklerotischen europäischen Internet-Ökonomie”, folgt bruchlos der vorher stolz erwähnten Tatsache, dass Springer mittlerweile 62% seines Gewinns digital macht. Wie konnte das passieren in einer Welt in der die Ströme doch von Google gelenkt werden und von dort direkt an die NSA weitergeleitet.

Es finden sich natürlich ebenso bruchlos die üblichen wahnwitzigen weil undifferenzierten Äusserungen (E-Mails werden gelesen, etc.). Richtig abenteuerlich wird es aber z.B. beim Thema Cookies. Einerseits wäre Google der große Gewinner, sollte die EU Einschränkungen für Cookies zur Stärkung der Rechte der Verbraucher einführen. Andererseits soll Google vorangehen und Cookies nach jeder Sitzung löschen und nur auf ausdrückliches Verlangen des Kunden überhaupt speichern.

Nicht nur, dass man letzteres im Browser tun kann, wenn man will, aber allein auf z.B. Bild.de sind satte 10 Tracker von Fremdseiten, darunter natürlich auch Google eingebunden, ohne dass mich je jemand gefragt hat ob ich dem zustimme, bei Welt.de sind es gleich übersatte 27 (Darunter Doubleclick und natürlich 4 von Google), auf Google ist es nur Google. Jeder einzelne davon dient der Nutzerüberwachung. Alle nutzen die Praxis in purem Wildwuchs, wegen der man Google kritisiert. Die Wahrheit ist, als Springer schürt man deshalb die Angst vor Google, weil man selber Google sein möchte.

Glaubhaft und sicherlich weniger schizophren wäre so ein Rundumschlag mit den üblichen Themen sicherlich gewesen, hätte es irgendeinen Hauch von Selbstanklage jenseits des “wir verdienen mit Google mit” gegeben. Z.b. ein ‘wir überwachen euch Verbraucher’, um die es als Geschädigte auch in Döpfners Text zumeist geht, ‘willenlos nach allen Regeln der Kunst’.

So bleibt am Ende von der Google-Kritik nur ein: die sind größer als wir, da muss wer was machen. Und es wundert einen auch nicht, wenn am Ende gemunkelt wird, Google plane den Überstaat, ein schwimmendes Reich jenseits der Nationalstaaten.

Er träumt von einem Ort ohne Datenschutzgesetze und ohne demokratische Verantwortung. „Es gibt eine Menge Dinge, die wir gern machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind“, verkündete Page schon 2013. „Weil es Gesetze gibt, die sie verbieten. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind. Wo wir neue Dinge ausprobieren und herausfinden können, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“FAZ

Wie so oft, taugt das Originalzitat dazu, passend verstümmelt, wie es auch Morozov gerne tut, letztendlich kaum zur Verschwörungstheorie.

The other thing in my mind is we also haven’t built mechanisms to allow experimentation. There’s many, many exciting and important things you could do that you just can’t do because they’re illegal, or they’re not allowed by regulation, and that makes sense, we don’t want the world to change too fast.
Maybe we should set aside a small part of the world …
You know, I like going to Burning Man, for example. Which I’m sure many of you have been to. Yeah, a few burners out there. That’s an environment where people can try out different things and not everybody has to go, and I think that’s a great thing too.
I think as technologists we should have some safe places where we can try out some new things and figure out what is the effect on society, what’s the effect on people, without having to deploy kind of into the normal world. And people like those kind of things can go there and experience that and we don’t have mechanisms for that.
So those are the kinds of things I would think about.
I also think we need to be honest that we don’t know the impact of changes and we should be humble about that. I’m not sure getting up on stage and saying, ‘Everything is amazing’ and so on is the right way. We should launch things in a more humble way and see what the affect is and adapt as we go.
businessinsider.com

Und Döpfners flehende Frage an Eric Schmidt: “Bitte, lieber Eric, erklären Sie uns, warum unsere Interpretation von dem, was Larry Page sagt und tut, ein Missverständnis ist” beantwortet sich dann eigentlich von selbst.

Wir vermuten allein schon die Ausgangslage, Springer vs. Google, kann am Ende nichts anderes hinterlassen als einen alternativlos schizophrenen Liberalismus.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

7 Responses

  1. Gustav MzS

    Sehr richtig. Doepfners Klage ist die eines zu kurz gekommenen. Dennoch muss die Gesellschaft auf der Hut sein.

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  2. stefanherwig

    Sobald was von Springer kommt, muss der De:Bug Beißreflex einsetzen. Komm’ mal wieder runter, Sascha.

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