Robo-Ethik & Kunstverständnis

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Ich habe nicht den besten Re:publica-Tag erwischt, darin sind sich meine (wenigen) Gesprächspartner, die sich intensiver als ich mit dem proppenvollen Event-Plan auseinandergesetzt haben, mehr oder weniger einig: Der Dienstag war angereichert von Egalheit. Trotzdem habe ich gute Momente erlebt, vor allem in der Diskussion um die “Cyborgs” Neil Harbisson und Moon Ribas und den passenden Vortrag zu Roboter-Ethik.

Harbisson und Ribas haben ihre Körper mit Hardware ausgestattet, die Farben, Bewegungen und andere externe Signalquellen in Töne und andere Vibrationen übersetzt. Ihr Vortrag war im Grunde eine Aneinanderreihung von Ideen und Experimente mit dieser Methode und den kuriosen Möglichkeiten, Sinne zu mashen: Synästhesie durch Algorithmen. Richtig interessant – und viel zu kurz – aber waren die Fragen und Antworten, die nach dem folgenden Vortrag von Kate Darling über Robot Ethics aufkamen: Wer muss hier eigentlich sein Verhalten regulieren? Die Welt, die eine neue Empathie und einen neuen Umgang mit Robotern und elektrifizierten Menschen finden muss, oder humanoide Elektronik, die ja auch ein Machtpotenzial darstellt?
Ein paar Fragen, die ich spannend fand: Darling sagte gleich zu Anfang eine triviale Neuigkeit, dass Tierrechte ja in Wirklichkeit bedeuten würden, die Würde der Menschen durch ethisch korrektes Verhalten bewahren zu können. Wie ein Tier (da ist es ja zumindest weitgehend Abwägungssache), dürfte ja auch ein Roboter “gequält” werden – aber es sei gut, das zu unterlassen. Sie berief sich außerdem auf Erfahrungen, wonach Menschen eine emotionale Bindung mit Robotern aufnahmen, sie also menschlich aufluden und als Empathie-Speiser nutzen konnten. Harbisson wiederum erzählte, wie sein drittes Elektroauge zu einer Herabwürdigung als Mensch führten und er schon überlegte, es mit einem künstlichen Zwinkern zur Empathieerleichterung aufzurüsten. Ein Zuschauer wies daraufhin, dass auch noch ungeklärt sei, in wie fern man mit rein “virtuellen” Identitäten, zum Beispiel Computerspielfiguren, empathische Bindungen eingehen kann, soll, muss. Ich weiß zwar noch nicht, wohin das alles führt, aber ich glaube, das sind oberflächliche Diskrepanzen, denen viel interessantere Strukturen zugrundeliegen. Stoff zum Nachdenken am Re:publica-Dienstag.

Momentan sind es ja auch oft noch Grundlagenfragen: Technik soll befreien, aber nutzt doch nur den eh schon Bevorzugten. Harbisson erklärte hingegen, dass zumindest sein Cyborg-Sein hinsichtlich eines Zugangs und damit eines potenziellen Machtgefälles unproblematisch sei, da seine Hardware nur wenige Euros koste und damit nicht nur billiger als Alltags-Hightech sei, sondern auch in strukturschwächeren Regionen umsetzbar. Sprich: Dass der Zugewinn an neuen Einsichten in seine eigene Menschlichkeit nicht einhergeht mit einem uneinholbaren Vorsprung.

Was mir als Hausaufgabe übrig blieb: Wenn man, wie Harbisson und Ribas, seine Sinne elektronisch erweitert, werden Sinneseindrücke programmierbar. Damit wird die Welt doppelt abstrahiert wahrnehmbar: Einmal durch eine technische Abstraktion (also: Übersetzung), andererseits wieder durch eine Abstraktion im Hirn, also der eigentlichen Sinnesverarbeitung. Das dürfte Potenzial für spannende Sinnbasteleien haben – und vielleicht zu komplexeren Wahrnehmungen der Welt führen. Nachdenken, Herr Knoke.

Davon abgesehen, meine kleine Splittersammlung:

* In der “Wie radikal ist Open Access wirklich”-Diskussion kam der Hinweis, dass Open Access – was ja gemeinhin auch mit “kostenlos” gleichgesetzt wird – ja auch immer eine nicht-kostenlose Arbeit zumindest der Autoren und Infrastrukturanbieter vorausgehe.

* Mir wurde ein alkoholfreies Bier verweigert und gegen meinen ausdrücklichen Wunsch in ein alkoholisches getauscht, mit dem Hinweis der Bedienung, dass “ja wohl hier wer arbeitet, ich und nicht du.”

* Das schlimmste Wort: Distribuser

* Der schöne, erhellende Moment: Als das halbe Publikum bei einer Sound- und Bildinstallation nicht die Projektion und ihre Interferenzmuster anschaute, sondern den Projektor.

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