Zwei Bücher, ein Wandel

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TEXT: Christoph Jacke

In der letzten Zeit haben sich die deutschen Groß-Intellektuellen, so etwa der konservative Schriftsteller Botho Strauß, der medienkritische Denker Hans-Magnus Enzensberger und der Philosoph Jürgen Habermas wieder vermehrt in der Wochenzeitschrift “Der Spiegel” geäußert: Sie scheinen besorgt über gesellschaftliche Entwicklungen, die sie in alltäglichen Mikrokosmen wie Institutionen, öffentlicher Nahverkehr oder Familien- und Freundeskreis beobachten müssen: Man solle sich selbst managen – bezahlt auch noch dafür – und entlastet die ursprünglich verantwortlichen Institutionen, die, etwa die Politik, an Souveränität verlieren und krampfhaft nach erweiterten Kontrollmöglichkeiten suchen.

Das mag demokratisch und emanzipatorisch klingen, aber ihm könnte ein größerer Wandel zugrundeliegen, den der Soziologe Zygmunt Bauman in einem ausführlichen E-Mail-Gespräch mit dem Überwachungsforscher David Lyon sehr kritisch als Adiaphorisierung beschreibt: “Der wichtigste Effekt des Fortschritts in der Distanzierungs- und Automatisierungstechnologie ist die zunehmende und vielleicht unaufhaltsame Befreiung unseres Handelns von moralischen Skrupeln.”

Der Band “Daten, Drohnen, Disziplin” ist ein dialogischer Parforceritt durch Entwicklungen wie Medialisierung, Digitalisierung, Überwachung, Kontrolle, Konsum, Nähe/ Distanz, Sichtbarkeit und Verantwortung, der – bei aller angeratenen Skepsis – keineswegs kulturpessimistisch vorverurteilt. Nein, in diesem ungemein unterhaltsamen und aufklärenden Gespräch steigt der Lesende mit in einen Diskurs ein und entwickelt anhand der durchaus kontroversen Meinungen der beiden Diskutierenden eigene Perspektiven und Standpunkte. Insofern liefern Bauman und Lyon nichts weniger als einen Rahmen für Halt in der von Bauman schon lange ausgerufenen flüssigen beziehungsweise flüchtigen Moderne. Und vorläufig enden sie sogar in einem durchaus hoffnungsvollen Ausblick: “Wir versuchen angestrengt, in der Tatsache, dass dank digitaler Vorrichtungen Tausende Menschen an einem öffentlichen Ort zusammenkommen können, das Versprechen einer neuen Regierungsform zu erblicken, die den Seltsamkeiten und Dümmlichkeiten der gegenwärtigen ein Ende machen kann.”

Während die beiden Soziologen bewusst dialogisch und ganz nah an alltäglichen Verschiebungen und Phänomenen arbeiten, hat Jürgen Habermas mit “Im Sog der Technokratie” dem zwölften Band seiner “kleinen politischen Schriften”, eine eher übergeordnete Perspektive veröffentlicht. In ihm versammelt der Philosoph und Zeitdiagnostiker Essays, Zeitungsartikel und andere kürzere Abhandlungen, in denen er vor allem die (eigenen) Verhältnisse in Deutschland und Europa ins Visier nimmt. So landet er mit wissenswerten und wichtigen Ausflügen – etwa zu deutschen Juden, Deutschen und Juden und Überlegungen zu deutschen Intellektuellen – bei seinem zentralen Thema: der Organisation, Regierbarkeit und vor allem dem Zusammenhalt Europas und einer sympathischen und gewichtigen Einforderung des Verzichts auf parteipolitische Spielchen und Technokratie (im Sinne einer entmenschlichenden Überbürokratisierung) zum Wohle der gesamteuropäischen Idee. Nicht eben wenig und dennoch immens wichtig als Grundlage für all die erregten Diskussionen des Auseinanderdriftens und Zusammenlebens.

Diese beiden anspruchsvollen, nur bedingt zur Freibadlektüre geeigneten, und dennoch absolut kurzweiligen Bände sollten Pflichtlektüre in Schulen und Universitäten werden – nicht zum Auswendiglernen, sondern zur kritischen Auseinandersetzung.

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