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(Einst war Naomi Watts a woman in search of stardom . . .)

Text: David Weber

Am 5.02.09 eröffnete die 59. Berlinale mit Tom Tykwers Thriller The International. Die Resonanz ist überwiegend positiv. Warum? Der Film handelt von den Machenschaften einer Luxemburger Bank im internationalen Waffen- und (aktuell, aktuell) Schuldengeschäft. Ihre Gegenspieler sind ein Agent der Interpol, Clive Owen, und eine New Yorker Staatsanwältin, Naomi Watts – Naomi Watts, die für viele von uns für immer auf dem Flughafen von Los Angeles ankommen wird: “I just came here from Deep River, Ontario … and now I am in this dream place” (David Lynch, Mulholland Drive) In The International kommt man am Berliner Haubtbahnhof an, d.h.: an seiner “schönen” Seite, der nördlichen – und die Brache drumrum zeigt Tykwer nicht. Stattdessen folgt gleich darauf, wie in Der Krieger und die Kaiserin (und ich glaube auch in Winterschläfer u.a.), ein Tykwer signature shot: der Einzelne, getroffen von der Wirklichkeit (Gift, unwahrscheinlich starker Verkehr auf der Invalidenstraße), stürzt zu Boden und aus Zeit und Ton. Kurz darauf geht es weiter, mit etabliert-etablierenden Kameraflügen über internationale Destinationen (New York, Mailand, Istanbul, Berlin, usw.) und Gursky-inspirierten money shots von kleinen Menschen und großen Fassaden. Tykwer, das sieht man, hatte viel Geld und hätte gern, das sieht man, ein Anliegen: der Einzelne gegen die Institutionen; Anschluss ans Genre des (sicher internationalen) Paranoia-Genres der 70er Jahre (Alan Pakula, Francesco Rosi). Das Problem sind die Bilder und das Problem ist der Plot, der die Beschreibung von zeitgenössischer “Paranoia” und “Entfremdung” angesichts der verdeckten Machenschaften des Kapitals (wenn man so will: die Rosi-Linie des politischen Thrillers) einerseits kaum anreißt: Einmal deutet der schwedische Banker im Dialog mit dem afrikanischen Milizenführer an, es ginge nicht um schieres Geld und Gewinne, sondern, sehr meta, sehr derivatenhaft, um das Management der Schulden – bloss wird in der letzten halben Stunde die Story allein von drohender Zahlungsunfähigkeit und versiegendem cash-flow getrieben. (Welchen Aufwand es tatsächlich bedarf, von der zeitgenössischen (oder doch zeitlosen? also ewig tragischen?) Verstrickung des Einzelnen in das Spiel, the game, der Institutionen zu erzählen, davon handelt Daniel Eschkötters Text über die US TV-Serie The Wire in der neuen Film-Zeitschrift Cargo.)

Andererseits sind die Bilder, die die Weiten (70mm!) weichen müden Fleisches und glänzenden frischen Glases und Stahls kontrastieren und dabei gerade nicht erzählerisch auflösen wollen, sondern in reiner Beschreibung arretieren (wenn man so will: die Pakula-Richtung des politischen Thrillers), zu abgezogen; überstrahlt der production value jede bloß ungefähr informierte Referenz und bleibt so reine Suggestion. Berlin z. B. wird regelrecht in budget shots filettiert: außer dem “Jahrhundertbau” (Mehdorn) Hauptbahnhof das Sony Center (der Film übrigens von Sony Pictures produziert – die Position des Regisseurs als verrätselte Miniatur im Schauplatz?), “bei Nacht”, eingedampft auf einen “international style”, der Tykwers Potsdamer Platz zu so etwas wie einem Anti-Petzold macht – es so macht, wie es alle machen, “international”. Oder das schöne Hellblau der frisch getünchten, gleichwohl Alten Nationalgalerie, wo Tom Cruise Armin Müller-Stahl in der “international-deutschen” Rolle des Ex-Stasi-Oberst in einem Thomas-Struth-Foto vor Altem Meister Platz nimmt.

Keine Frage, der Film läuft auf seine Weise gut rein: zwar wird einerseits alles ein bisschen zu sehr für Blöde erklärt und gibt es andererseits manche Ungereimtheit (oder bin ich zu blöd? was, wenn der erste Schütze im arrangierten Attentat auf der schönen Mailänder Piazza getroffen hätte?). Aber die downhill battle die Rampe runter im Guggenheim-Museum ist sehr ordentlich (aber was hätte de Palma mit der Video-Kunst im Hintergrund angefangen?), zweifellos der Höhepunkt des Films – warum nicht sein Finale? Es geht dann noch weiter, mit einem kammerspielartigen Schauspieler-Schaulaufen und einem Blick-durch-den-Schlitz ungeklärter Funktion. Zum Schluss das helle Licht des Bosporus und verrückte Mafiosi, die ihre Opfer im A8 zum Tod abholen.

Wirklich schlimm ist der Score.

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