Typo Berlin 08 – Tag Eins
De:Bug ist dabei, bei einer der wichtigsten Konferenzen für Designer in Berlin. Karen Khurana berichtet vom ersten Tag der Typokonferenz im Haus der Kulturen der Welt

Fonts to remember, unser Livebericht
Gestern hat die Typo-Designkonferenz begonnen. Am ersten Nachmittag konnte man nicht nur formidabel zwischen den vielen Designstudenten auf dem Sonnendach des HKWs herumhängen, sondern sich auch entlang der ersten Vorträge ein Bild des diesjährigen Themas machen: “Image” – so heißt es – bezieht sich nicht nur auf die Inflation der Bilder, sondern auch auf die Identitäts- und Profilbildung, die über visuelles Design und Schrift erlangt werden kann.
Die englische Photographin Alison Jackson konnte mühelos beiden Themensträngen gerecht werden. Seit Jahren lichtet sie Lookalikes von Celebrities in Situationen ab, die man angesichts der Geschichten in der Boulevard-Presse fast schon für wahr halten könnte. Ihre Bilder spielen mit dem aufdeckerischen Gestus von Paparazzi-Photos, bringen aber das Inszenierte, Narrative daran selbst wieder auf den Punkt: Pete Doherty, der Kate Moss fürsorglich die Haare zurückhält, während sie eine Line zieht; George Bush, der ratlos auf einen verdrehten magischen Würfel schaut; Prinzessin Diana, die der Kamera ihren Mittelfinger entgegenstreckt. Die Bilder sind zu perfekt, um wahr zu sein. Dabei sind sie als Photographien echt, nicht digital manipuliert und als Photographien nicht perfekt, sondern absichtlich unscharf und aus seltsamen Blickwinkeln photographiert. Ein einfacher Trick, um sie echter aussehen zu lassen. Das Interessante daran ist: Selbst wenn man um ihre Stilmittel weiß und faktisch kein Zweifel daran besteht, dass es sich ‘nur’ um Doppelgänger handelt, kann man sich ihrer Faszination dennoch nicht so leicht entziehen.

Die Verwirrung zwischen Fakt und Fiktion interessierte auch die Photographin und Bildwissenschaftlerin Stefanie Grebe. Von dem Realitätsversprechen, das die Strafverfolgung und Tatort-Photographie den technischen Bildern gegeben hat, über die ‘Real People’ in der Modephotographie bis hin zu den nachgestellten, inszenierten Protestbewegungen in der Werbung zeigte Grebe die verschiedenen Grade und komplizierten Verstrickungen von Wahrheit und Fiktion. In der Schwierigkeit, zwischen beiden noch zu unterscheiden, sieht Grebe aber nicht einfach einen natürlichen Effekt der Dekonstruktion, sondern ein Symptom unserer spätkapitalistischen, neoliberalen, medialisierten Gesellschaft. Fast schon verschwörungstheoretisch fragte sie am Ende ihres sehr informativen, materialreichen Vortrags, ob es nicht Mächte gäbe, die an einer solchen Unentscheidbarkeit Interesse haben könnten. Darüber kann man mal eine Nacht schlafen.
Heute morgen eröffnete Stefan Sagmeister die TypoHall mit seinem Vortrag “Things I’ve learned in my life so far”. Amüsant erzählte Sagmeister die Geschichten um seine Tagebucheinträge, mit denen er seit etwa sieben Jahren hauptsächlich sein Geld verdient. Nach seinem Kunden-freien Jahr bekam seine New Yorker Design-Agentur Aufträge mit ungewöhnlich hoher kreativer Freiheit. Die Stadt Paris gab ihm Plakatwände zu füllen, ohne Briefing, ohne etwas verkaufen zu müssen. Sagmeister entschied sich einen Satz aus einer Liste seines Tagebuchs typographisch in Szene zu setzen. An einem Tag in Arizona steckten sie Kakteen zusammen, klebten Tape in Zäune und bauten Alukonstruktionen für den Pool, die photographiert den Satz: “Trying to look good limits my life” ergaben. Viele weitere Aufträge mit immer mehr Freiheiten folgten, was für Sagmeister auch einen weiteren Satz seines Tagebuchs bestätigt: “Everything I do always comes back to me.”

Heute nachmittag kann man beispielsweise lernen, wie sich chinesische von lateinischer Schrift unter- und überschneidet. Heute abend erklärt der Celebrity-Photograph Jim Rakete, wie die digitale Bildbearbeitung das Image verändert.
Bleibt abzuwarten, ob sich zwischen die vielen Portfolio-Vorträge mit anschließenden Buch-Signierungs-Stunden auch noch mehr Vorträge schieben, die aktuellere Entwicklungen der Image- und Profilbildung besprechen, wie man sie beispielsweise inflationär in Social Networks antrifft.. Wir werden sehen.
www.typo-berlin.de
Auch gut:
- TYPO Berlin vom 19. bis 21. Mai 2011
- Typo 2011: Petr van Blokland
- Typo 2011: Oliver Linke
- Typo 2011: Randa Abdel Baki & Pascal Glissmann
- Typo 2011: Christoph Keese




