Typo Berlin 08 – Tag Zwei
Fabian Dietrich berichtet vom zweiten Tag des Typografiekongresses aus Berlin. Unter anderem über Jim Rakete und Steve Heller

Gäbe es einen Preis für Hooliganismus im Kunstbetrieb, wüsste ich da einen guten Kandidaten. Der Fotograf Jim Rakete betritt am zweiten Tag der Typo die Bühne, seine Sonnenbrille hängt ihm aus dem offenen Hemd, er sagt seinen ersten Satz und schon kippt die Stimmung im Saal komplett. All die netten, lustigen, geistreichen Redner sind vergessen. Plötzlich ist da nur noch Aggression im Raum. Schwer zu sagen, ob sie von Rakete oder seinen Zuhörern ausgeht.

Da vorne steht jedenfalls ein Eiger-Nordwand-Ego, so ein Joschka-Fischer-Leckt-mich-doch-alle-am-Arsch-Typ, und die Geschichte, die er erzählt, fängt ungefähr so an: Irgendwann in den Neunzigern hätten ihn SPD-Menschen gefragt, ob er den damaligen Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping für den Wahlkampf fotografieren könne. So schön menschelnd in Schwarz-Weiß, wie er es immer macht. „Nö“, sagte Rakete. „Nö, nö“, wenn der dämliche Bart bleibe, dann sicher nicht. Anschließend haut Rakete ein paar Minuten in die Kurt-Beck-sieht-Scheiße-aus-und-riecht-nach-Provinz-Kerbe. Dann widmet er sich seinem eigentlichen Thema. Stakkatohaft liest Jim Rakete aus einer Art persönlichem Rakete-Manifest: „Wir stehen vor dem Ende der Autorenschaft. Die Gestaltung hat ihre Hoheit verloren, sie verkommt zum Mac Job. Ich bin der letzte Fotograf, den es noch gibt.“ Endgültig bizarr wird diese Performance gegen Ende, das heißt nach 25 Minuten (Einer normaler Typo-Vortrag dauert etwa eine Stunde). MTV Unplugged habe die Musikindustrie gerettet, weil es den ECHTEN Musiker zeigte. Und genau so sei das doch auch bei ihm, Rakete, dem Retter der Fotografie.
Das war natürlich schon ein extrem gruseliger Auftritt, der sogar Steve Hellers Design-Geschichte des Totalitarismus („Wisst ihr BDM und HJ waren so etwas wie das Myspace und Facebook des 3.Reichs“) in den Schatten stellte. Dass man auch produktiv motzen kann, war bei Jim Raketes Vorredner Dietmar Hanneka zu sehen. Der fand auch alles scheiße, was seine Kollegen zur Zeit produzieren. Nur – und hier kommt der Unterschied zwischen guten und schlechten Rednern, zwischen angenehmen und peinlichen Vorträgen, zwischen Kulturpessimismus und Spaß am Leben – Hanneka sprach frei, brachte die Leute zum lachen und erzählte, wie man es seiner Meinung nach mit ganz einfachen Mitteln besser machen kann.





Interesanter Artikel mit besonderer Gewichtung.
Schade, dass zweidrittel dieses Stücks nur von Idioten und “gruseligen Auftritten” handelt. Und wenn es dann tatsächlich interessant wird (…wie man es seiner Meinung nach mit ganz einfachen Mitteln besser machen kann.), hört der Artikel auf. Was für ein sch….
schreibt ihr noch was zu dem vortrag von image-shift und auch dem abschluss vortrag von spiekermann?
»… kippt die Stimmung im Saal komplett …« und »… nur noch Agression im Raum …« … zum einen war das kein Hippie-Treffen mit Samthandschuhen und zum anderen muss ich sehr stumpfsinnig sein, denn ich fühlte nichts von »… nur noch Agression im Raum …«. Die Damen und Herren in meinem direkten Umfeld übrigens auch nicht, als wir uns danach unterhielten.
Ein authentischer Bericht vom zweiten Tag der Typo.
Bitte mehr dieser hervorragende Berichterstattung von Herrn Dietrich.