Letztes Wochenende fand die Designkonferenz Typo statt. Romy Korndörfer berichtet über die Highlights.


Text: Romy Korndörfer

Die ausverkaufte 15. TYPO stand unter dem Motto „Passion“ und zog erneut ein internationales Publikum aus Kommunikationsdesignern, Typografen und Mediengestaltern an.

Rund 60 nationale und internationale Experten aus den Bereichen Grafik, Web, Wirtschaft und Kunst stellten an drei Tagen ihre Positionen zum Thema Leidenschaft vor. „Passion“ war nicht nur das Motto, sondern, so schien es bei vielen Vortragenden, auch Schlachtruf einer in der Umwälzung befindlichen Branche. Jetzt erst recht! In unsicheren Zeiten nicht in Starre verfallen sondern Neues wagen, lautete das Credo vieler Sprecher.

Einige Neuerungen schienen den Entwicklungen der Branche Rechnung zu tragen. Das Programm war kleiner, der Programmflyer smartphoneoptimiert und die Konferenz wurde parallel in den Social Media Kanälen wie Facebook begleitet.

Erik Spiekermann / Das kann ich überhaupt nicht ab & das macht mich richtig glücklich!

TYPO-Gründer Erik Spiekermann eröffnete die Konferenz mit dem Vortrag „Das kann ich überhaupt nicht ab & das macht mich richtig glücklich!”. Er erklärte, warum er das kleine „a“ liebt und wieso er Europa für eine tolle Idee hält. Spiekermann gab einen persönlichen Einblick in seine Welt- und Designsicht. Neben überraschenden Fakten, wie seine Liebe zum Duft von frischem Koriander, bot er einen typografischen Exkurs durch seine persönlichen Do’s and Dont’s. Er erklärte, seine größte Freude sei es, wenn sein Design, wie mit der Meta geschehen, Teil des Alltags wird. Ein glücklicher Gestalter.

Hartmut Bohnacker / Julia Laub, Generative Gestaltung
Programmiersprachen wie „Processing“ führen zu einem Paradigmenwechsel im Design: Der Designer, bisher auf die Anwendung von vorhandenen Werkzeugen wie Photoshop beschränkt, kann nun eigene Werkzeuge in Form von Programmen herstellen, um visuellen Output zu generieren. Die Programmiersprache wird zum Entwurfsmedium. Hartmut Bohnacker und Julia Laub, die Autoren des Buches „Generative Gestaltung“, gaben Einblicke in die Erzeugung von Bildern mittels Programmierung. In einem Exkurs zeigten sie die grundlegenden Prinzipien der generativen Gestaltung auf. Durch Änderungen von Parametern im Quellcode können schnell vielfältige Varianten erzeugt und verglichen werden. Neben der Fähigkeit zum abstrakten Denken um Code zu schreiben, so betonten die Autoren, ist das gute Auge des Gestalters weiterhin unabdingbar. Viele Best-Practice-Beispiele im letzten Teil des Vortrags machten Lust, die Möglichkeiten von “Processing” und Co. selbst zu erkunden.

Ivo Gabrowitsch / Tschüss Tristesse! Hallo Webfonts!
Bisher sahen sich Webdesigner gezwungen, generische Systemfonts wie Arial, Verdana oder Times zu benutzen.
Mit den neuen Webfonts von Fontshop ist es nun möglich, den Online-Auftritt eines Unternehmens mit der Corporate Hausschrift zu gestalten.
Ivo Gabrowitsch, Marketingleiter bei FontShop sprach in seinem Vortrag von einem neuen Zeitalter im Webdesign. Fontshop bietet in seinem Programm eine Vielfalt von individuellen Schriften, die vom Internet Explorer und Firefox unterstützt werden. Den neuen Webfonts liegt ein Lizensierungsmodell zugrunde, das sich nach den monatlichen Seitenaufrufen richtet.

Rich Roat / Leidenschaft ist leicht. Liebe nie.
Schriftgestaltung ist für Rich Roat „mehr als nur ein One-Night-Stand“. Die Liebe zu den jeweiligen Projekten treibt die Designer der Type Foundry House Industries aus Delaware an. Dies spiegelt sich deutlich in Ihren Arbeiten widerspiegelt.
So widmeten House Industries den Designern Charles and Ray Eames eine eigene Schrift, bei der man die Begeisterung an der Arbeit in den Eames Archiven förmlich spüren kann – eine hochsensible Liebe zum Detail bei der Schriftgestaltung und dem Packaging.
Bei den Projekten der Type Foundry entstehen neben der eigentlichen Schrift unzählige Plakate, T-Shirts, Aufkleber, Taschen und andere Objekte.


Joachim Sauter / Neu-Erfindung aus Leidenschaft
Den Freitag eröffnete Joachim Sauter mit seinem Vortrag „Neu-Erfindung aus Leidenschaft“. Anschaulich zeigte er die Entwicklung der neuen Mediengestaltung der letzten 30 Jahre auf, indem er einige seiner Projekte aus seiner Schaffenszeit bei ART+COM vorstellte. Den Schwerpunkt seiner Arbeiten bildet die Kommunikation mit Medien im realen Raum.
Diese Entwicklung des „Renaissance of Space“ gliederte er in drei Phasen: predict (understand technology), proof (show technology) und prevail (hide technology). Während in den 90er Jahren noch das Verstehen der neuen Technologie im Vordergrund stand, musste sich diese nun anschließend zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestätigen. In dieser Phase entstand das Bühnenbild für die Oper „Den Juden von Malta“. Dieses wird geprägt von der Interaktion der Charaktere mit dem Medium als Metapher für Macht und die Kostümprojektionen, welche der symbolhaften Darstellung von Emotionen dienen.
Nach der Durchsetzung des Mediums gewinnt dessen Integration in den Raum immer mehr an Bedeutung. Als bedeutendste Projekte sind das Redesign des Naturkunde Museums und das BMW Museum zu nennen, sowie die Ausstellung zum 100jährigen Bestehen Österreichs. Hier wird der Besucher mittels einer 260 m langen österreichischen Fahne, gespickt mit diversen interaktiven Stationen, als Narrator durch die Ausstellung geführt.

Florian Schmidt / Volkssport Design
Unter dem Begriff „Volksport Design“ stellt Florian Schmidt die Frage nach dem Schaden und Nutzen von Amateuren im Design. Den Kern seines Vortrags bildet die Demokratisierung des Designs. Während dieses zwar zunehmend an Bedeutung gewinnt, verliert es gleichzeitig an Exklusivität. Geschuldet ist dies zum einen der Ausweitung des Designbegriffs, der Verbreitung der Tools und der Globalisierung, sowie der Verbreitung und Nutzung von vorgefertigten Designs.
Es bleibt abzuwarten in wiefern eine Zusammenarbeit bzw. Koexistenz zwischen Amateuren und Experten möglich ist.

Dragan Espenschied / Digitale Folklore
Dragan Espenschied griff das Thema Amateur Design seines Vorredners auf. Mit seiner unterhaltsamen Art gab er einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Internets und des User-Verhaltens. So sind bunte, blinkende und mit Gif-Animationen bestückte Websites zahlreich im Internet vertreten, in denen User über ihre Interessen berichten und sich selbst präsentieren. Doch auch wenn diese Darstellungsform vor allem Designern verhasst ist und ihnen regelrechte Schmerzen zufügt, sensibilisierte Dragan Espenschied seine Zuhörer anhand zahlreicher Bespiele für diese Art der Selbstdarstellung. Zwar sind immer mehr Sozial Media Plattformen im Umlauf, welche den Usern Platz bieten sich zu präsentieren, aber die Gestaltung durch die vorgegebenen Templates ist stark eingeschränkt und bietet nicht genügend Freiraum.

Jan Chipchase / Frisches Denken
Bevor Jan Chipchase die Bühne betritt, wird er angekündigt als Rastloser ohne festen Wohnsitz, der sich überall auf der Welt zuhause fühlt. Als ehemaliger Chief Usability Researcher von Nokia nimmt er die Zuhörer mit auf eine spannende Reise durch die verschiedenen Kulturen. Mit witzigen Beispielen seiner Fieldtrips gelingt es ihm, den Horizont seines Publikums zu erweitern und zeigt, wie hilfreich es für den Gestaltungsprozess ist, immer alle Aspekte einer Aufgabe zu beleuchten. Denn letztendlich ist auch eine westliche Tankstelle nichts anderes als „a bottle on a brick“ wie in Vietnam.

Fons Hickmann / Melancholie fi … dich ins Knie
Fons Hickmann stellte seinen diesjährigen Vortrag unter den Titel „Melancholie fi… dich ins Knie“ und ähnlich provozierend waren einige der gezeigten Arbeiten. Mit seiner sympathischen Art macht er immer wieder deutlich, dass man als Designer Mut zu außergewöhnlichen Konzepten haben soll. Als bestes Beispiel führt er eines seiner Plakate für die Eröffnung des weltweit ersten Grafikdesign Museums in Breda (Holland) ins Rennen, welches bereits in der Teaserphase im ganzen Land Aufsehen erregte. Das Motiv zeigt einen erigierten Penis, der das Wort Grafikdesign in die Gegend ejakuliert.


Jonathan Barnbrook / Typografische Leidenschaft
Mit seinem offenen Auftreten spiegelt Jonathan Barnbrook auf eine amüsante Art und Weise seine Passion für gute Typografie wieder. Gespickt mit witzigen Statements stellte er seine Arbeiten vor und führte eine rege Interaktion mit dem Publikum. Seine Leidenschaft ist dabei in jedem einzelnen Buchstaben erkennbar. Obwohl seine Schriften teilweise fremdartig erscheinen und kaum für den alltäglichen Gebrauch Verwendung finden, überzeugt seine interessante Art der Gestaltung. So sind Eindrücke altbewährter Architekturmerkmale und aus der Natur (z.B. gotische Spitzbögen und Mücke) wiedererkennbar. Abschließend führte er einen kurzen Exkurs in die problematische und missverständliche Welt der Piktogramme.

Knut Maierhofer / Marken mit Haltung gestalten
Knut Maierhofer ist Managing Partner von KMS TEAM und kristallisierte in seinem Vortrag Design als Werkzeug einer Haltung heraus. Anhand der Fahrradmarke Canyon Bicylces zeigte er den Entwicklungsprozess der Marke auf. So etablierte sich die ehemals beliebige Fahrradmarke, welche Mitarbeitern und Kunden keine Möglichkeit zur Identifikation bot und von dessen Rahmen die Aufkleber abgekratzt wurden, zu einer der beliebtesten Fahrradmarken Deutschlands. Ein wichtiger Bestandteil des Designs ist die innovativ eingesetzte Typografie, welche unter anderem bei der Außengestaltung der Fabrikhalle Verwendung fand. Die Wände wurden großzügig mit Typografie bespielt und erinnern in ihrer Anordnung an Bergschluchten. Dieses innovative Design spiegelt nicht nur die Leidenschaft zum Fahrradsport wieder, sondern lockt auch zahlreiche Besucher an.

Erwin K. Bauer / Form Follows Passion
Mit seinem österreichischen Charme tat Erwin K. Bauer die Liebe zu seiner Firma und seiner Heimatstadt Wien kund. Die Grundvoraussetzung seiner Arbeit bildet die Leidenschaft zum Beruf. Diese nahm er als Anlass um Kunden und Mitarbeiter zum Thema „Passion“ zu befragen, deren Zitate er in Form eines Videointerviews in die Präsentation seines reichhaltigen Portfolios mit einfließen ließ. Sein Fazit: Die Mischung aus Leidenschaft und Professionalität ist die beste Voraussetzung. Schließlich entließ er das Publikum nach seinem äußerst interessanten Vortrag mit einer Art Design Moral in Piktogrammform, welche auf den 10 Geboten basiert.

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