Wie auf der Frieze Art Fair in London aus Krise Kunst wird

Oktober in London ist gezeichnet von der Frieze Art Fair, es gibt Zerstreuung, damit man den Herbst besser erträgt. Natürlich haben wir uns in London der Perversion hingegeben, sich von dem Kuddelmuddel der über 1000 Kunstwerke erschlagen zu lassen, um die Tendenz herauszufinden. Denn Potzblitz: Dachte man noch im letzten Jahr, die Krise sei doch schon fast vorbei und die großen, teure Arbeiten kehrten zurück, hat die sich das noch einmal anders überlegt. Wenn auf der Messe folgende zwei Tendenzen auszumachen sind, reagiert die aktuelle Kunstwelt also ganz eindeutig:

1. In Zeiten des Credit Crunches trägt man Trash.
2. Das Kapital kümmert sich vielleicht nicht um Menschen, dafür kehrt in der Kunst die menschliche Figur zurück. Überall stand oder lag jemand übergroß als Skulptur herum, gerne auch als Zombie oder Leiche.

Beide Thesen sezieren wir deshalb mal samt Messe kurz im Detail.

Der kleine Richter für 30 000

Sicher hat man als Galerist auf Kunstmessen immer etwas Malerei oder Fotografie dabei – womit soll man sonst auch die Standwände füllen. Eindeutig: Klassiker wie Gursky waren natürlich vertreten, aber seitdem die Massen ausgestattet mit Digitalkameras fotobloggen, finden Künstler wohl das sei überhaupt kein Kunstmedium dieser Zeit mehr – selbst die Modefotografen sind ja gerade dank der neuen billigen digitalen RED-Kamera dabei das Medium zugunsten des Filmes zu verlassen, wie zuletzt Stephen Meisel mit Lavin gezeigt hat. http://www.youtube.com/watch?v=S3N8QZTsZic Nun, für die Frieze bot sich da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagend natürlich Gerhard Richter an, denn der hat in London eine große Ausstellung in der Tate. Die kleinen, entzückenden Fotos gab es denn mit 30.000 Euro für den Eintrittspreis einer kleinen, fein ausgestatteten Küche.

Filigran? Fett!
Ganz prinzipiell so vom Stil her war poetische Eleganz wenig zu sehen. Man erinnert sich: Vor der Minidekade von ein paar Jahren drängelte sich Malerei, Zeichnung und liebevoll filigranes Handwerk sachte neben die Fotografie, damals voll en vogue. Man konnte wieder sticken. Warum auch nicht. Heute ist das anders. Die Dinge sind gerne etwas feist und fies – wie die Skulpturen vom Britischen Künstler Thomas Houseago – und überall liebt man den Trash. Als hätten die Fühler der weltumspannenden Gagosian Gallery das schon vorher registriert, hatte bei denen kurz vor der Frieze der beste Trash Künstler von allen, Mike Kelley, eine fette Trash-Superman-Spielwiese installiert. Mein Lieblingstrash-Stand auf der Messe war die gemeinsame Installation von FOS mit dem wunderbar müde glitzernden Berliner Anselm Reyle bei der Kopenhagener Galerie Andersen’s Contempoary – wie man im Bild sieht, fehlte FOS fabelhafte Kokosnusslampe auch nicht.

Glitzernden Pop mit blanken Oberflächen gab es kaum, höchstens als Minimalismus oder Designkritik, wie etwa die Wasserregale von der immer wieder großartigen Nicole Wermers. Richtig viel gab es aber die menschliche Figur. Die stand beinahe überall auffällig herum. Erklären kann man sich das so: Kritik am System kommt bei den Sammlern nicht so gut an, die gab es denn auch nur verhalten. Doch irgendwie will und muss man sich ja rechtfertigen. In müd-liberaler Manier zog man also das Objekt Mensch aus den Archiven. So kann man praktisch sachte mahnen und sich auf der richtigen Seite befinden, ohne jemanden zu kritisieren oder irgendetwas zu verändern .

Internet nach wie vor kunstresistent
Nachdenkenswert ist immer noch, dass Digitalität in der zeitgenössischen Kunst absolut überhaupt keine Bedeutung hat. Film und Video nahm die Kunst ja umgehend im Sturm, doch auch nach 10 Jahre Massenmedium weist sich das Internet als famos kunstresistent. Wieso das so ist, dem muss man mal gesondert auf den Grund gehen – Idee bitte in die Kommentare unten schreiben. Auf der Messe war das Thema/Medium großflächig abwesend – abgesehen vom “The Sims”-Realnachbau von Muntean/Rosenblum. Das ist auch gut so. Denn wird an das Thema Digitalität herangegangen, hält man sich das Hirn – beispielsweise wenn der HTML-Code eines eigenen Ausstellungstextes auf Leinwand in Form von Stücken der Moderne gemalt werden – weder Mensch noch Computer noch Kunstgeschichte haben hier was davon.

Am Sonntag ging der Spass zu Ende, doch das nächste Zelt liess nicht lange auf sich warten. Schon am Samstag hatte man vor der Saint Pauls Kriche die nächste Unterhaltung aufgebaut: Vom Regent Park, in dem die Kunstmesse stattfand, machen wir uns deshalb nun auf zum anti-kapitalistischen Camping Projekt “Occupy London Stock Exchange”. Da gucken wir jetzt mal vorbei.

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