Konferenz in Amsterdam: Gibt es zu Facebook noch eine Alternative?


So sieht man aus, wenn man frisch von Facebook “angestupst” wurde – Künstler Bartholomäus Traubeck im Selbstversuch mit Poke-Maschine

In Amsterdam tagt mit UnlikeUs seit gestern eine Konferenz, die sich dieser Frage annimmt.

Beginnen wir dafür mit einer Notiz am Rande, denn eines hatten die Programmierer gemeinsam: Unmut gegenüber Apple-Rechnern. “Wie geht das hier? Ich kenne mich mit Macs nicht aus”, heißt es beim Vorstellen der Alternativen immer wieder. Erst mehrmals. Und dann immer wieder. Userfriendly Macs? Von wegen. Mögen die Medientheoretiker am nächsten Morgen an ihren Macs festhalten (ich an meinem auch), unter Programmierern ist es unübersehbar: Apple hatte dort nie einen guten Ruf, und jetzt ist er ganz weg.

“Es ist ein Rechner, der dazu entworfen wurde, dich auszuspionieren”, sagt James von FreedomBox. Am Abend berichtet dann die NYTimes, wieder einmal davon, die Herstellung treibe Menschen in den Suizid und fragt in meinem RSS-Feed: “Is it time to Boykott Apple?”. Marianne van den Boomen, Mediendozentin von Utrecht, die neben mir sitzt, meint dazu: “Große Firmen kann man immerhin noch zur Rechenschaft ziehen.” Doch wir haben eine erste und gleich makabere Erkenntnis: Steve Jobs ist wahrscheinlich zum richtigen Zeitpunkt gestorben. Apple hat keinen guten Ruf mehr.


Geert Lovink vom Institut für Network Cultures hat die Amsterdamer Konferenz organisiert.

Die zweite: Gründe, sich eine Alternative zu Facebook auszudenken, gibt es viele. Um so interessanter ist es, dass die am ersten Tag vorgestellten Projekte alle das nicht sein wollen: eine Alternative. Sie wollen etwas anderes: Politische Organisation, sichere Kommunikation oder Dezentralisierung sind darunter. Aber wie Facebook ein Riesennetzwerk zu werden, das will kein Mensch.

Lorea sieht trozdem vom User Interface her einladend rund und nutzbar aus. Es ist ein Tool, das hilft sich als Gruppe zu organisieren. Eine Bande sympathischer junger spanischer HackerInnen steht hinter dem Netzwerk, das vor sich hindümpelte, bis 2009 mit der Politisierung des Landes das Interesse an einer freien Organisationsplattform wuchs. “Die Leute sagen uns immer, was wir alles verbessern können. Aber wir brauchen mehr Leute, die mitmachen und wirklich etwas tun”, sagt die Programmiererin von Lorea. Die spanische Variante desselben Netzwerkes namens n-1, läuft dann auch unter der Überschrift: “Do not ask yourself what the Network can do for you but what you can do for her.”

Ein sehr anderes, aber großartiges Gedankenspiel, das absolut in Richtung Sicherheit geht, ist Michael Rogers “Netzwerk ohne Internet”, Briar. “Ich habe das Netz im Rahmen eines Projektes am UCL untersucht”, sagt Michael, “und kam schnell zu dem Schluss: Wenn etwas im Internet ist, ist es nicht sicher. Dank Datenträgern kann man aber vernetzt sein, ohne im Internet zu sein.” Darum geht sein Projekt für das auch gerade das erste Interface gebastelt wird.

Wieviel Paranoia hätten’s denn gern?
Nochmal anders geht Freedom Box an die Sache heran, eine kleine Schachtel, also Minicomputer, den man vor seinen Router schaltet. Oder, wie das James Vasile erklärt, ein Laptop ohne Screen, Keyboard und Batterie. MIt dem Ziel, dass auch Leute die keine Nerds sind, Verschlüsselung nutzen können. Box rein, Daten laufen da durch, fertig. Sicherer Chat, Werbung, die viel Cookies setzt wird rausgefiltert für sicheres Surfen, Proxy-Verbindung, all das macht die Box automatisch.

Carlo aus Berlin will mit Secushare dagegen ein Netzwerk aufmachen, damit die Leute eine Plattform nutzen können, auf dem ihre Daten geschützt sind. Man kann mit einem Schieberegler wählen, wie wichtig einem die Privatsphäre ist, von “High Paranoia” bis “Normal”, sagt er und lacht bei der Präsentation. Selbst wenn man seinen eigenen Server mietet, ist das doch eine virtuelle Maschine irgendwo. Das ist zwar billig, aber nicht sicher. SecuShare soll auf dem eigenen Rechner laufen, aber so einfach wie Facebook zu benutzen sein.

Alle sehen Sicherheit als etwas an, was optional verfügbar sein sollte – fruit salad enigma, ein Projekt, das im Rahmen UnlikeArt vorgestellt wird, nimmt den alten verbissenen Fokus auf Sicherheit spielerisch aufs Korn. Es verschlüsselt ein Passwort in die Bestandteile eines Fruchtsalates: Klar wird, und damit sind wir bei der dritten Erkenntnis des Tages, dass die Programmierer schon lange nicht mehr programmieren, um sich im Code vor der Welt zu verstecken. Und Rena Tangens sammelt sie übersichtlich mit Social Swarm Wiki ein.

Fazit
Wie wichtig das UserInterface ist, hat Facebook und Apple klar gemacht. Jetzt gilt es zu zeigen, dass es darunter und ein wenig auf darauf anders aussehen kann. UnlikeUs hilft den Projekten, sich untereinander abzustimmen und zu vernetzen. Virtuelle Kommunikation läuft nämlich besser, wenn man sich im realen Raum einmal gesehen hat. Also Kopf hoch, und weiter aufgepasst.

Bits of Freedom
Briar
FreedomBox
Lorea
Secushare
UnlikeUs
UnlikeArt

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