Musikindustrie in der Aufmerksamkeitsökonomie mit dem falschen Fuss aufgestanden

Bittere Pille für die Musikindustrie, dieser Artikel im Wall Street Journal. Aber letztendlich wird es wirklich mal Zeit darüber nachzudenken, welches Business-Model eigentlich wirklich taugt. Reine Aufmerksamkeits- und Querfinanzierungs-Ökonomie wie es einer der Manager vorschlägt, kann irgendwie auch nicht alles sein.

Jeff Rabhan, who manages artists and music producers including Jermaine Dupri, Kelis and Elliott Yamin, says CDs have become little more than advertisements for more-lucrative goods like concert tickets and T-shirts. “Sales are so down and so off that, as a manager, I look at a CD as part of the marketing of an artist, more than as an income stream,” says Mr. Rabhan. “It’s the vehicle that drives the tour, the merchandise, building the brand, and that’s it. There’s no money.”
Sales of Music, Long in Decline, Plunge Sharply – WSJ.com

Das grundsätzliche Problem dürfte ganz woanders liegen. Die Grundlagen sind eigentlich jedem klar. CD-Verkäufe sind seit langem schon vor allem Albenverkäufe. Online verkauft man aber vor allem einzelne Tracks. Dass so digitale Verkäufe die physischen nicht ersetzen können ist eigentlich jedem lang klar.

Die logische Konsequenz daraus ist aber schwer zu ziehen, denn die Aufmerksamkeit die in der bisherigen Strategie erzeugt wird, ist zwieschneidig. Radio kümmert sich als Promotionweg eigentlich fast ausschliesslich um Singles. Presse nahezu ausschliesslich um Alben. Glaubt man den Kurven der digitalen Verkäufe, ist das Album allerdings tot, denn an das Überleben der Relevanz des phyischen Tonträgers glaubt eigentlich auch niemand mehr.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Software und Hardware (iTunes, iPod et. al.) mit der Musik heutzutage gehört wird, sich immer noch am alten Model orientiert. Künster, Album, Tracks. In genau dieser Reihenfolge.

Der eigentliche Weg der Musikindustrie müsste eigentlich konsequent lauten: Vergesst das Album. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass man Künstler zwar weiter Alben machen lässt, sondern dass Musikanten überhaupt keine mehr machen dürfen (soviel Macht über seine Künstler hat ein Musikmanager heutzutage doch). Dafür aber X-mal soviele einzelne Tracks releasen.

Die Möglichkeiten dafür sind längst da. Podcasts, RSS generell, Aufmerksamkeit kommt nicht mehr in Bundeln (z.B. eine Zeitung) sondern in Häppchen (ein Posting unter vielen). Das Argument eines Medium Filter zu sein, mag zwar immer noch stimmen, aber wer sagt, dass das für Produkte gelten sollte.

Wer heute einen Mainstreamkünstler passend vermarkten will, der sollte das Album vergessen. Anstatt einmal im Jahr etwas zu haben an den man den Zyklus: Albumrelease, Tour, Presse etc. koppeln kann, sollte man sich lieber komplett auf die einzelnen Songs konzentrieren. Statt einmal im Jahr die Aufmerksamkeit zu konzentrieren, eben einmal im Monat mit etwas neuem kommen. Die Single zum neuen Album machen.

Wer den physischen Markt dann immer noch bedienen will, der kann ja nachdem alle Tracks einzeln releast wurden, immer noch eine Compilation rausbringen.

About The Author

Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

16 Responses

  1. Falk

    Wer heute einen Mainstreamkünstler passend vermarkten will

    Warum nur Mainstreamkünstler? Ich denke grad und vor allem im Indiebereich sollte man solche Wege ausprobieren und abstecken, wie die Fans darauf reagieren. Denn in meinen Augen führt dies ja auch mit dazu, dass man die Fans stärker an sich bindet, wenn man regelmäßig neue Sachen unters Volk bringt. Dies müsste man einfach mal nur konsequent zu Ende denken. Wobei eben die übliche Arbeitsweise auch bei der Produktion eher eine andere ist und ein “Song für Song” produzieren unterm Strich teurer sein dürfte, als sich für 2-4 Wochen im Studio zu verschanzen, um eine komplette CD aufzunehmen. Außerdem müsste die dann erhältliche Compilation neben Cover, Artwork und Booklet-Texten wohl noch mehr entscheidenden Mehrwert bieten, um für die Käufer interessant zu sein.

    Reply
  2. Yoosic

    Ich seh das komplett anders. Sich als Musiker auf Singles und Remixe zu beschränken, ist so was von platt. Und stellt Euch vor, es gibt noch immer Künstler, die sich bei der Produktion einer Platte etwas denken. Was ist zum Beispiel mit den großrtigen Konzeptalben? Die sind dann wohl verboten?

    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das besonders im Indiebereich der Weg sein soll. mainstream, meinetwegen. Aber auch da nur mit Abstrichen. Man denke zum beispiel an die wundervolle Neuvertonung des Panzerkreuzers Potemkin durch die Pet Shop Boys. Gerade diese Scheibe ist meiner Meinung nach das großartigste Werk der Jungs.
    Kunst hat eine Aussage und ein Album sollte nach wie vor ein Gesamtkunstwerk und nicht eine lose Schachtlung von Song sein. Erstere abzuschaffen, unvorsellbar! Zweitere abschaffen-aber bitteschön!

    Reply
  3. bleed

    hi tina, deswegen red ich ja auch nur von “künstlern”, denen ihre manager eh alles vorschreiben können was sie zu tun haben :)

    Reply
  4. drum and bass magazin

    Keine Alben mehr…

    bleed, drüben bei debug, macht sich Gedanken um die Releasepolitik von Morgen. Nach seiner Meinung sollte es keine Alben mehr geben, sondern nur noch einzelne Single Veröffentlichungen. Warum und Wieso, erklärt er hier.

    ……

    Reply
  5. marius

    die Idee ist ja nicht neu, meiner Meinung nach aber Blödsinn. Es mag sein, dass dies bei elektronischer Musik oder bei Charts Musik wie Naidoo noch relativ gut funktionieren wird, da solche Musiker sowieso von Singles leben, aber im Indie und Alternative Bereich wird das meiner Meinung nach nicht funktionieren.
    Ich als Konsument würde das auch gar nicht wollen, und das liegt nicht nur daran, dass ich grundsätzliche keine Musik downloade sondern mir immer eine CD kaufe.

    Außerdem hat Yoosic absolut Recht, dass Alben auch oft Konzeptalben sind oder eben eine gewisse Dramaturgie oder eine Geschichte erzählen. Alben sind oft wie ein Buch oder ein Film, und solche Werke muss man zwigend am Stück und vollständig genießen können.

    Mit solchen Ideen verkommt Musik zur Instant/Fast Food Ware ohne Wert! Scheußlich!
    Was ist ein wunderbares großes Album auf CD gegen einen aus dem Zusammenhang gerissenes und schlecht klingendes DRM MP3 als Werbegeschenk von Coca Cola? Nein Danke!

    Reply
  6. Falk

    Mit solchen Ideen verkommt Musik zur Instant/Fast Food Ware

    Ist sie doch für die Mehrzahl der Menschen jetzt schon. Oder?

    Reply
  7. marius

    Falk, Ich kann und will nicht für die Mehrzahl der Menschen sprechen. Bei mir und allen meine Bekannten ist sie das zumindest nicht.

    Reply
  8. Falk

    Klar Marius, die Ausnahmen mags geben und ich denk auch mal, dass dies etwas mit unserem Alter zu tun hat, dass wir Musik noch als etwas Greifbares verstehen. Ist mir ja auch lieber, nur gehts halt für die Künstler auch mit darum, sich der Realität zu stellen, ob sie mir nun passt oder nicht. Ich würd die Idee mit den Einzelsongs wirklich nicht so verteufeln – schau dir doch mal (haha, “cooles” Beispiel) die derzeitige Werbung zum neuen Album von NIN an. Der macht doch auch nichts Anderes, als einen Song nach dem Nächsten bekannt. Und es scheint zu funktionieren, obwohl das fertige Produkt (die CD) ein Konzeptalbum ist.

    Reply
  9. Orange 26

    [...] DE:BUG BLOG » Blog Archive » Vergesst das Album Hm, diesen Gedanken muss ich mal beim Glas Rotwein am Kamin weiterdenken. Da ich ja ein sehr begeisterungsfähiger Mensch bin, ist dieser Artikel ein weiterer Funke auf mein Reisig. [...]

    Reply
  10. #thelastbeat.com

    [...] Woche griff Bleed im De:bug Blog die Meldung auf, dass CD Verkäufe weiterhin schwächeln, wohingegen andere Formen wie [...]

    Reply
  11. Tom

    Ich kann nur für mich sprechen, aber vielleicht teilt der eine oder andere diese Meinung ja und sie bekommt Relevanz.

    - Wie bereits gesagt, dies mag bei manchen Musikrichtungen funktionieren. Aber was ist mit Konzeptalben, wie sie gerade im Independentsektor in letzter Zeit wieder etwas häufiger vor kamen?

    - Was ist mit Songs, die erst beim dritten oder vierten Hören ihr Potenzial entfalten? Werden die dann mal schnell unterm Monat veröffentlicht, ohne große Promomaschine?

    (Ich muss an dieser Stelle wohl anmerken, dass ich noch Vinyl sammle – und zwar ausschließlich Alben)

    - Insgesamt könnte doch so ein Modell dazu führen, dass der Fokus immer mehr auf dem schnellen Absatz liegt. “Schnell, ein neuer Track muss her”. Ich kann so ein Gehetze nicht gutheißen. Ich warte lieber länger auf neues Material und höre es dann in einem Zusammenhang an, dem Zusammenhang des Albums.

    Erst im Kontrast werden wirklich gute Songs der jeweiligen Band auch erkennbar! Kein Album kann und sollte aus potenziellen Charthits bestehen…

    Und nebenbei gesagt: Im Independent-Sektor ist es schon lange gang und gäbe, dass neues Material mit Singlepotenzial zumindest per stream verfügbar gemacht wird. Oftmals aber auch als mp3 auf tonspion, betterpropaganda etc.

    Reply

Leave a Reply