Billig-Kopien von Luxustaschen sind eines der beliebtesten und umkämpftesten Phänomene der jüngeren Mode-Geschichte.

Karl Lagerfeld
Foto: Naco Paris

Aber dass viele Luxus-Taschen eigentlich selbst nichts anderes sind als Kopien von billigen Gebrauchstaschen, wird dabei übersehen. Wir erinnern an vier Taschen, die völlig ohne Mode-Hintergedanken entworfen wurden, auf deren Form sich aber die Mode-Designer dankbar geworfen haben.

1997 erscheint mit Roni Sizes Track ”Brown Paper Bag“ eines der einprägsamsten Stücke in der verblassenden Geschichte des Drum and Bass. Die braune Papiertüte wird darin, wie in der Popkultur seit jeher, vakantes Instrument zur Ausstattung vielseitiger Symbolik. Es gibt unterschiedliche Übersetzungsmöglichkeiten für sie: Zum einen steht die Tüte für Bierflasche. Für Geld. Oder einfach Butterbrot. Über ihre semiologische Bedeutung streiten sich Civil Rights Movement und Enzyklopädisten. Sicher ist: Einkaufstüten sind selten einfach Einkaufstüten.

BrownBag
Foto: Christopher Filippini

Bei Erscheinen des Stücks startet im High-Fashion-Bereich die Etablierung des Trends It-Bag. Dass Designerlabel sich auf den Verkauf von hochpreisigen Taschen verlegen, entsteht aus der Krise der Prêt-à-porter-Mode, die besonders aus dem weltweiten Siegeszug von Kopier-Ketten wie Zara und H&M resultiert. Nun hat das auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun.

Doch zwölf Jahre später, also heute, kommt es zu einer symbolischen Verschränkung der ”Brown Paper Bag“ und der Mutter aller It-Bags, dem Hermès-Bag (Erfinder der beiden wichtigsten und teuersten Taschen der Erde: Kelly-Bag und Birkin-Bag). Denn mit der ”Krise“ verändert sich das Verhalten beim Konsumieren. Viele Käuferinnen bei Hermès schämen sich dieser Tage mit der statussprechenden orangefarbenen Einkaufstüte umherzuwandern. So fragen sie die Verkäuferinnen nach einer einfachen weißen Tüte ohne Label, in der sie ihre Einkäufe auf dem Heimweg verstecken können.

In Taschen werden Dinge gestopft, zumeist um sie zu transportieren, selten um sie zu verstecken, meistens um sie bei sich zu haben. Wir haben vier Taschen, die im Alltag zu ikonischen Klassikern wurden, mit ihren luxuriösen Varianten abgeglichen. Erst aus dem Geist der eleganten Neuschöpfungen, durch einfache Aneignung und dekadente Hybris ergibt sich das Wesen der aktuellen Tasche. Denn heute interessiert niemanden mehr, von wem deine Tasche ist, sondern wer ihre Vorfahren sind.

Die Einkaufstüte

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Zur Peaktime der Krise stellt Chanel-Designer Karl Lagerfeld seinen Beitrag vor, als hätte er die Angst der Hermès-Kundinnen gerochen. Die für diesen Sommer in unterschiedlichen Größen designte Tasche sieht haargenau aus wie die papierene Einkaufstüte, die es umsonst dazu gibt, wenn man bei Chanel etwas kauft. Die Kopie mit der aufgedruckten Signatur des Flagshipstores in Paris, 31, Rue Cambon ist natürlich aus feinstem Kalbsleder, erhältlich in Schwarz, Weiß und Pink. Sie kostet 3000 Dollar und hört auf den Namen ”Essential Bag“. Das lässt sich als parabelhafte Satire lesen oder als vulgären Zynismus auslegen. Die ”Essential Bag“ funktioniert jedenfalls als Produkt, Kommentar und wahnwitziger Spiegel der Mode. TIMO FELDHAUS

Die Polentasche

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Diese Tasche ist überall. Aus unkaputtbarem Plastik gefertigt und mit signifikantem Karo-Muster bedruckt, findet sich die ”Polentasche“, wie sie in Deutschland gerne politisch leicht unkorrekt genannt wird, als tragbarer Wäschekorb in der Studenten-WG, als Logistik-Device halblegaler Kleinstökonomien auf den Floh- und Schwarzmärkten dieser Welt und als Billigkoffer der Migration an den Grenzübergängen zwischen der ersten Welt und dem Rest.

Im Frühjahr 2007 hat Marc Jacobs, Chefdesigner beim Taschen-Primus Louis Vuitton, eine Deluxe-Variante der globalen Prekariatstasche herausgebracht – im Kofferformat, mit stilechtem Karo, aus feinstem Leder und mit aufgedrucktem LV-Logo in Passstempel-Manier. Das macht Sinn, denn auf Vuitton-Taschen kann man sich überall einigen. Auf der Upper East Side genauso wie auf dem Pekinger Vorstadt-Flohmarkt.

”Best of both Worlds“ also, das synthetisierte Emblem einer weltumspannenden Ökonomie, die immer unterwegs ist, das eine Mal im Privatjet, das andere Mal eben zu Fuß. Und es geht noch einen Schritt weiter als das, was Appropriation-Art-Legende Richard Prince als Gast-Designer im Folgejahr abgeliefert hat. Der hatte sich zwar in Optik und Materialität unverhohlen an der Fake-Variante made in China orientiert, das typisch großflächig eingesetzte Monogramm aber beibehalten. Die Jacobs-Variante bringt nun das angestammte Luxusklientel in die peinliche Situation, bei jeder Gelegenheit erklären zu müssen, dass es sich eben nicht um einen ”Fake“ handelt.

Die Deluxe-Polentasche hakt allerdings auch in der Schattenökonomie des globalen Schwarzmarkts. Denn wer will schon aus der echten Polentasche Babuschka-mäßig die gefälschte herausziehen? Unterklassen-Mimikry funktioniert da nicht so gut, wo man nicht die echte Louis-Vuitton-Tasche kauft, sondern eher das Versprechen von Luxus aus der Polentasche zieht. Und doch gab es auch von dieser Tasche schnell Fake-Ausgaben. Der Schwarzmarkt gewinnt eben immer. DOMINIKUS MÜLLER

Der Leinenbeutel

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Der Leinenbeutel ist im Grunde ein ruchloser Karrierist. Denn trotz seiner aktuellen Erscheinungsform als Hip-Accessoire liegen seine geistigen Wurzeln in den zutiefst modemisstrauischen 70er Jahren. Hippies und Linksintellektuelle, denen modischer Ehrgeiz ein klares Erkennungsmerkmal der Bourgeoisie und untrüglicher Ausdruck kapitalistischer Dekadenz war, stopften ihre in Amsterdam gedruckte Ausgabe von Adornos ”Dialektik der Aufklärung“ in solche Beutel.

Und in den 80er Jahren mit der Diversifizierung der Protestkultur in Antiatomkraft-, Frauen- und der Friedensbewegung war der Beutel ein festes Erkennungszeichen all jener, die den Zustand der Welt sehr misstrauisch beäugten, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Was sie einte, war der Beutel, in den man den anthroposophischen Brotaufstrich oder das Mondphasenwasser aus dem Reformhaus transportierte. Heute ist diese Ikone der Alternativbewegung längst nicht mehr die ökologisch-korrekte Alternative zur Plastiktüte.

Es gibt mittlerweile Leinenbeutel von Marc Jacobs, Martin Margiela, Henrik Vibskov, Kostas Murkudis und Bernhard Willhelm. Der Beutel hat sich sogar als Mittel der Kommunikation etabliert: Man kann etwa dem Modeschöpfer Yves Saint Laurent mit dem R.I.P-YSL-Bag kondulieren. Mit Konsumverweigerung hat der Leinenbeutel nicht mehr viel zu tun. Oder doch? Vor zwei Jahren, als noch nicht jeder mit einer Jutetüte rumlief, sah man ein Exemplar, das nicht mit einem einzigen, sondern mit den Logos von Gucci, Louis Vuitton, MCM und diversen anderen Edel-Labels übersäht war. FELIX DENK

Der Bundeswehr-Rucksack

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Mode und Militär sind ein ungleiches Paar, das allerdings auf eine sehr lange Liaison zurückblicken kann. Wie die Epauletten das Vorbild für die Schulterpolster waren und Querstreifen erst durch die Marine als Freizeit-Look populär wurden, sind Uniformen immer schon Inspiration für die zivile Mode und sogar die High-Fashion gewesen. Kaum einer hat das mehr kultiviert als Raf Simons. Der introvertierte Belgier, der neben seiner eigenen Linie RAF auch für Jil Sander entwirft, hatte immer schon ein Faible für Springerstiefel und Militärmützen sowie für scharfe Schnitte und strenge Silhouetten. Und für alles Jugendkulturelle.

Seit 2008 designt er für den amerikanischen Taschenhersteller Eastpak Rucksäcke aus Denim, Nylon und Mesh, die in ihrer Form doch sehr an die klassischen Bundeswehr-Modelle erinnern. Mit diesen übergroßen Rucksäcken könnte man problemlos in einen längeren Krieg ziehen, aber auch friedlich gesinnte Menschen können ihn – quasi uneigentlich – nutzen. Schließlich ist es die klassische Masche der Jugend, die Simons da weiterstrickt. Aus der Ästhetik der Uniform etwas zu drehen, was gar nicht uniformiert wirkt. Bundeswehrrucksäcke wurden bepinnt, besprüht, bemalt, benäht. Schon war das billige und aus extrem stabilem Material gefertigte Teil angeeignet und in seiner Symbolik gewendet.

Diesen Mechanismus erkannte übrigens schon Monte Goldman, der Eastpak 1960 gründete. Er startete als Armee-Ausstatter, bis ihm sein Sohn flüsterte, dass Armee-Ausrüstung auch Wehrdienst-verweigernde Studenten nutzen, um ihre Bücher zu verstauen.
FELIX DENK

11 Responses

  1. Beric

    Der Bundeswehr Rucksack geht ja mal gar nicht! Wer beim Bund war wird den ganz bestimmt nie mehr tragen!

  2. Found « »Stil, Irrelevanz und Bewegungsmangel« | EinBlog

    […] Found 16. November 2009 in Virtuelles Leben, Echtes Leben, Randnotiz, Hinweise, Brainfuck und stupide Unterhaltung und looks good, sounds good. de:bug, mode, stil, taschen In Taschen werden Dinge gestopft, zumeist um sie zu transportieren, selten um sie zu verstecken, mei… […]

  3. skp

    das “brown paper bag” von roni size war die hülle der dubplate, nix anderes. hauptsache mal popkulturelle verweise platzieren wollen und dann den postmodernen assoziationsblaster anschmeißen und blödsinn erzählen.

  4. Monika

    @Beric. Da stimme ich dir total zu! Ich war zwar noch nie bei der Bundeswehr..aber so ein Teil würde ich trotzdem nie tragen!

  5. Found « meta . ©® . com

    […] November 16th, 2009 publié par ♥Tekknoatze via ♥Tekknoatze In Taschen werden Dinge gestopft, zumeist um sie zu transportieren, selten um sie zu verstecken, mei… tags: pomo, pops labels: all, d_r_econstructions, simulacra, trampen […]

  6. Julia

    Die Tasche mit ‘Karl who?’ ist total witzig 🙂 Der Effekt wird aber nur bei Prominenten so sein, wie es sein soll, denn wenn ich mit so einer Tasche mit ‘Julia who?’ rausgehe, wird der Witz verfliegen 😀
    Es gibt bestimmt viele andere witzige oder auch interessante Sprüche, die man auf so einer Tasche tragen könnte. hmm…

  7. bundeswehrmodelle

    ich danke Ihnen sehr für teilhaben … Ich genieße wirklich alle diese Beiträge ..

    Wow, das klingt großartig. Bitte halten Sie mich aktualisieren

  8. Taschen Fan

    Jetzt können Taschen schon sprechen 😉 Ne, Späßle – tolle Bilder – interessante Aussagen!

  9. Mademoiselle

    Da sieht man mal wieder, das Taschen schon lange kein reiner Gebrauchsgegenstand oder modisches Accessoire sind, sondern auch die Persönlichkeit ausdrücken oder ein Statement setzen können.