In Berlin bebt der Modediskurs

Hier im Bild steht David Lieske aka Carsten Jost vor dem temporären Dial Shop in Berlin Charlottenburg, der sich derzeit und auch an den nächsten beiden Wochenenden noch sehr schön besuchen lässt. Lieske, wie immer bestens gekleidet, mit Kaschmir Pullover und Einstecktuch von Milano, das sich durch einen babyblauem Rand auszeichnet. Unter der Tasche blitzen sogar noch die nagelneuen Loafers von Gucci. Ein Bild, da mache ich mir nichts vor, das der Sartorialist gerne selbst fotografiert und auf seine Seite gestellt hätte.

Das Bild von Jost bringt einen Artikel ins Gedächtnis, der kürzlich von dem großen Pop-, Mode-, und Kulturkritiker Ulf Poschardt in der Welt veröffentlicht und, etwa an Orten wie Tobias Rapps Facebookseite, gerne besprochen wurde. In dem wirklich wunderbar populistischen, genauso bräsigen wie brillianten Text führt Poschardt an einem Berliner Besuch des Sartorialist vor, warum, oder eher noch dass das mit der Mode in Berlin nicht klappt. Denn dass sich dem Besuch Scott Schumans, „des wichtigsten Modeblogger der Welt“, nur ein einziges kümmerliches, zudem noch unscharf fotografiertes Bild nach sich zog, dekliniere die von Poschardt seit je vermutete Stilarmut Berlins wie nichts anderes. Der Mangel an visueller Selbstvermittlung, den Poschardt in der Hauptstadt vorfindet, habe vor allem auch mit der Geringschätzung des Individualismus zu tun.

Außerdem:

„Die Wurschtigkeit im Umgang mit der eigenen Erscheinung ist auch Ergebnis einer Ideologie gleichgeschalteter Scheußlichkeit. Deren Vertreter machen sich über Menschen mit Hermèstaschen, Yves-Saint-Laurent-Kleidern und -Hüten zunächst lustig, isolieren sie dann als Störenfriede und wollen sie schließlich mit Reichen- und Vermögenssteuer in das Elend der Mittelstandsmode zurückdrängen. Dass sich wohlhabende Bundesbürger von derlei Missgunst verschrecken lassen, ist armselig.“

Nun ist Poschardts großjournalistisches Vorgehen, am Kleinsten das Allergrößte zu zeigen, an sich schon ein genialer Zug, aber natürlich auch genial falsch. Denn zum einen hat einer wie Schuman obviously kaum die zeitlichen Kapazitäten, flanierend etwa einen Bezirk wie Neukölln zu durchdringen, wo stylische Lesben und abgerissene amerikanische Elite-Austauschstudenten an einem durchaus ernstzunehmenden Stil arbeiten, zum anderen lassen ihn sein extrem enger fotografischer Blick angesprochene Stilbilder, die einen Berliner Stil erst auszeichnen, kaum erkennen. Denn Schuhmans Raster ist eng gestrickt: ()

Dass andererseits genau diese Folie aus italienisch-queerer Rassigkeit, britischen Schrulligkeit und amerikanischer Prepp-Hochschule in Charlottenburg durchaus täglich anzutreffen ist, (lange verwachsen mit einer gut abgestandenen Bürgerlichkeit), dass hätte Poschardt Schuman nur mal durchgeben müssen.

Darüberhinaus: Das Feuilleton der heute erschienenen Zeit macht mit einem Text auf, der durchaus von der Autorin Helene Hegemann stammen könnte. Sie resümiert dort wiedermal über alle Ecken reflexiv die Kritik der Kritik ihres Romans und des nachfolgenden Hypes. „Süß und schlau“ sei das, wurde mir beim Frühstück gesagt. Einer der vielen genialen Sätze in dem Pamphlet, der von der bleiern-blöden „Kritik“ an ihrer Person handelt, geht wie folgt aus, „dass jemand, der so hässlich ist wie ich, keine ausreichende Lebenserfahrung haben könne, um über Leute in Berlin zu schreiben (?)“. Das scheint mir, auf abenteuerliche Weise, den angesprochenen Gesamtzusammenhang zum Abschluss zu bringen. Ganz sicher bin ich mir, dass Helene H Ulf Poschardt gerade in diesem Moment als Stilikone ablöst.

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7 Responses

  1. Anne

    “Die Vertreter der gleichgeschalteten Scheußlichkeit machen sich über Menschen mit Hermèstaschen, Yves-Saint-Laurent-Kleidern und -Hüten zunächst lustig, isolieren sie dann als Störenfriede und wollen sie schließlich mit Reichen- und Vermögenssteuer in das Elend der Mittelstandsmode zurückdrängen.”

    Selten einen so ekelhaften wie lächerlichen Quatsch gelesen.

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  2. lennart

    Mode heisst in Deutschland für die gehobene Mittelschicht leider viel zu oft wirklich, den Ralph Lauren Store leer zu kaufen..

    Was mich in Berlin aber auch nervt, sind die Leute die sich schlecht sitzende Quatschklamotten im 2nd hand laden kaufen und glauben damit dann die geilsten zu sein. Auf der anderen Seite bewundere ich die Leute die in den 2nd Hand Laden gehen und sich gut sitzende, schöne Klamotten für wenig Geld kaufen und die so kombinieren, dass es ernstzunehmend ist. Denn wenn man es mal realistisch sieht, hat in Berlin einfach kaum jemand genug Geld um sich Gucci Loafer, Tasche und so weiter zu kaufen. Das Geld geht für Bier und gute Laune raus..Und dafür sehen hier schon alle ganz gut aus…Die Kleider sind halt dreckig, aber das ist dann halt der Stempel am Handgelenk der Generation Facebook-Rave..

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  3. AFXT

    In Berlin bebt alles aber kein Modediskurs, weil de facto ist die Mode in Berlin auch 2010 geprägt von schlechtem 2nd Hand oder totaler unkreativität, da ändern auch die handwerklich sehr schlecht gefertigten Modetreter von Gucci nichts dran, schon allein das spricht bei Schuhliebhabern Bände, der Rest ist unerwähnenswert. Danke für nichts.

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  4. Schal

    Verstehe die Überschrift nicht. Wieso gegen? David genau auf Linie.

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  5. Timo

    Bin ich jetzt doof oder stehst du auf dem Schal? Das ist eine gute Überschrift, weil sie auf ein großes Duell in der Bibel referiert. Und David gegen die Position Poschardts in Stellung gebracht wird, obwohl er eigentlich, wie du schon ganz richtig sagst, stylemäßig sicher nicht fern von Poschardts Vorstellungen sich anzieht. Wobei David natürlich stylmäßig einiges mitreflektiert, was einem Poschardt entgeht.

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