Das Ich im Anderen

Cyril Duval ist ein wenig der Cindy Sherman der Popkultur. Mithilfe von Perücken, Schminke und verschiedenster Kleidung schlüpft er in der hier zum Teil abgebildeten Fotoserie in jeweils andere Rollen und arrangiert ikonische Bilder der Mode-, Kunst- und Popkultur neu. Über diese Arbeit hinaus betreibt er mit dem multidisziplinären Brand-Charakter und Alter Ego Item Idem eine Selbstgestaltung neuen Formats.

“Item idem, in the business of selling dreams since the XXth century” hängt statt einer Adresse den Mails von Cyril Duval an. Item Idem aka Cyril Loup Aime Duval Hörlin du Houx aka Cyril Duval begreift Mode, Kunst, Design, Marketing und Inneneinrichtung als ihm jeweils zuarbeitende Felder, die man bestenfalls so lapidar miteinander verknotet, dass man sich gleichzeitig repräsentativ darin bewegen kann, und dennoch möglichst weit an jeder Form von Fassbarkeit entlang schliddert.

Der in Paris geborene Konzeptkünstler arbeitete bereits mit Künstlern und Supermarken wie Comme des Garçons, AA Bronson, Colette oder Michel Gaubert zusammen, er war Fashion Director des japanischen Magazins Tokion und in Tokio designte er auch den ersten Flagship Store von Bernhard Wilhelm, für den er einigen Junk aus Tokios Vorstädten plünderte und in der Boutique neu inszenierte. Klickt man auf den unter seinem Wikipedia-Eintrag aufgeführten Link mit Namen “zeigeist’ think tank“, gelangt man zu Facebook. Hier skippt man sich durch über 520 Fotos, in denen Duval sich facettenreichen Selbstinszenierungen hingibt, Zeiten und Orte durchschreitend, wild durch die Kunst- und Modegeschichte zitierend. Viele der Bilder sind aber auch nur Schnappschüsse von ihm selbst. Nicht mehr aber auch nicht weniger, denn er verfügt über einen hohen Grad an modischer Experimentierfreudigkeit.

In der aktuellen Ausgabe des italienischen Apartamento-Magazin zeigt Duval seine Wohnung in Tokio her. Das “everyday life interiors magazine“ ist genauso ein neues Medium wie Ausdruck der neuen Design-Ansätze, mit denen wir uns in Ausgabe 142 beschäftigen. Die fotografischen Homestories von wenig bekannten, aber extrem coolen Menschen, sagen eigentlich etwas Banales: Deine Wohnung muss nicht von Designexperten für viel Geld gestaltet werden, jeder ist seiner Schönheit eigener Schmied und auch der Indie-Mensch kann geschmackvoll schmieden. Duval sagt dort im Interview, er sei ein Vakuum. Kunst als Leben, natürlich, aus diesem Versprechen der Avantgarde speist sich auch die Geschichte von Duval, aber eher noch die Kunst des dokumentierten Lebens.

Die hier vorgestellten Werke sind Teil einer Serie, in der Duval in immer andere Identitäten schlüpft und ikonische Bilder nachstellt. Die angewandten Modelle sind dabei nicht neu, sehen allerdings fabelhaft aus. Die künstlerische Methode, die er bei all dem am traumwandlerischsten beherrscht, sind die der Multikanal-Vernetzung und der permanenten Selbstinszenierung. Die Verknüpfung dieser Felder macht ihn zu einem Paradebeispiel virtueller Hochstapelei – ein neonfarbener, monumental aufgeblasener Felix Krull – und damit zu einem zeitgenössischen Künstler par Excellence. Dabei sind die Endprodukte seiner Arbeit eigentlich weniger interessant als die Person, das Leben, das zu einem künstlerischen Endergebnis führte.

Im Juni wird er in der im Berliner Haus der Kulturen der Welt residierenden Wanderausstellung Dysfashional zu sehen sein, in der Werke an der Schnittstelle von Kunst und Mode gezeigt werden. Derzeit arbeitet er an dem Set-Design zu einer Oper des Splatter-Porno-Schwulen-Film-Regisseurs Bruce LaBruce. Die dokumentierte E-Mail-Unterhaltung führt er aus dem Libanon, wo Duval wegen Asche gerade nicht weg kann.

Debug: Was ist die Bedeutung von Item Idem?

Cyril Duval: Es ist ein Vehikel, das meinen Wunsch ausdrückt, ein absolutes Medium herzustellen, eine fiktionalen Marke, die alle möglichen Felder miteinander verbindet. Dinge werden unter Item Idem verlinkt, reproduziert, vernichtet, adaptiert, vermischt und prozessiert.

Debug: Warum ist Tesafilm in den Haaren von Michael Jackson?

Duval: Ich konnte mich nicht als Michael Jackson ausgeben, wie es etwa bei den Bildern von Rei Kawakubo oder Nazi Milk der Fall ist. Jackson ist eben wirklich ein Unikat. Vor dem Hintergrund des Scheiterns habe ich mich entschieden, das Originalbild von Jeff Koons zu verfremden. Es funktioniert meiner Meinung nach eher als Kommentar auf Zerbrechlichkeit, Fragilität und Unbeständigkeit.

Debug: Bist du in irgendeiner Weise beeinflusst von der Arbeit Cindy Shermans?

Duval: Ja und nein. Sie ist sicher eine der interessantesten Fotografinnen, die es gibt. Im Gegensatz zu ihr fotografiere ich mich aber nicht selbst, sondern entwerfe, führe “Regie” und performe. Ich interessiere mich eher dafür, berüchtigte, bereits bekannte Bilder neu zu interpretieren, das können historische Werbeaufnahmen, Kunst-Fotografien oder Skulpturen sein.

Debug: Aber wenn du etwa diese sehr bekannte Fotografie der kanadischen Künstlergruppe General Idea in genau derselben Art nachstellst, was genau ist da der Mehrwert?

Duval: Nichts ist neu. Meine Arbeit ist in diesem Fall ausschließlich eine Reaktivierung, eine Hommage, die nochmals auf die Großartigkeit des Originalwerkes aufmerksam machen soll, es gewissermaßen noch verstärken soll.

Debug: Aber sind nicht alle Arbeiten, die an der Schnittstelle von Kunst und Mode entstehen, ein wenig prätentiös, nachdem Elsa Schiaparelli und Salvador Dalí sich getroffen haben?

Duval: Wahrscheinlich schon. Aber diese Schnittstelle interessiert mich sowieso nicht primär. Ich bin eher fasziniert von Dalí selbst und der Überfülle an Werbung, die er lange vor Andy Warhol für seine Arbeit benutzte. Die Verbindung von Kunst und Mode ist im Grunde langweilig. Es ist das Feld von Louis Vuitton, und passiert nun wirklich nichts neues.

Debug: Glaubst du, dass Self-Designing, zum Beispiel durch Facebook oder lookbook.nu, einen starken Einfluss darauf hat, wie vor allem junge Leute heute denken? Hast du eine bestimmte philosophische Strategie parat für den zerbröselnden Begriff der Identität?

Duval: Zur ersten Frage: Ich hoffe es. Denn es ist der Kern von dem, was ich tue und glaube. Ich versuche, jeden Aspekt meines Lebens und meiner Arbeit selbst zu konzipieren und zu designen. Dadurch, dass ich sie multidisziplinär anlege und Magazine und andere Medien als Ausstellungsorte begreife, virale Kommunikation bevorzuge und über Facebook-Gruppen und meinen Colette-Blog in Erscheinung trete. Es geht mir schon darum, eine sehr persönliche und auch eine reiche Persönlichkeit zu kreieren. Diese Persönlichkeit, trotz ihrer hoher Transparenz, ist mir nicht zu nehmen. Wenn man es doch tut, bin ich verloren.

http://www.itemidem.com
http://www.blogs.colette.fr/itemidem

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Elektronische Lebensaspekte.

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