Was tragen die Berliner Vorort-Kids?

Wir wollten es wissen: Was macht die echte Jugend, die, die nicht liest, nicht schreibt, sondern lebt? Die wie die Teds in den 50ern die Tat vor die Reflektion setzt und trotzdem so durchdacht aussieht. Die Punks gründeten Fanzines, aber das waren ja auch Designhochschulen-Poser. Die New-Rave-Kids gründeten Fanzines und Blogs, aber das waren ja auch Designhochschulen-Poser. Die Handtaschen-Mädels gründen Blogs, aber das sind ja auch Papis Lieblinge.

Wir haben Berliner Vorort-Kids gefunden, die in keiner Zeitschrift, in keinem Blog vorkommen, die nicht einmal einen Namen für ihren Stil haben. Aber Stil, den haben sie. Und sie wissen, wogegen sie sich abgrenzen. Etwa der so genannte Picaldi-Look, der geht gar nicht mehr. Die deutsch-türkische Marke Picaldi baute eine 80er-Karotte von Diesel nach und schuf damit das 90er-Äquivalent zur Perfecto-Lederjacke der Rocker oder dem USA-Parka der Mods. Picaldi-Karotte plus Alpha-Industries-Jacke plus zweistufig rasiertem Boxer-Haarschnitt dominierte das Straßenbild. Diesem vierschrötigen Machismo setzt die nächste Generation nun eine tänzerische Schmalgliedrigkeit entgegen. Picaldi hat reagiert und die Unterlinie Zerava mit eigenen Shops geschaffen, in denen sie Jeans mit schlankem Bein anbietet. Die neuen Jungs müssen so nicht partout auf Macker machen, können aber noch dieselben Hosen tragen.

Und sie pfeifen auf deutschen Gangsterrap. Autos geben ihnen nichts, “dann sieht man ja unsere Klamotten nicht”. Statt gedeckter Straßenkämpferfarben favorisieren sie bühnenreife Neontöne (die man aus dem New Rave kennt, der aber auf einem komplett anderen Planeten spielt). Die auffälligen Farben sind abgestimmt, der Hoodie auf die Socken, aber das zuzugeben, damit tun sie sich noch schwer. Mit schmaler Silhouette und Glitzerfarben brechen sie das Packeis des Ghetto-Machismo auf. Sie haben die Effeminierung des metrosexuellen Superstars David Beckham nachvollzogen. Eine Abkehr vom Machismo muss das aber keinesfalls bedeuten. Niemand putzt sich so weibisch heraus wie totalitäre Herrscher und Zuhälter. Aber es bedeutet eine Abkehr vom Packeis und einen Gewinn an spielerischer Offenheit der eigenen Rolle gegenüber. Wo sie hinwollen, das ist ihnen allerdings selbst nicht klar: “Eigentlich wollen wir nur ‘gepflegt’ aussehen.”

Dem heiligen Glauben jeder Jugendkultur an einen Untergrund und geheimes Wissen, an dem irgendeine Gegenseite nicht teilhat, erteilen sie eine radikale Absage. Helden? Mal den Ball flach halten. “Im Grunde hören wir alles, vor allem aber Electro und R&B. Nur Rock nicht.” “Außer Lil Wayne macht eine Rockplatte.” Spezielle Marken, spezielle Läden? “Zara. Zara sind die Besten. Aber H&M oder C&A geht auch.” Du trägst da eine Kette mit D&G-Hundemarke. Wo kommt die denn her? “Habe ich irgendwann mal gekauft.” Wo denn? “Eh, glaub’ mir, die ist echt!” Zu den Produkten mit Luxusmarken-Logo, an denen die Luxusmarken keinen Cent verdienen, gehört neben Dolce & Gabbana vor allem Armani (Sonnenbrillen und T-Shirts). Nike ist fett und Fußball ungeschlagen. Um Mädchen zu gucken, reist man den weiten Weg aus Gropiusstadt, Reinickendorf oder dem Weddinger Gesundbrunnencenter bis zum Kurfürstendamm. Berlins größte Disco mit den größten Muskelbergen an der Tür, das Q-Dorf, ist das Sehnsuchtsziel. Ein mallorquinischer Ballermann mitten in Berlin, der auf den kleinsten gemeinsamen Halligalli-Nenner setzt. Auch hier: bloß nichts zu Spezielles.

Aber genau genommen haben in dem Disco-Labyrinth die Mädchen mehr an den Jungs zu gucken. Die Modegewichtung zwischen den Geschlechtern verkehrt sich. Die Mädchen, die seit Generationen nach nichts anderem als Russen-H&M aussehen wollen, rutschen ins Mauerblümchendasein ab, während die Jungs einen Fuß auf den Pfad der modischen Gewagtheit setzen. Dass sie dabei kein ideologisches Auffangnetz knüpfen, macht es nur umso heroischer. “Wir sind stolz und wir sind gepflegt”, das war schon der Kampfruf der proletarischen Mods.

Text: Jan Joswig
Fotos: Lars Borges

Text aus De:Bug 144

3 Responses

  1. jochen

    habs gewusst. und nächsten sommer rennen dann die neuköllnhipster so rum. weil die immer alles nachmachen. egal von wem.

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  2. Kolja Piz Buin

    Das letzte, was exakt dieser letzte Sproß grenzdebiler Hedonisten noch auf die Kette kriegen könnte, ist irgendeine originäre oder substantielle Meinung zu irgendwas. Darauf eine Flasche verdünnten Marken-Weichspüler auf ex!
    “Lieber will der Mensch noch das Nichts wollen, als nicht wollen.” // Friedrich Nietzsche, Genealogie der Moral

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