Post-Proll-Karotte

Der Ethnologe Moritz Ege hat den Stil Jugendlicher aus “den Nachfolge-Milieus der Arbeiterschicht” zum Forschungsobjekt erkoren, dessen auffälligstes Merkmal die Karottenhose darstellt. Ähnlich wie in den frühen Tagen der Skin-Kultur frönen deutschstämmige und migrantische Jugendliche gleichermaßen einer Ästhetik für harte Straßenjungs, die jenseits ihrer Szenen durchgehend auf Abneigung stoßen. Ein Gespräch über Körperbilder, subkulturelles Product Placement und den Arsch in der Hose.

Debug: Wo hat die Recherche zum Post-Proll-Look angefangen?

Ege: Erstmal bei der türkischen Jeans-Marke Picaldi und in HipHop- und Streetwear-Geschäften, da habe ich mit Verkäufern und Designern gesprochen. Dann habe ich eine Kundenbefragung in Geschäften gemacht. Außerdem habe ich zwei lose Gruppen von jungen Erwachsenen eine Weile begleitet, ein paar dutzend Interviews geführt, bin mit Leuten durch die Stadt gelaufen und gefahren, wir haben Filme und Musik kommentiert.

Debug: Wie haben denn die Jugendlichen reagiert, als Sie sie befragt haben?

Ege: Ganz unterschiedlich, sie sind ja keine homogene Gruppe. Manche superfreundlich und interessiert, so dass das von gegenseitiger Sympathie geprägt war, andere haben gar nicht erst mit mir gesprochen oder klar gesagt, dass sie das nicht interessiert. Mädchen haben mit mir oft lieber über Jungs geredet als über sich selbst, so dass ich mich dann wohl oder übel auf die männliche Seite konzentriert habe. Allgemein ist es natürlich so: wenn ich da ankomme, bin ich keine neutrale Instanz, sondern selbst sozial positioniert und werde typisiert und stelle als Uni-Mensch auch irgendwie ein Gegenbild dar, das bei dem ein oder anderen Abstoßungseffekte auslöst. Einige haben mich für einen Polizisten gehalten, und oft bin ich vermutlich in eine Lehrer-Sozialarbeiter-Rolle gerutscht. “Auch so ein Moritz”, meinte einer, als wir die Rap-City-II-DVD ansahen, und ein Interviewer kritische Fragen stellte. Es gibt auch eine Menge Leute, die viel erzählen, weil sie meinen, ein falsches Bild herrsche über sie vor. Ein Extremfall war ein junger Mann, der redete wie ein Wasserfall, irgendwie beflissen und künstlich, bis mir auffiel, dass er die Sätze verwendete, die er in einem Konfliktbewältigungskurs auswendig gelernt hatte, den er belegen musste. Die Firmen wiederum hatten ein Interesse an den Kundenbefragungen, weil sie die unterschiedlichen Milieus auch nicht völlig überblicken.

Debug: Wie genau trägt man eine Karottenjeans?

Ege: In der klassischen Variante trägt man sie ziemlich hoch, mit dem viel zitierten Arsch in der Hose. Der Schnitt unterstützt eine muskulöse Körperform, akzentuiert also breite Schultern und einen V-förmigen Oberkörper durch den Gegensatz zur schmalen Taille. Wenn man es auf diesen Karottenschnitt-Look anlegt, braucht man schon kräftige Beine, sonst schlackert die Jeans an den Oberschenkeln, wo sie ja etwas weiter geschnitten sind. Aber sehr viele tragen das genau so, dann aber eher auf der Hüfte. Und dann gibt es die Fast-schon-Baggy-Variante, etwas zu groß und tiefer sitzend.

Debug: Warum stecken sich viele die Hose in die Socken?

Ege: Das machen inzwischen nicht mehr so viele, und wenn, dann eher die 12- bis 15-Jährigen. Manchen ist wichtig, dass die Hose nicht über die Schuhe fällt. Manche kaufen sich extra Gummis und wickeln die um den Bund. Dadurch sieht man die Sneakers, die sind nicht nur als ästhetisches Objekt, auch als Statussymbol wichtig – selbstbewusst Herzeigen, statt verschämt Verbergen, das ist so ein Grundprinzip des Stils, denke ich.

Debug: Richtig populär wurde die Karottenjeans mit dem Modell Saddle von Diesel. In den 80er Jahren war das eine typische Popperjeans. Wie kam es, dass so ein Mittelklasselook zum Erkennungsmerkmal von Jungs wurde, die sich gegenseitig Opfer nennen?

Ege: Es stimmt, dass das für viele als Erkennungsmerkmal dient, wobei es andererseits für viele auch nur eine Hose ist, ohne großes subkulturelles Gepäck. So viel Unklarheit muss sein. Die Popper-Ästhetik hatte eine klare Stoßrichtung: Man ließ raushängen, dass man auf teure Sachen stand, statt wie die Alternativen und Punks dem Konsum-Hedonismus abzuschwören. Auch eine Art von Zeigen statt Verstecken. Ende der 80er Jahre war der Karottenschnitt dann eher beliebt bei Sportler-Typen. Das passte zu einer Bodybuilding-Ästhetik, die wiederum auch bei jüngeren Migranten Anklang fand. Einige haben das zu so einem Harte-Jungs-mit-Muskeln-Stil weiterentwickelt, der hat sich dann verfestigt und bis heute gehalten. Der charakteristische Schnitt wurde Ende der 90er Jahre von Berliner Kleinunternehmern nachgemacht, die ihn bei der türkischen Jeansfirma Picaldi geordert und viel billiger angeboten haben. Diesel hat daraufhin angeblich aufgehört, die Saddle zu produzieren, weil sie zu sehr mit dem sozialen Typus des Picaldi-Kunden assoziiert wurde. Die Hose wurde zu einem Identitätszeichen. Und Picaldi vom Diesel-Fake zu einer eigenständigen Berliner Marke mit türkischen Wurzeln.

Debug: Wie kam es denn genau zu dieser Erfolgsgeschichte?

Ege: Zuerst hat sich das einfach herumgesprochen. Nicht zuletzt über den Preis, die Hosen kosteten um die 50 Mark. Daraus entwickelte sich ein Grass-Roots-Streetwear-Hype, der von der Rap-Welt aufgegriffen und mit dem Etikett “Gangster-Style” versehen wurde. Einerseits gab es Songtexte, in denen Jeans vorkamen und Videos und Fotos, in denen man die Schriftzüge sehen konnte. Bei Eko Fresh etwa, bekannterweise bei Bushido. Oder bei einem ziemlich finsteren Stück von Massiv, das “Wir sind Kanaken” heißt. Da singt er, “Wir sind die mit den Rambomessern, den Picaldi-Jeans”. Im Januar 2007 kam das Stück “Abschaum” von Bushido raus, da wollten plötzlich alle die Hose.

Debug: Eine Songzeile heißt: “Hier geht es nicht um mies oder fresh, ich hab’ die Picaldi-Jeans voller Cash”. Ist das subkulturelles Product Placement?

Ege: Es heißt, dass Eko Fresh und Bushido die Picaldi-Sachen eh schon hatten, da sei kein Geld geflossen. Jedenfalls hat die Image-Frage zwei Seiten: Natürlich haben Firmen wie Picaldi vom Deutsch-Rap profitiert, die Marke und die ganze Ästhetik wurde dadurch weit über Berlin hinaus bekannt. Andererseits waren diese Sachen auch für Stars wie Bushido als symbolische Ressource wichtig. Es gibt diesen Song, in dem er sagt, “Ich war nie ein Rapper”, also kein HipHop-Subkultur-Typ, sondern ein Junge von der Straße, der auch noch rappen kann – und das macht er dann unter anderem an den Hosen fest: “Ich bin ein Mann und ich bin in meinen Hosen geblieben”. Man trägt eben dezidiert keine Baggy Pants, die sind was für Leute, die Amerika nachmachen müssen, weil sie selber keine klare Identität haben, “die Straße” nicht kennen und sich kostümieren müssen. Das wäre dann eine musikbasierte Subkultur, bei Bushido geht es aber – dann wieder voll im klassischen Gangsta-Genre-Diskurs – ums Reale, um das, was auf der Straße passiert, wie behauptet und stilisiert auch immer. Damit wurde die Karottenschnitt-Jeans zu einem Unterscheidungsmerkmal aufgewertet. Er brauchte die Sachen für seine Selbststilisierung fast so sehr wie sie ihn fürs Marketing.

Debug: Wie kommt es, dass die Karottenjeans, beispielsweise in Berlin, in so unterschiedlichen Milieus beliebt ist – Jugendliche aus Einwandererfamilien vor allem im ehemaligen West-Teil der Stadt und deutschstämmige Jugendliche aus dem ehemaligen Ost-Teil?

Ege: Das ist sehr schwer zu beantworten. Beide Gruppen hören zwar häufig Rap, sind aber subkulturell nicht so genau festgelegt, dass sie sich einer Musik-Stil-Bezeichnung unterordnen würden. Die Jungs aus dem Osten hören auch Techno und Elektro, die migrantischen Jungs hören mehr türkischen Pop, HipHop, oder traditionelle Musik.

Debug: Mit der Musik kann man diese Stilvorliebe also nicht hinreichend erklären?

Ege: Nein, nicht allein. Die Musik braucht einen Resonanzboden. Ich denke, es hängt mit einer Familienähnlichkeit von Körperbildern und Männlichkeitsästhetiken zusammen. So wie bei der Schlaghose, wo die Erdverbundenheit gewissermaßen dadurch gezeigt wird, dass die Hose auf dem Boden schleift. Oder der Hipster, der sich mit seiner engen Jeans, in der der Körper richtig schmal erscheint, in eine Traditionslinie von Leuten stellt, die körperliche Kraft nicht nötig haben. Man könnte spekulieren, welche Rolle die alte Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit und deren Auf- und Abwertung spielt. Im weiteren Sinne kommen jedenfalls überproportional viele der Jugendlichen aus den Nachfolge-Milieus der Arbeiterschicht.

Debug: Subkulturen waren oft die Muse der High Fashion. Wäre das bei der Karottenjeans denkbar?

Ege: Ich wäre da skeptisch, zumindest was die Massentauglichkeit angeht. Levi’s und andere Firmen machen zwar Neo-Karottenjeans, die aber eher wie Pluderhosen aussehen. Die fallen anders, sehen femininer aus und gehen mit einem schmaleren Körperbild einher. Die Abneigung gegen die Karottenjeans à la Saddle/Zicco war bisher sehr groß. Viele finden das Image richtig schlimm, das ist für sie nicht ein Stil unter anderen, sondern etwas kategorial Verschiedenes. Manche Jugendliche, mit denen ich geredet habe, fühlen sich bedroht, im Sinne von – das haben die Abzieher an, das verkörpert eine aggressive Männlichkeit, eine körperliche Dominanz mit sexuellen Untertönen. Ich glaube nicht, dass sich daraus ohne weiteres ein freischwebendes Zeichen entwickeln lässt.

Debug: Aber die Punks haben doch auch Abscheu provoziert?

Ege: Dabei darf man aber nicht vergessen, dass Punk zu Beginn vor allem aus der Kunsthochschule hervorgegangen ist. Klar, bedrohliche Assoziationen können aufregend sein, aber damit der Look ein großes Ding wird, müsste Abstand her. Dafür bräuchte es eine gewisse Dekontextualisierung. Je weiter weg, desto einfacher ist die Aneignung. Solange reale Konflikte in der eigenen Welt greifbar sind, ist es schwer, dass daraus ein allgemeines Modeding wird, wie das etwa bei Fred Perry geschehen ist.

Debug: Die Skinheads waren eine harte proletarische Subkultur. Als der heute weltbekannte Modefotograf Nick Knight die Szene Anfang der 80er Jahre fotografierte, wurden die Bilder von Fashion-Magazinen gedruckt.

Ege: Das kann ich mir hier auch vorstellen, aber das wäre nicht gleichbedeutend mit Akzeptanz und massenhafter Nachahmung. Aber der Vergleich ist sicher interessant: in der Entstehung der Skinheads gab es ja anfangs auch diese jamaikanisch-migrantische und weiß-proletarische Kontaktzone und erst später den Rassismus plus die nostalgische Überhöhung einer verschwindenden weißen Arbeiterklassengemeinschaft. Davon gibt es auch hier Elemente, ob jetzt post-proletarisch oder über den Migrationsstatus bestimmt.

Debug: Ist die Karotten-Ästhetik denn originär genug, um zitierfähig zu sein?

Ege: Es gibt viele Leute, die haben einen extrem schlüssigen Look, hinter dem einige Anstrengung und viele Gedanken stecken. Das steht der symbolischen Kreativität in anderen subkulturellen Ästhetiken in nichts nach und ist extrem gegenwärtig. Vermutlich sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass etwas “oben” adaptiert werden muss, um sozial relevant zu sein und sich zu verbreiten. Das ist ja ein zentraler Punkt in der Gegenwartskultur, dass die ästhetischen Autoritäten an Bedeutung verlieren, ohne dass deshalb alle Hierarchien verschwinden. Aber Zitate und Adaptionen gibt es auch hier. Ich habe Flyer für eine Schwulen-Party gesehen, wo “Picaldi-Style” als Dresscode-Option genannt wurde.

Moritz Ege, 31, schreibt eine Doktorarbeit am Institut für Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität, in der es um die jugendkulturelle Relevanz und Thematisierung von sozialen Widersprüchen geht. In diesem Zusammenhang hat er sich auch mit dem Karottenschnitt und dessen Wahrnehmung beschäftigt. Eges erstes Buch handelte von der westdeutschen Liebe zum schwarzen Amerika (“Schwarz werden. ‘Afroamerikanophilie’ in den 1960er und 1970er Jahren.”) und wurde in der De:Bug Nr 5/2007 rezensiert.

Text: Timo Feldhaus

Text aus De:Bug 144

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Elektronische Lebensaspekte.

7 Responses

  1. palu

    ist das wirklich karotte? ich dachte karotte säße enger am unterschenkel?

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  2. BlizzyBlizz

    wie schwachsinnig das alles mit migration in verbindung zu bringen, das ist einfach strassenstyle ob deutscher oder ausländer …
    ansonsten guter artikel.

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