Jan Joswig über das Kleid der Linken


Fritz J. Raddatz

Der Preppy-Look ist der jüngere Bruder des Woody-Allen-Looks. Eigentlich wäre er prädestiniert als Steilvorlage für den linksintellektuellen Kleiderschrank. Man sieht immer angemessen aus, das aber auf leicht nachlässige, den pingeligen Konventionen überlegene Weise. Aber die deutsche Linke denkt gar nicht daran, diese Vorlage zu verwandeln.

Die italienischen Anarchisten der 40er-Jahre, die wussten noch maßgeschneidertes Denken mit maßgeschneiderten Anzügen zu kombinieren, schwor mein Geschichtslehrer, der immer verschiedenfarbige Socken trug. Die linke Kritik in Deutschland scheint ihm nicht zugehört, sondern nur auf seine Socken gestarrt zu haben. Niemand ist so indifferent in irgendwelche Klamotten gewurschtelt wie die linke Denkerklasse. Gegen die nassforsche Schnittigkeit der rechten Meinungsmacher von Kai Dieckmann über Norbert Bolz bis Ulf Poschardt und Florian Illies kann die Linke keine modische Haltung in Stellung bringen. Auf dem Weg in die Instanzen hat sie den imposanten Wuschelkopf von Rainer Langhans wogegen eingetauscht? Gegen: „Schneiden Sie’s so, dass mir kein Haar in irgendeine Style-Suppe fallen könnte.“



Bei ihren Autos jedoch beweist die Linke Stil: Modell 2CV & 3er BMW
© Jan Joswig

Es ging schon schlecht los während der Morgenröte der aktuellen Entscheidergeneration. Vor den Grünen gab es auf Seite des nicht-rechten Feuilletons einen durchdeklinierten Ästheten wie Fritz J. Raddatz von der „Zeit“. Aber schon die Turnschuhe der Grünen waren kein Statement, sondern nur eine Unbeholfenheit. Besucht man heute einen Kongress wie „Öffentlichkeit und Demokratie“ in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, kann man sich ganz auf die Wortbeiträge konzentrieren. Das Auge flieht den ästhetischen Horror Vacui. Plattfuß und Schlabberstrick sagen sich Gute Nacht, wie eh und je. Man mag es kaum hinschreiben, bei so viel Unoriginalität von ansonsten aufgeweckten Menschen verdächtigt man sich selbst, etwas übersehen haben zu müssen.


Modell R4
© Jan Joswig

Das Festhalten an der Egal-Mode könnte in den aktuellen neotraditionellen Modezeiten geradezu als Gegenhaltung platziert werden. Das Schlabbrige als das neue Scharfe, wenn das Scharfe zur Normalität geworden ist. Aber nein, hier wird nicht der Waldschrat gegen den Internatszögling in Stellung gebracht. Die Mutigsten versuchen im Gegenteil mit der Zeit zu gehen und klemmen sich eine Clutch unter ihre Funktionsjackenachsel.

Die Eitelkeit der Linken konzentriert sich auf ihre Intellektualität, Geist braucht keinen Tand. Die Sprache ist das Kleid, das Engagement die Sexyness. Vielleicht gehört zum Modebewusstsein eine Portion an Zynismus, die nur Menschen aufbringen, die nicht an ihre Mitmenschen (die Rechten) oder nicht an sich selbst (die Bohèmiens) glauben. Nach dem Wegfall des kommunistischen Blocks würde es auch endgültig das Ende aller Utopien besiegeln, wenn die deutsche Linke anfangen würde, sich wie Preppies zu kleiden. The Revolution will not look fashionable.

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Jan Joswig arbeitete über 10 Jahre als Redakteur für de:Bug und erfand dort gemeinsam mit Mari Lippok die Abteilung Mode. Heute ist er freier Journalist, Motorradfahrer und Tänzer. Spätere Generationen werden ihn als den einzigen Franz Hessel der Nullerjahre erinnern.

12 Responses

    • janj

      … der hinter seinen Barrikaden in Kleidungsfragen so wagemutig ist wie der deutsche Gartenzwerg hinter seinem Jägerzaun.

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  1. karl otto

    es geht um bild vs text. bilder machen halt duemmer, dass wissen sowohl moslems wie auch evangeliker und selbst google haelt sich dran. denke an mode ohne modefotografie und die intellektuellen duerfen wieder mitmachen.

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  2. la grande saucisse

    nä. text gegen bild ist gegessen. fashion gegen unfashion ist gegessen, das sind stellvertreterdiskussionen, die der ausbremsung dienen, agent provocateurs des diskurses, um trennlinien die nur noch im inneren existieren. wer sich da noch dranhaengt hat genausoviel revolutionaeres potential wie alle, denen kommunikative interfaces egal sind. zero. zorry.

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  3. mirko maran

    hey leute,
    ich hab ne idee. schreibt doch mal was über prepp. die preppys kommen
    hier echt viel zu kurz. (wie im echten leben.)

    peace out boys.
    euer prepp junkie

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  4. schnauzbart

    Jan Joswig als Franz Hessel! Dann aber auch de:bug als Die Fackel!

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  5. karl otto

    interesting that berlin never made its name trough fashion, until you dont count in the eternally hippness of nazi-stasi-punks. it”s the absense of what fashion means and an abundance of what history does which makes this city different. its not a german town where you need make movies about fashionable german terrorists in the 80ies. you just get your ideas and images from other sources than reading vogue. thats the difference to paris, london, milano. where berlin is ahead it is ulgy and its unmediated. leave your cameras in your pockets or give it to the doorman.

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  6. Lennart

    Ich glaube das Problem ist eher, dass es so ein Kuddelmuddel gibt.
    Punker sahen kacke aus – aber alle zusammen. Skins genauso blabla..Die aktuelle Linke hat wahrscheinlich noch nicht zu sich gefunden. Es gibt die Kaufhausanzüge, die Parkerfraktion, die Postpunk/PreMode Fraktion (gespalten, in einer gespaltenen szene, die armen), dann gibt es Omis Wollpullis und Birkenstocks, die Rastalinken, den TimeMachine-Hippie und natürlich die echten Punks die einfach so aussehen, wie es gerade so passiert.

    Wenn man sich für einen Look entscheiden müsste um einen Gegenpol zu den gestriegelten KTGs dieser Welt zu finden, wirds schwierig. Cool wäre es einfach ein Element aus jedem Teil des Mischmaschs auszusuchen und zusammenzuwürfeln, jeder muss ein Kleidungsstück an seinen linken (natürlich) Sitznachbarn weitergeben. Das ganze wäre wahrscheinlich gar nicht so weit weg von den Looks die so durch die Straßen latschen im Moment.

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