Im Schwung der Preppy-Welle der letzten Jahre hat der Boatshoe in modisch informierten urbanen Zirkeln mit dem Desert boot gleichgezogen. Zeitweise konnte er sogar die Rolle eines zweiten Referenzherrenschuhs beanspruchen. Im Gegensatz zur kontextuellen Neutralität, wie sie Clarks’ Wildlederschuhe mit ihrem Anschein weicher, leicht romantisch aufgerauhter Funktionalität verströmen, war aber der Boatshoe stets an einen bestimmten Assoziationsrahmen gebunden, in dessen Kontext er seinen Träger zu rücken versprach. 


The Chukka Boot Mustard Nylon (Band Of Outsiders x Sperry Top Sider)

Die flach geschnitten Schuhe mit ihren dünnen, wenig profilierten Sohlen und ledernen Schnürbändeln, die häufig durch ein mit goldfarbenen Ösen versehenes, den Hals des Schuhs umlaufendes Perforationssystem geführt werden, verweisen modisch auf ihren, realen oder imaginierten, funktionalen Herkunftsbereich: die Welt der Yachthäfen und Segeltouren, ein gehobenes maritimes Freizeitszenario. Dabei unterscheidet sich der Boatshoe vom Segeltuchschuh. Dessen relativ grobes Herkunftsmaterial Canvas evoziert die konkreten konstruktiven Bedingungen nautischer Fortbewegung (Segel, Takelage), und kann wegen seiner vergleichsweisen Grobheit und Strapazierbarkeit auch von Deckhands und Hafenarbeitern getragen werden. Das häufig bordeaux, kastanienfarben oder diskret cognac-hell gefärbte Leder des Boatshoe macht klar, dass sein Träger kein Segel hisst, weil er damit Geld verdienen müsste. 

Stattdessen findet der Freund des Boatshoe Freude und Zerstreuung an nautischen Handgriffen und braucht deswegen einen Schuh, der es ihm erlaubt, an Bord auch einmal zuzupacken und die Taue einzuziehen, dabei aber nicht zuviel an Arbeit denken lässt. Die Sorge des Boatshoe-Trägers ist eher, dass er zwischen dem Aufenthalt an Deck und dem Besuch im Grill des gerade angesteuerten Hafens seine Garderobe inklusive des Schuhwerks nicht wechseln muss. Der Boatshoe ‚geht’ an Deck und im Grill. In punkto Stillage verspricht er damit eine geschmeidige Lösung: er verweist auf den formellen Bereich exklusiver Lebensführung und auf die casualness eines aktiven Freizeitlooks. Er ist gleichzeitig high und relaxed. Sein Träger ist distinguiert und agil. 

Der Boatshoe bindet dieses maritime Funktionsszenario auch an eine bestimmte geographische Imagination. Das Terrain dieser sorgenfreien Bootstouren erstreckt sich ungefähr von Montauk bis Cape Cod und deckt damit die Küste Neuenglands ab, die sich jenseits von New York in den Atlantik hinaufzieht. Seine reduzierte Casualness, die sich von den polierteren Varianten der poshen Ports anderer Regionen oder von angeberisch-altherrenhaften Modellen unterscheidet, ruft die Segelkultur der Nordostküste der USA auf. Und weiter, quasi durch territoriale Nachbarschaft und biographische Kontingenz, bezieht er sich auf die Stile und Lebensführung des Nachwuchses der segelnden Klassen. 

Der Schuh gehört zur Garderobe und verkörpert ein wichtiges Element der Dresscodes der Jugend dieser Gegend und Schicht, die ihre Ausbildung nach der teuren High School mit einem oder zwei Jahren auf noch teureren Privatakademien, den sogenannten Prep Schools verlängert. Um sie dann auf kostspieligen Colleges fortzusetzen, wo der Boatshoe sich ebenso gut für die Campusüberquerung vom Dorm in die Dining Hall eignet wie für den Restaurantbesuch mit Familienanhang am Parents’ Weekend. Auch hier bietet er die Möglichkeit, ein generell gehobenes Setting durch unbekümmerte Nachlässigkeit aufzulockern, ohne es grundsätzlich in Frage zu stellen. Wie gutes Denim altern Boatshoes ansehnlich und erreichen selten den Zustand vulgärer Ausgelatschtheit, der das Campus-Decor brechen könnte. Eher fallen sie vorher komplett auseinander. Durch diese Herkunft, und das Versprechen, die stilistischen Werte seines Ursprungskontextes in modisch-markiertes Kapital umzumünzen, wurde der Boatshoe zu einem der wichtigsten Accessoires der Preppiness.


Colette x Sebago Dockside 40th Anniversary Boat Shoe

Wer in der letzten Zeit aber einen Blick in Mode- und Musikmagazine, oder auch in die Schaufenster von Schuhgeschäften, von Massenbekleidern wie H&M oder schlicht auf die Füße der ausgehenden Jugend geworfen hat, weiß, dass sich die angesprochenen Dinge ändern – wenn sie sich nicht längst geändert haben. Einige Traditionsmarken haben Wind von dem Hype bekommen, der um ihr Produkt entstanden ist und versuchen seit einer Weile, die Welle zu reiten, indem sie auf Crossbranding mit jungen Independent-Designern aus dem hochpreisigen Hipster-Segment setzen. Der Trend führt klassische Segelschuster wie Sebago oder Sperry’s mit Designern wie Opening Ceremony oder Band of Outsiders zusammen, die in den letzten Jahren ohnehin Preppy-Gesten in ihr Repertoire aufgenommen hatten. Doch die Übersetzung funktioniert nicht. Ihre Ergebnisse – Boatshoes in leuchtendem Gelb oder Grün mit weissen Bändeln oder ausgeführt in grauem Flanell – sind sogar denkbar unüberzeugend. Das Modell trägt nicht die versuchte Aufsexung und verliert beim Materialtransfer seinen Flair. Das Ergebnis ist eine trendmorphologisch überzeichnete Karikatur. Schon vorher war ein anderer Aneignungsversuch ästhetisch gescheitert: Als die Marke Timberland dem Lederaufbau der Segelschuhe fett profilierte Outdoor-Sohlen unterlegte und damit den idealen Herbstschuh für Jurastudenten schuf, bei gleichzeitiger modischer Vollpleite. Dasselbe gilt für die Versuche, den Schnitt des Schuhs in Richtung einer Schnürstiefelform zu modifizieren, wie man sie in letzter Zeit häufiger sieht. Das flache Bett findet keine plausible Verlängerung in Richtung der Knöchel, die dünne, flexible Sohle gibt dem Stiefel keinen optischen Halt. Die Anmutung ist hilflos, der Versuch die nächste Schuhidee zu generieren, wirkt angestrengt. 


Kanye West x Louis Vuitton

Gleichzeitig verdichten sich die Zeichen, dass der nächste Referenzschuh genau die Form haben könnte, zu der der Boatshoe sich einfach nicht weiterentwickeln lässt. Der boot, also der Stiefel, in seinen Varianten vom hakengeschnürten Bergsteiger- und Wanderschuh bis hin zum soliden, fast kniehohen Winterstiefel, der im Formrepertoire eher klassisch liegt, im Rahmen stabil, der aus Leder gefertigt und mit Fell gefüttert ist, scheint das Erbe des Boatshoe als Accessoire anzutreten, das kein Accessoire sein möchte, weil es seinen Schmuckwert hinter einer Aura von sophisticated functionality verschwinden lässt. Der boot reiht sich mit dem Boatshoe und sogar – in grauer Fashion-Vorvergangenheit – mit dem Sneaker in die Folge stilistisch appropriierter Funktionsschuhe, die Bequemlichkeit und Praktikabilität in einen der wichtigsten subkulturellen Modewerte umcodieren wollen, nämlich Lässigkeit.


The Ransom by Adidas Bluff

Der aktuelle Wechsel von Boatshoe zum boot geht dabei mit der modischen Umdefinierung des männlichen Körpers einher, die sich seit geraumer Zeit vollzieht. Die Vorherrschaft der Jungenhaftigkeit und Jugendlichkeit, ja der waifyness, wie sie die Skinny Jeans tragende Rock- und Elektro-Indiejugend verkörperte, ist vorbei, die Konturen eines robusteren und erwachseneren Körpers zeichnen sich ab. Dieser Körper, den der boot verspricht, ist dabei weniger athletisch trainiert als eher durch Bergtouren und Ausflüge in den Lake District, das Elsass oder ins Mittelgebirge unaufwändig gekräftigt. Mit anderen Worten: die Mode ist gerade dabei, Outdoor-Maskulinität zu usurpieren. In diese Richtung weisen auch die mittlerweile omnipräsenten Heritage Americana wie das karierte Holzfällerhemd aus Flanell oder das geknöpfte langärmlige Baumwollunterhemd, die Frontier-Flair verbreiten. Derweil wird das Ausstrahlungsgebiet des Boatshoe wieder auf Campus und Marina zurechtgestutzt, wo er, relativ untangiert von seinen zeitweisen modischen Ausflügen, seine stilistische Gültigkeit behalten hat. 

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Philipp Ekardt ist Literatur- und Kunstwissenschaftler, er unterrichtet und forscht an der Freien Universität Berlin. Über Mode schreibt er hauptsächlich für Spex, in deren aktueller Ausgabe (#330, Jan/Feb 2011) ein kurzer Text von ihm über ›Euro-Prep‹ erschienen ist. Akademisch beschäftigt er sich unter anderem mit der Modetheorie Walter Benjamins.

8 Responses

  1. df

    oha. häßlich, häßlich, häßlich, häßlich, häßlich und häßlich.

    ein glück, dass nicht jeder depp bei eurem stylo-gedöns mitmacht, sonst müsste man sich ja schämen.

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